Eine Tiefenbohrung ins Herz der Geschichte

Vor 16 Jahren hatte hier Nicolas Stemanns Hamlet Premiere, eine gefeierte, beispielhafte Inszenierung, in deren Mittelpunkt der Schauspieler Philipp Hochmair stand - und die Frage nach dem Sinn des Aufbegehrens in einer Konsensgesellschaft. Die Erinnerungen daran sind noch nicht verblasst.

Kann man es überhaupt schaffen, über diese Inszenierung hinauszugehen? Man kann. Thorleifur Örn Arnarsson beginnt mit der Zombie-Apokalypse und steigert sich dann langsam. Sein Anspruch ist hoch: Er will eine Tiefenbohrung ins Herz der Geschichte (auch der Aufführungsgeschichte) veranstalten. Das zeigt schon das Bühnenbild. Vytautas Narbutas hat einen eindrucksvollen Tunnel auf die Bühne stellen lassen. Schwer auszumachen, ob das eine Tunnelbaustelle oder die Ruine eines Tunnels ist; auf jeden Fall geht es in die Tiefe. Hinein in ein Textmassiv - und direkt zur Frage, was eigentlich die Wirklichkeit des Spiels ist. (...)

Das ist wild, das ist witzig, das ist wahnsinnig - und das ist wahnsinnig gut.

Und Hamlet ist noch mehr als das Spiel der Seins- und Spielebenen. Das Stück ist auch noch Polit-, Generationen- und Liebesdrama. Mindestens. Das greift sich der Regisseur und bringt es mit Leichtigkeit (und einer sympathischen Unbekümmertheit) auf die Bühne. Die wunderbar verrückten Kostüme von Sunneva Ása Weisshappel helfen dabei, das Spiel zu strukturieren: Zu Beginn treten alle in weißen Kostümen auf, dann in schwarzen, am Ende - wir haben uns in der Hölle der Mehrdeutigkeit eingerichtet - in roten.

Daniel Nerlichs Hamlet hat nur wenig Grüblerisches. Aber das passt. Denn hier geht es weniger um die Auslotung psychischer Feinheiten als vielmehr um die Frage nach dem Sein oder Nichtsein. Woran können wir uns halten? Was ist die Wirklichkeit unserer Wirklichkeit? Was hilft das Spiel? Es ist ein Spiel um Leben und Tod.

+ 20.02.17 + Hannoversche Allgemeine + Ronald Meyer-Arlt +

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