Ansehnlich und kurzweilig

Das Schlüsselwort zum Problem dieses durchaus ansehnlichen wie kurzweiligen Abends liefert Kühnel unmittelbar vor der Pause selbst: Fokus. In einer schön runtergedimmten Sequenz lässt er Philippe Goos durch den Vorhang in den Pausenapplaus treten. Hier ganz auf die unmikrophonierte Stimme gestellt, lässt Goos den kommunistischen amerikanischen Journalisten John Reed das Publikum direkt adressieren. Fragt nach seinem Buch Zehn Tage, die die Welt erschütterten, spricht von der historischen Gelegenheit für die Internationalisierung der Revolution. Und kommt im launigen Dozieren auf: Lenins Fokus. Seine Konzentration auf eine Sache. Die ihn zu einer Art Katalysator habe werden lassen.

Eine historische Hoffnung, gewiss. Darum auch die distanzierende Großform der Revue, in die Tom Kühnel seine Rückschau auf das Titel gebende Revolutionsjahr 1917 anlegt. Eine dreistündige Folge szenischer Sing-Spiel-Bilder, die eine aufwendige Bühnenmaschinerie in Bewegung setzt: vom roten Prospekt, der bühnenfüllend über Lenins Rednerkopf gehievt wird über ein charmantes Blue-Screen-Arrangement, das die Akteure filmisch in die notorische Treppenszene aus Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin hineinversetzt bis zur Zarenpalastanmutung als gigantisch ratternder Dia-Show und einer gezielt geschrumpften Kolchos-Musical-Sequenz inklusive Traktor.

+ 26.03.17 + nachtkritik.de + Tim Schomacker +

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