THEATER, FILM UND KUNST IN KLEINEN FORMATEN. SAMMELBILDER VON 1875 BIS HEUTE

THEATER, FILM UND KUNST IN KLEINEN FORMATEN. SAMMELBILDER VON 1875 BIS HEUTE

Wer sich am Ende des 19. Jahrhunderts 100 Gramm Liebigs Fleischextrakt leistete (für fast eine Goldmark), erhielt vom Kaufmann ein oder mehrere Sammelbilder. Als Mitbringsel für Kinder gedacht, waren auf ihnen zumeist auch kleine Kinder beim Spiel, bei Scherzen oder bei neckischen Vorführungen abgebildet. In den 1890er Jahren entdeckten die Erwachsenen den Reiz der Bildchen und begannen sie zu sammeln. Nun kamen kulturhistorisch bedeutende Themen und Sujets hinzu. Unter ihnen Darstellungen aus der Welt des Theaters, später auch des Films oder des Sports. Auffallend ist bei Liebigs Sammelbildern ihre technische und künstlerische Perfektion. Andere Firmen (Stollwerck!) boten ihrem Publikum mit den Bildern sogar ein künstlerisches oder nationales Erziehung- und Bildungsprogramm.

Theatrales findet sich nicht nur in entsprechenden Motiven: Szenen aus Opern, Revuen, Operetten und Schauspielen oder Porträts von Schauspielern und Theaterautoren. Die Art der Darstellung hat vielmehr auch bei Gegenständen aus Natur und Technik, Geschichte und Kulturgeschichte oftmals theatrale Momente.

 

Das Sammelbild: wertig, nicht wertvoll.

Zu Begriff, Praxis und Geschichte des erfolgreichsten druckgraphischen Mediums der letzten 150 Jahre

 

Unscharfe Grenzen

Sammelbilder sind Bilder zum Sammeln. So banal tautologisch der Satz erscheint, so unerlässlich ist er für eine Begriffsbestimmung. Wird er beherzigt, ist klar: Bilder, die für eine andere Funktion gemacht und entsprechend genutzt werden, sind etwas anderes. Bildpostkarten zum Beispiel werden auch gesammelt, aber eben nur ›auch‹; vordringlich sind sie zum Versenden von Mitteilungen gedacht. Sie gehören daher nicht zum Corpus der Sammelbilder, selbst wenn ihr Sammeln und das der Sammelbilder zeitlich und sogar kultursoziologisch wie institutionell zusammen entstand – so gab es Ende des 19. Jahrhunderts etwa eine ›Zeitschrift für Postkarten- und Liebigbildersammler‹. Auch Werbemarken entsprechen nicht dieser Kategorie; sie werden zwar genauso gesammelt, zum Teil von den gleichen Firmen für Werbezwecke herausgegeben und zeigen sogar ähnliche oder gar dieselben Motive. Sie dienen aber – so ist es gedacht – zum Verschließen, Versiegeln eines Briefes oder nur zum Verzieren, wenn sie aufgeklebt werden; daher sind sie auch gummiert. Genauso sind Briefmarken keine Sammelbilder. Sie sind zwar seit den ersten Jahren nach ihrer Erfindung seriell, werden in Sätzen zusammengefasst und erscheinen zuweilen periodisch (zumeist aber wie Sammelbilder unregelmäßig), werden gesammelt und in Alben (mit Vordrucken sogar, wie es sie vielfach für die kleinen Bildchen gibt) aufbewahrt, dienen aber zunächst dem Freimachen einer Postsendung. Und – um ein letztes Beispiel zu erwähnen – auch Oblaten bzw. heute Sticker oder Klebebildchen sind keine Sammelbilder. Auch sie haben vieles mit ihnen gemein, werden etwa wie ein schulisches Fleißkärtchen als Dank für eine Spende oder einen Kauf verschenkt – so wie Sammelbilder. Kultur- und wirtschaftsgeschichtlich gehören sie sogar zur gleichen Kategorie wie die Sammelbilder, zu den »Luxuspapieren« (Pieske) und wurden ebenfalls in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beliebt. Sie sind ähnlich bunt, sprechen vorwiegend Kinder an, wie die ersten und aufs Ganze gesehen die meisten Sammelbilder. Aber ihnen geht (vielfach) das Welthaltige, die Darstellungsfunktion ab, die bei Sammelbildern (fast immer) hervorsticht.

Prof. Dr. Hans-Otto Hügel (Universität Hildesheim)