#4: A Night at the Opera

oder: Witze mit Barth

19.12.16

Das Staatstheater Hannover hatte kürzlich Besuch. Nicht wir vom Schauspiel, sondern die Kollegen von der Oper. Mario Barth schaute mit versteckter RTL-Kamera vorbei und prangerte Steuerverschwendung an. Schwer investigativ. Es ging dabei allerdings weder um goldene Wasserhähne im Intendantenklo noch um karamellisierte Pavian-Hoden in der Kantine oder um Koks, Nutten und Stricher für Starregisseure. Es ging um die Oper an sich. Barth findet es skandalös, dass die Musiktheater-Inszenierungen vom Steuerzahler bezahlt werden, während Kindergärten das Geld fehlt. Das war – im Groben – der Zusammenhang beziehungsweise der Antagonismus, den er konstruierte.

 

Da es sein kann, dass unter den theateraffinen Lesern dieser Kolumne einige sind, die Mario Barth nicht kennen: Hier eine kleine Einführung in sein Leben und Werk:

 

Barth ist der erfolgreichste Komiker Deutschlands. Das Faszinierende ist allerdings nicht sein Erfolg, sondern womit er Erfolg hat: Seit Jahren variiert er stammelnd und klischeeberlinernd einen einsamen, einzelnen Witz, den er vermutlich Ende der 80er Jahren auf Klassenfahrt von einer abgenudelten Fips-Asmussen-Kassette abgeschrieben hat. Nur vergaß er dabei, die unvermeidbare Untenrum-Pointe zu notieren, die der Asmussen’schen Standard-Zote immerhin eine gewisse verstörende Geschmacklosigkeit verleiht.

 

Thematisch basiert der Humor Mario Barths auf der inzwischen wieder allseits beliebten These von der grundsätzlichen Unterschiedlichkeit der Geschlechter: Mars, Einparken, Caveman, Sie wissen schon, dieser Quatsch. Bei Barth besteht die Differenz vor allem darin, dass Männer zwar so’n bisschen bescheuert sind, Frauen aber extrem lächerlich. Barth sieht seine Geschlechtsgenossen als tapsige, schlichte, aber bauernschlaue und praxisorientierte Wesen mit Hang zur Flatulenz; Frauen hingegen – wie die im Programm immer wieder portraitierte Barth-Freundin – leben in einer irrationalen, regressiven Parallelwelt und können nur bis zum nächsten Handtaschenladen oder Duftkerzen-Verkaufsstand denken. Sie sind sogar zu doof, die Tankpistole in den Tankstutzen einzuführen. Und da ist der Witz dann zu Ende.

 

Peinlicher als seine Witze sind allerdings Barths größenwahnsinniger Gestus und Habitus. Selbstüberschätzung ist nichts Besonderes im Großkomikerbusiness, die Hybris des »KennsteKennsteKennste«-Komikers aber ist ebenso dumpf und uncharmant wie seine Gags.

 

Harald Schmidt, der Hohepriester des Größenwahns, der Großwesir der Omnipotenzfantasien, war sich zum Beispiel dieses charakterlichen Defizits – das wohl eine  »déformation professionnelle« der erfolgreichen Entertainer ist – durchaus bewusst und beschrieb es mit Hilfe von ironischen Selbstbezichtigungen. Sinngemäß sagte er einmal in einem Interview, dass er aufgrund seiner Geltungssucht vermutlich nicht hätte widerstehen können, wenn ihm in den 30er-Jahren die Moderation eines Reichsparteitags angetragen worden wäre. Ich weiß noch, wie ich damals dachte: Stimmt, und bei Schmidts Rückgratlosigkeit – mit der er stets ebenso kokettierte wie mit seinem Selbstbewusstsein – steht zu befürchten, dass er das Nazihaus auch tatsächlich gerockt hätte. Vermutlich wäre er anschließend von Goebbels zum Reichswitzemarschall ernannt worden.

 

So viel Selbstironie ist Barth fremd. Wenn er viermal das Berliner Olympiastadion füllt und damit einen Weltrekord im Verhältnis »Komiker/Zuschauermenge bei einem einzelnen Auftritt« aufstellt, spürt man, wie er diese nicht nur inhaltliche, sondern auch formal sinnlose Show (Kleinkunst im Sportstadion – da muss man ohne Chrystal Meth erstmal drauf kommen!) quasi mit beinharter mentaler Dauererektion durchzieht. Eigentlich könnte er sich auch auf die Bühne stellen und 90 Minuten fragen: »Bin ich geil? Bin ich geil? Bin ich geil?«

 

Barth findet sich aber inzwischen so dermaßen geil, dass ihm das alles nicht mehr genügt: Witze erzählen, Weltrekorde aufstellen, so viele Leute ins Olympiastadion locken wie einst der Führer... Der größte Komiker aller Zeiten will nun auch noch gesellschaftlich agieren. Aber er tut dies nicht etwa, wie man vermuten würde, indem er in seinen Stand-ups politisch Stellung bezieht, sondern er wechselt gleich das Genre. Wenn schon, denn schon. Vom Komiker zum Moderator einer »investigativen« TV-Show (Eigenwerbung RTL), in der er Fälle von »absurder Steuerverschwendung« an den Fernsehpranger stellt. Dabei gebärdet er sich wie eine Mischung aus menschgewordenem Verbraucherschutz, Günther Wallraff und Robbespierre. Die präsentierten Fälle sind dem Publikum teilweise bekannt wie der Flughafen-Dauerwitz BER, teilweise neu, weil überregional nicht von Bedeutung.

 

Tatsächlich geht es in der Sendung aber gar nicht um diese Geldpulverisierungs-Skandale oder gar um den Wunsch die Steuerverschwendungen zu beenden. So wenig, wie es in »Germany’s Next Top Model« oder in »DSDS« um die Suche nach Models oder zukünftigen Gesangstars geht. Alle diese Sendungen haben nur ein Ziel: Quote zu generieren. Und damit Werbekunden zu gewinnen. Das muss man nicht moralisch verurteilen, man muss es nur wissen. So wie man wissen muss, dass es auch der AfD nicht um die Interessen des »Volkes« geht, für das sie angeblich spricht, sondern um Stimmen, also um die Wahl-Quote. Und damit um Macht und Geld. Das Personal des Rechtspopulismus besteht ja nicht nur aus antidemokratischen Überzeugungstätern und Dumpfbacken, sondern auch aus gewissenlosen Machiavellisten.

 

Es ist übrigens keineswegs unfair, Barth – zumindest mit manchen seiner Äußerungen –  in dieses Umfeld einzuordnen. Spätestens mit seinem Facebook-Kommentar zum Attentat von Nizza und dem Amoklauf von München hat er dies selbst getan. Und vor allem mit dem nach der US-Wahl ins Netz gestellte Video, in dem vor dem Trump-Tower steht und sich und seine Zuschauer fragt, wo denn jetzt die vielen Anti-Trump-Demonstranten seien, von denen die Medien Tage zuvor berichtet hatten. Besser kann man den klassischen »Lügenpresse«-Vorwurf nicht formulieren. Dass an diesem Tag die Straße gesperrt war und überhaupt niemand dort demonstrieren konnte, war für ihn anscheinend ein zu vernachlässigender Umstand.

 

Wie alle Populisten weiß Barth, welche Knöpfe man drücken muss, um bei möglichst vielen Menschen eine bestimmte Reaktion hervorzurufen.

 

Und nun haut er eben mit Vorschlaghammer auf den Buzzer »sinnlose Kulturförderung«. Das Problem ist nur, dass er offensichtlich vom Thema keine Ahnung hat. Weder scheint er irgendetwas über die Oper zu wissen, ihre Inhalte, ihre Besucherstruktur, über die theater- und musikpädagogische Arbeit, die dort geleistet wird, noch über die Produktionsbedingungen im Stadt- und Staatstheatersystem. Nicht, dass es im staatlich geförderten Kulturuniversum nichts zu kritisieren gäbe, aber es sind mit Sicherheit nicht die Dinge, die Barth da ahnungslos thematisiert.

 

Aber ja: Grundsätzlich muss natürlich auch darüber gestritten werden, wie die im Vergleich zu anderen Bereichen lächerlich geringen Gelder verteilt werden. Ob diese oder jene Sparte oder diese oder jene Produktionsprinzipien mehr oder weniger gefördert werden sollten, darüber gibt es – ehrlich gesagt – viel zu wenige Diskussionen. Weil alle wissen, wenn irgendwo Geld wegfällt, sieht man es nie wieder. Futsch ist futsch. Umverteilt wird im Kulturbereich eher selten. Deswegen neigt die Kultur leider zu einem gewissen Strukturkonservatismus.

 

Aber auf eins sollten wir uns nicht einlassen: Auf die Diskussion darüber, ob Kultur überhaupt gefördert werden soll. Und genau diesen Affekt triggert Barth an. Wenn er als erfolgreicher Komiker sagt »In die Oper werden Millionen gepumpt, die den Kindergärten fehlen«, dann denken die Leute: »Stimmt, wozu muss der Staat überhaupt Theater fördern, wenn woanders Geld dringend gebraucht wird? Fernseh-Comedy funktioniert doch auch ohne Zuschüsse!« Was übrigens Unsinn ist, denn natürlich tingeln viele Comedians bevor sie berühmt werden über Bühnen von Kulturzentren und Kleintheatern, die ebenfalls vom Staat  gefördert werden. Oder sie treten im gebührenfinanzierten öffentlich rechtlichen Fernsehen auf. Barths Kindergartenargument ist auf dem gleichen Niveau wie die Argumentation der Rechten, die sagen: »Den Flüchtlingen steckt man alles in den Arsch, aber für unsere Rentner ist kein Geld da«. 

 

Das eine hat mit dem anderen aber nichts zu tun. In diesem Land gibt es genügend Geld, um Opern- und Schauspielhäuser, Kulturzentren und freie Theater (und die Betreuung von Flüchtlingen) sogar noch besser zu finanzieren als es im Moment geschieht und trotzdem Schulen, Kindergärten und Altenheime gut auszustatten. Das ist keine Frage des Geldes, sondern des politischen Willens.

 

Aber nur um Missverständnissen vorzubeugen: Bildungsbürgerliches kulturelles Elitedenken interessiert mich nicht die Bohne. Barths Argumentation – und die Zustimmung seines Publikums – hat auch nichts mit sozialer Herkunft oder fehlender Bildung zu tun, sondern vor allem mit fehlender Denkfähigkeit. Das ist der alte Schnösel-Fehler: Intelligenz und Bildung gleichzusetzen. Barth fehlt nicht die Bildung, ihm fehlt die Neugier, das Bedürfnis, klüger zu werden. Aus Barth spricht kein soziales Milieu, sondern eine bestimmte Art von Mensch. Barth ist die plappernde, selbstgerechte Bräsigkeit, die im Übrigen auch in der dozierenden Akademikervariante existiert.

 

Im Gegensatz dazu gibt es sehr wohl Menschen, die ursprünglich aus den berühmten »bildungsfernen« Schichten stammen und trotzdem genau um den Wert von Kultur wissen. Leute wie ich zum Beispiel. Unsereins hat Kunst und Kultur als eine große Chance erlebt, die Welt, die Gesellschaft und auch sich selber besser und anders zu verstehen. Und dadurch selbstbestimmter handeln zu können. Wenngleich die Kulturszene auch ein ähnliches strukturelles Problem hat wie unser Bildungssystem: Beide machen es Aufsteigern nicht leicht. Das könnte man aber ändern. Und vielerorts wird das auch versucht. Tatsächlich glaube ich, dass man den Wert von Kunst und Kultur manchmal sogar mehr zu schätzen weiß, wenn man nicht in dieser Sphäre aufgewachsen ist. Weil man sich dann der Besonderheit dieser Kommunikationsform bewusst ist.

 

Aber davon versteht jemand wie Mario Barth nichts. Wie soll er auch, wenn er nur Zuschauerweltrekorde, Fernsehquoten und damit letztlich das eigene Ego und die Profitmaximierung im Kopf hat? Und obwohl das so offensichtlich ist, nehmen die Leute ihm sein verlogenes Aufklärer-Getue ab. Rätselhaft.

 

Da versteh ich noch eher die Fips-Asmussen-Fans. Da galt und gilt: What you see is what you get. Die Menschen erwarten schlüpfrige Ficki-Ficki-Witze und sie kriegen sie. Das scheint mir ein reelles Geschäft zu sein. Und Asmussen steht dazu und liefert auf höchstem reaktionärem Alte-Sack-Niveau. Man mag sich gar nicht vorstellen, was er allein aus diesem Tankpistolen-Tankstutzen-Thema für sexistische Genitalfunken geschlagen hätte. Aber noch nicht mal das kann Barth: ordentlich vulgär sein. Man möchte fast Mitleid haben mit ihm.

 

PS: Ich wünsche ein gesegnetes Weihnachtsfest. Und hören Sie sich die Weihnachtsplatte des Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan an: »Christmas in the heart«. Selten wurde »Here comes Santa Claus« schöner geknurrt als auf diesem Tonträger.

 

PPS: Am 2. Januar gibt es übrigens wieder staatlich geförderte Kultur in der Cumberlandschen Galerie. Bei den Teilzeit-Flaneuren tritt der kluge und wortgewandte Satiriker, Schriftsteller, Ex-Titanic-Redakteur und Neu-Hannoveraner Stefan Gärtner auf. Ich lese auch und moderiere - und die »Wohnraumhelden« musizieren dazu.


zurück zur Beitragsübersicht