Archetypischer Versuch über Erinnerungsarbeit

Fast 500 Seiten Lesefutter, das Dušan David Pařízek, Regisseur aus dem ähnlich geprägten Tschechien, mit dem aus Bulgarien stammenden Ensemblestar des Deutschen Theaters Berlin, Samuel Finzi, fürs Schauspiel Hannover adaptiert. Nicht dokutheaternd, nicht tränendrückend Staatsterror bebildernd, nicht billig auf Parallelen zur Aufarbeitung der NS- und SED-Geschichte verweisend, sondern als geradezu archetypischen Versuch über Erinnerungsarbeit.

 

Mit überzeugend beiläufiger Präzision arbeitet die Bühnenfassung das Grundprinzip politischer Wenden heraus: Die alte Nomenklatura macht nach dem Umsturz unter neuer Überschrift weiter.

 

Metodi und Konstantin, »Macht und Widerstand«, das ist in Hannover ein virtuos einfühlsam gespielter Balanceakt zwischen Distanzierung und Umarmung, da Pařízek auch in emotionalen Aufschwüngen bohrend genau die Antriebe der Figuren erkundet, nicht bewertet. Dabei mit clownesken Zwischenspielen, Witzen, schrägen Blasmusikeinlagen, kurzfristigem Durchtauschen der Rollen entspannt und auch eine Furzchoreografie einbaut. Absurde Fußnoten, die den beängstigend karg ausgearbeiteten Folterszenen als Resonanzraum zur Wirkkraft verhelfen. Ohne dass es je deprimierend wird.


Stets ist ein Kampf um Würde zu erleben, durchglüht vom heiligen Zorn der Aufklärung. Und ein Appell gegen die »Vergiss es«-Aufforderung der Nachgeborenen, die auf der Bühne dahingehend zitiert werden, sie seien nicht apathisch, sie wollten einfach nur leben. Macht ohne Widerstand wird akzeptiert – was den zu früh Geborenen nicht mehr möglich ist.

+ 19.12.16 + die tageszeitung + Jens Fischer +

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