Radikale Reduktion, klugerweise

Ein monströses Thema. Aber keine monströse Inszenierung. Ilija Trojanows Roman Macht und Widerstand behandelt nicht nur das Wesen politischer Systeme, sondern stellt letztlich die elementare Frage: »Was ist Wahrheit?« Klingt so, als könne das auf der Bühne kaum funktionieren. Aber es kann, wie die Uraufführung im Schauspielhaus bewies.

 

Regisseur Dušan David Pařízek setzt, klugerweise, radikal auf Reduktion. Das beginnt schon beim selbst entworfenen Bühnenbild: Vorn ist sehr nah am Publikum ein offener Kubus aufgebaut, in dem sich die Handlung größtenteils abspielt, hinten stehen Tische und Kleiderständer. Nur vier Akteure stemmen den Stoff – der sich vor allem über Sprache vermitteln muss, denn Action im klassischen Sinne hat Pařízek kaum vorgesehen.

 

Die Balance zwischen Emotion und Zurückhaltung zu finden, ist keine einfache Aufgabe für die Darsteller. Als Konstantin überzeugt Samuel Finzi, streckenweise legt er so etwas wie eine großartige Penetranz an den Tag. Markus John poltert als Metodi kräftig herum, ohne jedoch jemals die Grenze zur Karikatur zu überschreiten.

 

Ganz sparsam setzt Regisseur Pařízek humorige Akzente, die der Auflockerung dienen. Vor allem ist dafür Henning Hartmann in multiplen Rollen zuständig – mal spielt er einen Hund (sehr souverän), mal robbt er in der Horizontalen von der Bühne (ziemlich komisch), mal steht er bei einer Party in Strapsen da (dann doch ein wenig albern). Auch Sarah Franke hat mehrere Parts, der interessanteste ist Nezabrawka, eine Frau, die Popow zunächst unerbittlich der uneingestandenen Vaterschaft bezichtigt, aber später korrumpierbar erscheint.

 

Genau in diesem Verwischen des starren Gut-böse-Schemas liegt eine Stärke des Abends. Es gibt Momente, in denen der zu normalen Beziehungen unfähige Konstantin schlicht nervt, während Popows Verbohrtheit schon mal ins Wanken zu kommen scheint. Jedenfalls überrascht es nicht, dass nachher alle in den gleichen roten Pullovern dasitzen.

 

Finzi stammt aus Bulgarien, Pařízek aus der Tschechoslowakei – vielleicht hat das einen Extraschuss Sensibilität ins Spiel gebracht. Wie auch immer: Aus der Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin ist Bewegendes hervorgegangen, zu Recht stürmischer Premierenapplaus.

+ 19.12.16 + Neue Presse + Jörg Worat +

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