#1 Showtime

Die alltägliche Performanz-Penetranz

30.09.16

Nur um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich halte nichts von der Verherrlichung der Vergangenheit, nichts von Nostalgie, Ostalgie, Westalgie oder anderen verkitschten Erinnerungen. Selbst wenn ich wie jeder andere Mensch hin und wieder wehmütig an irgendwelche nicht mehr existierende Dinge zurückdenke – Wählscheiben-Telefone, Tri-Top, Cappuccino mit Sprühsahne oder Marihuana, das einem nicht gleich beim ersten Zug aus den Socken haut – bin ich nicht der Meinung, früher sei irgend etwas besser gewesen. Ich bin im Westdeutschland der 70er Jahre aufgewachsen: Auch wenn sich damals schon viel geändert hatte, sich quasi täglich in rasantem Tempo weiterveränderte, stieg einem mitunter der beklemmende Muff der Adenauerzeit in die Nase. Ein Muff, der in irgendwelchen Schmutzecken, Abstellkammern, Schulbüchern oder in fleischfarbenen Miederwaren die 60er überlebt hatte. Es müffelte in den Klassenzimmern, auf den Ämtern und im Sonntagnachmittagsprogramm von ARD und ZDF. Nicht ständig, aber immer wieder.

 

Wer das Leben und die Entwicklung der Alltagskultur der Bundesrepublik Deutschland mit einigermaßen ehrlichem und analytischem Blick betrachtet, weiß: Wären nicht die 68er (trotz all ihrer Beklopptheiten und Verirrungen), die Gastarbeiter und die anglo-amerikanische Popkultur gewesen, säßen wir hier immer noch bei gruseligen Operetten- und Marschmusikklängen in einer grau getünchten Waschküche (oder vor der Schrankwand Eiche-Rustikal), löffelten Wirsingsuppe, tränken zur Verdauung Schinkenhäger und blätterten zur Zerstreuung in Landser-Heften. Ja, ja, Klischees, sicher, aber in den 70ern hatte man ständig das Gefühl, ein solches Deutschland existiere noch parallel im Untergeschoss und wenn man nicht aufpasste, würde das bisschen Seventies-Buntheit und Olympia-72-Weltoffenheit schnell wieder verschluckt und die Dumpf-Deutschen rumpelten sofort in Kompaniestärke die Kellertreppe hoch, um sich ihr Land zurückzuholen. Was ich damit sagen will: Früher war nichts grundsätzlich besser. Heute hat man zu Recht Angst vor den verklemmten Anzug-Faschisten der AfD, damals saßen überall noch alte reuelose Original-Nazis.

 

Dennoch gibt es natürlich Phänomene, denen ich auf die eine oder andere Art etwas nachtrauere. Zum Beispiel dem Umstand, dass man »früher« noch keine Notwendigkeit sah, das Leben komplett durch zu inszenieren – egal, ob Alltag, Politik oder Wirtschaft. Gerade Theatermenschen verstört dieses Bedürfnis der Restwelt – im konkreten wie übertragenen Sinne –, überall Bühnenbilder aufzubauen, Lichtstimmungen einzurichten und alle Handlungen nach Regieanweisungen stattfinden zu lassen. Pardon: Inszenierungen sind doch eigentlich unser Kerngeschäft!

 

Allerdings gibt es einen kleinen Unterschied: Theaterleute haben den Umstand, dass es in ihrem Beruf um Inszenierungen geht, nie geleugnet. Zumindest nicht die unter uns, die noch alle Latten am Zaun haben. Die anderen gibt es zugegebenermaßen auch, die verwechseln gerne mal Kunst und Leben, aber das ist ein anderes Thema.

 

Im Theater wird jedoch inszeniert, um Interpretationen zu liefern, neue Perspektiven zu konstruieren, mal von der anderen Seite auf etwas zu schauen – und um dann über diese Interpretationen und Perspektiven zu reden, zu streiten. Diese Inszenierungen behaupten nicht, Realität zu sein, sondern sind Diskussionsgrundlage. Manchmal wird auch inszeniert, um Spaß zu machen, herumzualbern, zu unterhalten. Auch das ist für jeden offensichtlich und transparent. Und legitim.

 

In anderen Lebensbereichen aber wird zunehmend »inszeniert«, »dargestellt«, »präsentiert«, »performed« (bzw. »Performances«, gerne auch »Performanzen« –abgeliefert) oder es wird ein »Narrativ« – also eine »Erzählung«, auch ein Begriff aus der Kunst – produziert, um vom Eigentlichen abzulenken. Um einen schönen Schein zu konstruieren. Um zu täuschen. Oder sagen wir es neutraler: um eine Zweitrealität zu möblieren. So kommt es einem zumindest vor.

 

Dialektischerweise wird diese Täuschung permanent thematisiert. Aber nicht, um sie aufzudecken, sondern um sie effektiver zu gestalten. Zum Beispiel wenn Heidi Klum ihren ausgebeuteten, meist minderjährigen Möchtegernmodels in der Sendung sagt, sie müssten »attitude« und »personality« zeigen (nicht etwa eine Haltung, Persönlichkeit oder gar eine Meinung haben – dann müssten sie die Mode-Domina ja permanent ohrfeigen, und das würde den Sendungsverlauf stören). Oder wenn darüber geredet wird, wie sich ein Unternehmen in der Öffentlichkeit darstellt, wie der »Auftritt« einer Firma am Markt ist – und nicht über die Qualität der Produkte. Auch schön: Mediencoaches, die Interviews geben, in denen sie erzählen, dass sie Politikern beibringen, nicht auf Fragen zu antworten. Diese sollen vielmehr lernen, ohne Rücksicht auf den Gesprächspartner und die Zuhörer ihre Statements loszuwerden und sich und ihre Positionen zu »präsentieren«.

Alle schwindeln allen etwas vor und reden auch noch offen drüber. Und tun so, als sei das normal. Respekt. Das ist eine Form von Meta-Behummsungs-Diskurs, der mich beeindruckt.

 

Es ist aber noch viel absurder. Da man davon ausgeht, dass jeder ununterbrochen »performed«, werden selbst dort bewusste »Performances« vermutet und behauptet, wo vielleicht gar keine sind. So wurde der Münchener Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins nach dem Amoklauf des depressiven rechtsradikalen Jugendlichen David S. vor allem für seinen »Auftritt« gelobt. Dabei ging es nicht darum zu formulieren, dass der Mann vielleicht einfach ein guter, unaufgeregter Typ ist, der seinen Job korrekt erledigt hat, sondern man bekam den Eindruck, seine Professionalität und seine Leistung bestünde darin, in dieser Situation bewusst diverse Darstellungsregister gezogen zu haben. Auf youtube erklärt der Körpersprache-Experte Stefan Verra – der sich auf seiner Homepage selbst »Rockstar der Körpersprache« nennt – haargenau die Gesten und Bewegungen des Polizeisprechers, was diese bewirkten und welche Botschaften er damit transportieren wollte. Man wartet nur darauf, dass der Körper-Rocker sagt: »Alles mein Coaching! Ich hab ihn zu dem gemacht, was er ist!«

 

Im Idealfall weiß ein Pressesprecher selbstverständlich, was er tut, und sicher wird auch Marcus da Gloria Martins das eine oder andere Kamera-Training absolviert haben, aber wenn man sich die Aufzeichnungen anschaut, fällt auf, dass er vor allem nichts macht. Er kommt, versucht klar und deutlich auf Fragen zu antworten und fertig. Wenn er etwas nicht weiß, sagt er das. Das ist eher eine Anti-Performance. Ehrlich gesagt, wirkt er sogar ein bisschen, als habe er einen Stock im Arsch. Sehr deutsch. Ein Mann mit der Aura eines Akten-Hänge-Registers.

 

Bevor jetzt jemand einwendet: Das sei ja grade die Performance, die hochgelobte. Nee, eben nicht. Es ist ein Unterschied, ob jemand versucht, die Situation realistisch und ruhig darzustellen oder ob er sich verstellt und eine Show macht. Es ist ein Unterschied, ob ich meine Firma nach bestimmten Prinzipen leite und sie dann auch so präsentiere – oder ob ich von einer Agentur eine »corporate identity« und ein »coporate design« entwickeln lasse. Es ist gleichfallsein Unterschied, ob ich eine Geschichte so erzähle, wie ich sie sehe, oder ob ich absichtlich ein sinngebendes »Narrativ« entwickele. Der Unterschied mag in manchen Fällen nur graduell sein, aber er ist entscheidend. Es ist der Unterschied zwischen Bewusstheit und Täuschung.

 

Um doch einmal kurz einen Zeh ins Retro-Töpfchen zu tunken: Betrachten wir Old-school-Politiker wie Franz-Josef Strauß oder Herbert Wehner. Unangenehme Typen. Unsympathisch, egozentrisch und auf eine autistische Art charakterlich eitel. So präsentierten sie sich auch. Weil sie gar nicht anders konnten. Weil es ihnen wurscht war. So wie ihre äußere Erscheinung ihnen wurscht war. Wenn man damals in die Öffentlichkeit ging, zog man einen grauen Anzug an. Fertig. Kein unnötiger Gedanke daran, wie ein Schlips oder kein Schlips oder wie eine Fliege wirken könnte. Oder ein Armani-Anzug. Oder Turnschuhe. Strauß tritt 1987 am Wahlabend besoffen vor die Kamera, Wehner pöbelt und bellt Ernst Dieter Lueg (für die jüngeren: ein WDR-Journalist, dessen Nachnamen man »Luug« aussprach) als »Herr Lüg« an, um nur zwei legendäre Begebenheiten zu nennen. Im Nachhinein kann man das in der Analyse auch als eine »Performance« bezeichnen, aber es ist davon auszugehen, dass diese Auftritte im Vorfeld weder geplant noch kalkuliert waren, sondern dass die Akteure sich einfach unkontrolliert und situativ verhielten. Weil sie noch keine Angst vor der Reaktionen auf ihr Verhalten hatten bzw. nicht fürchteten, dass ihre »Performanz« diskutiert und interpretiert werden könnte.

 

Ja, sicher: »The world’s a stage ... « Aber das ist banal. Wir alle stellen uns schon immer dar. Absichtlich, unabsichtlich. Dennoch gibt es einen Unterschied, ob der Schwerpunkt auf dem »Was« oder dem »Wie« liegt. Sowohl bei denen, die etwas tun, wie auch bei denen, die das Tun interpretieren.

 

Das unterscheidet die Künste übrigens von anderen Bereichen. Hier sind »Sinn und Form«, Inhalt und Darstellung – zumindest bei einem gelungenen Kunstwerk – nicht voneinander zu trennen, sie bedingen sich. Sie sind eine Einheit. Kunst stellt Inhalte dar. Darum geht es. Und Kunst steht und fällt damit, dass sie das gut und angemessen macht.

 

Das ist in der Politik anders. Die Art, wie ein Gesetz oder eine politische Handlung »kommuniziert« und aufgenommen wird, sagt zunächst nichts über die Qualität des Gesetzes oder der Handlung aus. Eigentlich.

 

PS: Nur noch eine kleine Anmerkung zum Münchener Polizeipressesprecher. Während die Medien den deutschen Amokläufer David S. aufgrund der Herkunft seiner Eltern von Anfang an als »Deutsch-Iraner« bezeichneten, las man kein einziges Mal vom »deutsch-portugiesischen« Pressesprecher da Gloria Martins. Das nur als Trivia. Hat nichts mit dem Thema zu tun. Vielleicht aber doch. Mit dem Spannungsfeld von Selbstdarstellung und Fremddarstellung. So, jetzt gehe ich zu meinem Fortbildungskurs Showtime! Erfolgreiche Selbstpräsentation. Angeboten von der VHS Hannover. Kursgebühr 38 Euro. Dafür kann man es nicht selbst machen.

 

PPS: Ja, ich weiß, dass »Performanz« eigentlich ein Begriff aus der Linguistik ist und inzwischen auch in der Gender-Theorie benutzt wird. Aber ich hab nicht mit dem Falsch-Benutzen angefangen.


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