#2: WIR HAM EUCH ETWAS MITGEBRACHT: HASS, HASS, HASS

Über die verbale und reale Rückkehr einer Emotion

10.10.16

Als ich ein Kind war, vor rund 40 Jahren, wurde in Deutschland weder großflächig noch weiträumig gehasst. Zumindest nicht verbal, zumindest nicht öffentlich, zumindest nicht eingestandenermaßen. Das Wort »Hass« war in der Alltagssprache quasi ausgestorben. Wenn sich tatsächlich mal jemand dazu hinreißen ließ zu sagen: »Ich hasse dich/das/jenes«, dann war das starker Tobak. Man zuckte zusammen und gab der Person die Notfallnummer eines psychologischen Beratungsdienstes. Oder Tabletten.

 

Diese Hemmung, öffentlich Hass zu formulieren, bedeutete jedoch nicht, dass die Menschen weniger Aggressionen hatten. Wobei Hass und Aggressionen auch nicht zwingend das Selbe sind. So waren zum Beispiel die alltäglichen politischen Auseinandersetzungen in den 70ern, sowohl die parlamentarischen wie die außerparlamentarischen, von starker feindseliger Ablehnung und Konfrontation geprägt. Und betrachtet man den politischen Extremismus, die Terroranschläge der RAF und die staatlichen Reaktionen darauf – ohne dies miteinander gleich setzen zu wollen – , dann sieht man beiderseitige Wut, Verachtung, den Wunsch nach Rache und das Bedürfnis, den Gegner zu zerstören. Hier von Hass zu sprechen, wäre wohl nicht übertrieben. Formuliert hätte das aber kaum jemand so. Zumindest nicht im Bezug auf die eigene Fraktion. Man selbst handelte bei Gewaltanwendung natürlich rational, sachlich und zielgerichtet. Im Sinne der Demokratie. Oder der Revolution.

 

Es war damals, kurz nach den hippiebewegten End-60er-Jahren, einfach nicht en vogue, sich Hass einzugestehen oder Hass zu thematisieren. Auch wenn es tief drinnen in den Seelen weiter brodelte. Kurzfristig waren Slogans wie »Make love not war« oberflächlicher, modischer Mainstream geworden, quasi C&A-T-Shirt-kompatibel.  Zugegeben, das »Make« und das »not war« verflüchtigten sich schnell, übrig blieb »LOVE« in amöbiger Popschrift. Aber wer auch nur ein wenig an die Macht der Worte glaubt, der weiß, dass es nicht spurlos an den Menschen vorbei geht, wenn selbst Gymnasialreferendare und Fußball-E-Jugend-Trainer das Wort »LIEBE« – wenn auch auf Englisch –  auf ihrem T-Shirt spazieren tragen.

 

Und dann kam der Punk. Für mich als grade mal pubertierenden  Neo-Hippie war es verstörend, dass manche Punks nicht nur »HASS« in Großbuchstaben auf ihre Lederjacken tagten, sondern für das Doppel-S auch noch die in Deutschland aus guten Gründen geächtete Runenschrift benutzten. Aber letztlich war der Punk-Hass vor allem eine Provokation und trotz des munter gelebten Alltags-Nihilismus eher eine sarkastische Reaktion auf die gesellschaftliche Anpassung und Heuchelei der durch den Marsch durch die Institutionen und viel zu lange Gitarrensoli ermüdeten  »Love and Peace«-Generation. Für die inzwischen auch altgewordenen Ex-Punks mag es eine bittere Einsicht sein, aber es nützt ja nichts, sich zu belügen: Inhaltlich war der Punk nicht wirklich weit vom Hippietum entfernt. Immer noch ging es um Protest, Subkultur und einen Gegenentwurf  zu Krieg, Ausbeutung , Rassismus und Unterdrückung. Im Song Hass der passenderweise gleichnamigen Ruhrgebiets-Punk-Band heißt es: »Ich hab Hass / Hass auf Papst und Polizei / Ich hab Hass / Auf die ganze Tyrannei / Ich hab Hass / Hass auf was ihr uns erzählt / Ich hab Hass / Hass auf alles, was mich quält«. Und 30 Jahre später, nach ihrer Reunion, erklären zwei »Hass«-Musiker ihr Hardcore-Kuschel-Konzept in einem Interview so: »Eigentlich sind wir aggressiv im Namen der Liebe unterwegs«. Als ob wir uns das nicht gedacht  hätten...

 

Der Sänger der amerikanischen »Hatecore«-Punk-Band SFA (Stands for Anything), Brendan Rafferty, formulierte es in den 90ern inhaltlich ähnlich, ohne aber das diskreditierte Wort »Liebe« zu benutzen: »Für diejenigen, die es immer noch nicht kapieren, im Hate-Core, wie ich ihn genannt habe, geht es nicht um sinnlose, mutwillige Gewalt oder Diskriminierung, wie es manche Leute missinterpretiert haben. Es geht darum, die wahre Wut über die moralischen, sozialen und politischen Ungerechtigkeiten, die uns tagtäglich begegnen, auszudrücken.«

 

Mit echtem, zerstörerischem Hass hatte dies also alles nichts zu tun. Aber es war mit Sicherheit der Beginn der Renaissance eines Wortes, dem man inzwischen wieder allerorten begegnet. Zum Beispiel in der Alltagssprache, wenn Jugendliche – nicht nur in der Fack ju Göhte-Karikatur – ihr »dislike« mit emotionaler Wucht formulieren: »Ey, das/den hasse ich voll!« Statt wie früher moderat zu sagen »Da steh ich nicht drauf« oder »Den kann ich nicht leiden«. Aber auch das ist eher Posing und eine leicht amerikanisierte sprachliche Dramatisierung als echtes Extrem-Gefühl. Erkennbar auch daran, dass die  entsprechende positive Formulierung lautet: »Ey, das lieb ich voll.« Früher hätte man es wahrscheinlich nur »gemocht« oder »gut« oder »geil«  gefunden.

 

Aber leider ist auch der reale, gefährliche Hass, mit allen Konsequenzen inzwischen wieder omnipräsent: Wenn Nazis (a.k.a. »besorgte Bürger«) Asylbewerberheime anzünden und Menschen durch die Straßen jagen. Wenn rechtsradikale Hooligans Polizeiautos umlegen und skandieren »Wir ham euch etwas mitgebracht: Hass, Hass, Hass«. Oder wenn angeblich »bürgerliche«  und »demokratische« Politiker von der AfD fordern, man solle auf Flüchtende an der Grenze schießen. Wenn Pegidisten Galgen für Politiker als Demo-Deko herumtragen. Wenn Angela Merkel als »Fotze« und Herr Gauck als »Volksverräter« beschimpft werden. Und auch wenn Dschihadisten es nicht ertragen können, dass Menschen anders leben als sie und sich deswegen Bombengürtel umschnallen.

 

Viele schämen sich auch nicht mehr, ihren Hass als solchen zu benennen. So entlockte der Journalist und Poetry-Slammer Michel Abdollahi, der für eine NDR-Reportage einen ganzen Monat im mecklenburgischen Nazi-Dorf Jamel verbrachte, dem vorbestraften Neonazi-Häuptling und NPD-Politiker Sven Krüger folgende Begründung, warum dieser keine Asylbewerber kennen lernen wolle: »Das Problem ist, wenn man sie wirklich kennen lernt, kann man sie nicht hassen!«

 

Das Phänomen hat auch einen medialen Aspekt. Das Internet mit seiner Anonymität und seiner Unkontrollierbarkeit ist zum Tempel des Hasses geworden. Webseiten, die als Printerzeugnisse niemals in Deutschland gedruckt und verkauft werden dürften, sind für jeden verfügbar. Da die Seiten über ausländische Server betrieben werden, sind die Urheber nicht zu belangen. Diese Seiten kennen keine Tabus. Ob Holocaust-Leugnung, Hitler-Verehrung oder persönliche Diffamierung des Gegners, inklusive Veröffentlichung von Privatadressen und Aufrufen zur Gewalt. Die »Hater« fühlen sich durch diese Hemmungslosigkeit ermutigt, auch in sozialen Netzwerken und anderen legalen Zusammenhängen wie Kommentarspalten von Tageszeitungen oder in Leserbriefen – und oft bei voller Namensnennung – Dinge zu formulieren, für die man sie immer noch in den Knast bringen kann. Wir sprechen hier nicht von Petitessen, sondern von rassistischen und sexistischen Beleidigungen, Todeswünschen, Morddrohungen und Vergewaltigungsfantasien. Grade für viele Journalisten und Journalistinnen mit Migrationshintergrund sind diese Hass-Zuschriften Alltag. Aber auch andere in der Öffentlichkeit stehende und damit für den Hass-Mob identifizierbare Menschen mit Zuwanderungsgeschichte – ob aus Kunst, Kultur oder Sport –  bekommen diese zweifelhafte Fanpost. Wenn die Adressaten sich dann auch noch zu Themen wie Flucht, Asyl oder Rassismus äußern, erhöht sich die Beschimpfungsfrequenz und – intensität um ein Vielfaches. Aber eigentlich reicht es, dass diese Menschen sichtbar sind. Ihre Existenz ist Provokation genug.

 

Wie kann und soll man mit diesem Hass umgehen? Was den Dreck betrifft, der per E-Mail oder Schneckenpost ins Haus kommt, muss das jeder und jede selbst entscheiden. Manche erstatten Anzeige, manche ignorieren die Zuschriften. Eine Gruppe von hochkarätigen Journalisten und Publizistinnen tourte eine Zeit lang mit einem »Hate Poetry« benannten Programm durch Deutschland und gab die Hass-Post in einer ebenso kathartischen wie anarchisch-ironischen Lesung dem öffentlichen Gelächter preis. Niemand will sich von den irren Absendern, die leider nur allzuoft ganz durchschnittliche und »normale« Deutsche sind zum Opfer machen lassen. Denn auch hier gilt: Die Gehassten müssen den Mist zwar aushalten, sie müssen damit leben, aber weder sind sie das Problem, noch haben sie ein solches. Die Hassenden sind das Problem. Sie sind diejenigen mit dem Defizit. Darüberhinaus hat die ganze deutsche Gesellschaft damit ein Problem. Deswegen muss auch sie etwas gegen den Hass unternehmen. Wenn es um körperliche Gewalt geht, muss der Staat die Menschen schützen; wenn es um Beleidigungen geht, muss nicht nur widersprochen werden, sondern auch geächtet und strafverfolgt. Die falscheste Reaktion aber ist es, den Hassenden Zugeständnisse zu machen: die Asylgesetze zum 18. Mal zu verschärfen, über Absurditäten wie Burka-Verbote zu diskutieren oder mühsam errungene Fortschritte wie den – sowieso nur für eine Minderheit möglichen – Doppelpass wieder zur Disposition zu stellen. Leider geschehen all diese Dinge zurzeit.

Zugeständnisse werden aber nichts nützen. Hass ist irrational, egal ob wir von rassistischem oder religiösem Hass reden. Hassende machen keine Kompromisse. Mit inhaltlichen Zugeständnissen füttert man den Hass nur. Man gibt ihm Recht.

 

Selbstverständlich kann man andere Dinge tun, zum Beispiel soziale Ungleichheiten verringern, Toleranz vorleben und den Kindern frühzeitig die Vorteile einer vielfältigen Gesellschaft verdeutlichen, um hoffentlich wenigstens die nächste Generation weniger anfällig für Hassbotschaften zu machen. Bei vielen Erwachsenen ist es wahrscheinlich zu spät. Ist der Hass erst einmal da, kann man ihn nicht »widerlegen«. Denn wie heißt es im mitunter auch weisen Internet: »Haters gonna hate. Potatoes gonna potate«. Egal, was man tut.


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