Ein dramaturgischer Coup

Was auf den ersten Blick wie ein Remake aussehen könnte, ist ein dramaturgischer Coup sowohl der Ruhrfestspiele als auch des koproduzierenden Staatsschauspiel Hannover. Mit Philipp Winklers furiosem und vielgelobtem Debüt Hool pickt Walburg nicht nur einen Stoff, der vor der eigenen Haustür angesiedelt ist, sondern trifft auch bei dem diesjährigen Motto der Ruhrfestspiele Kopf über – Welt unter ins Schwarze.

 

Chorische Passagen, urwüchsige Sprüche, Fachvokabular und Plattdeutsch wechseln sich mit epischen Beschreibungen der Erzählerfigur und Chefprüglers Heiko ab. Trotzdem bleiben die Schicksale immer zum Greifen nah, sie werden niemals exotisch und strahlen eine gefährliche Faszination aus.

 

Die fünf großartig agierenden Schauspieler, die sich die Rollen je nach Temperatur aufteilen, sezieren ihre eigenen Statements mal als Gruppe mit sonorer Mikrofonstimme im abgedunkelten Zimmer oder hangeln sich durch das Stahlgeäst der Stadiontribüne wie durch ihren privaten Dschungel aus Lianen und Baumwipfeln. Das soziale Geo-Setting zwischen Bienenstich, Entzug, gescheiterten Schullaufbahnen, einer Muckibude namens Wotan Boxing-Gym und der obilgatorischen Stammkneipe wird erst porös, als einer von ihnen schwer verletzt im Krankenhaus landet. Da wird deutlich, für wen ein Ausstieg längst nicht mehr möglich ist, weil die Gewalt zur Sucht und das Universum von Kicker, DFB-Pokalrunde und immer abstruser werdenden Prügel-Treffen zum Lebensinhalt geworden ist. Am Ende ist es die Wut auf die Verhältnisse, für die es keinen Abfluss mehr gibt.

+ 25.05.17 + nachtkritik.de + Friederike Felbeck +

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