»Nah am Geschehen«

Foer hat einen sehr komplexen Roman geschrieben. Was ist das zentrale Thema?

 

Mina Salehpour: Für mich die Suche nach der eigenen Identität. Das taucht in vielen meiner Arbeiten auf und hat wahrscheinlich mit meiner Biografie zu tun.

 

Andrea Wagner: Mich berührt am meisten die Frage des Verlustes. Alle Figuren des Romans haben schmerzliche Verluste erlebt und müssen einen Umgang damit finden.

 

Salehpour: Und ich mag es, wie der Autor große politische Ereignisse in einer familiären Situation spiegelt. Das kommt meinem Blick auf die Welt sehr nah. Ich kann politische Zusammenhänge nur begreifen durch die Art, wie sie konkret mit Menschen verbunden sind. Ein mikroskopischer Blick.

 

Welche Ereignisse sind das im Buch?

 

Salehpour: Zum einen der Zweite Weltkrieg, dessen Auswirkung immer noch in unser Heute hineinstrahlt. Im Roman spielt besonders die Bombardierung der Stadt Dresden eine große Rolle. Ich arbeite seit dieser Spielzeit auch in Dresden und habe mich gerade erst damit beschäftigt. Es ist makaber, dass eine solche Gewaltaktion durchgeführt wurde, um Gewalt, Wut und Hass zu stoppen. Das gleiche gilt auch für das zweite, den Roman durchziehende Ereignis: den Anschlag auf das World Trade Center in New York, bei dem der Vater der Hauptfigur sein Leben verliert. Eine historische Markierung, bei der sich fast jeder erinnern kann, was er an diesem Tag gemacht hat.

 

Du bist in Teheran geboren und mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. Hat der 11. September deshalb eine besondere Bedeutung für dich?

 

Salehpour: Ich war an diesem Tag bei einer LAN-Party, falls sich noch jemand erinnert, was das ist. Einer der Mitstreiter sagte zu mir: Ich habe gehört, deine Familie hat einen Anschlag auf das World Trade Center verübt. Ich bin eigentlich ein Mensch mit Humor, aber das fand ich überhaupt nicht witzig. Der Anschlag hat vieles verändert für Leute mit Migrationshintergrund. Die Welt hat sich in zwei Lager geteilt: das westliche und das muslimische. Ich sitze da sozusagen zwischen den Stühlen. Der Blick auf Menschen wie mich hat sich verändert. Und ich spüre die Auswirkungen bis in meine Familie hinein. Ich muss mich zum Beispiel mit der politischen Haltung meines Vaters auseinandersetzen, die absolut nicht meine ist.

 

Nun steht der Anschlag auf das World Trade Center nicht im Zentrum des Romans, sondern die Suche des neunjährigen Oskar Schell. Was sucht er?

 

Salehpour: Oskar findet nach dem Tod seines Vaters in dessen Kleiderkammer einen Schlüssel. Er findet das Ende einer Sache und sucht den Anfang, das passende Schloss. Und man darf nicht vergessen, dass da ein Neunjähriger auf die Suche geht. Er hat seinen Beschützer verloren. Also ist die Suche auch eine nach Sicherheit. Und dabei trifft er auf Geschichten – von Fremden, aber auch die Geschichte seiner Familie. Und er spürt, welchen Einfluss das Vergangene auf das Heute hat und dass Vergangenheit nichts Abgeschlossenes bedeutet.

 

Wagner: Letztlich existiert Oskar selbst nur durch eine Katastrophe. Ohne das Bombardement von Dresden hätten sich seine Großeltern nicht kennengelernt und er wäre nie geboren worden. Ich verstehe seine Suche als den Versuch, mit der von ihm empfundenen Sinnlosigkeit des Vaterverlustes klarzukommen. Es ist schließlich ein Unterschied, ob man einen Angehörigen bei einem Verkehrsunfall verliert oder durch einen unerklärlichen Terrorangriff.

 

Kommen wir auf die Bühne zu sprechen. Ihr habt eine außergewöhnliche Zuschauersituation gewählt. Warum?

 

Wagner: Von Anfang an war es Mina wichtig, dass die Zuschauer ganz nah an das Geschehen herankommen. Daraus entstand die Idee, sie auf die Bühne zu setzen. Für mich war das eine technische Herausforderung: Wie viele Plätze kann ich schaffen? Welche Spielebenen sind möglich? Wie sind die Sichtlinien für die Zuschauer, wenn wir oben in den Galerien spielen? Und es kommen natürlich Sicherheitsfragen auf uns zu, beispielsweise nach Höhenangst. Oder wie man die Zuschauer zu ihren Plätzen leitet. Und wie man absichert, dass keine Jacken oder Taschen mitgenommen werden, da die Fluchtwege nicht verstellt werden dürfen. Als ich das Bühnenbild entworfen habe, gab es noch keine Fassung. Man konnte also nicht sagen, was unbedingt gebraucht wird. Und jetzt haben wir erstmal »nur« das Bühnenhaus und können alles damit machen.

 

Die Zuschauer sind das Bühnenbild?

 

Salehpour: Ein Teil des Bühnenbildes. Sie werden zu der Menschenmenge, durch die sich Oskar auf seiner Suche bewegt. Aber es geht nicht um Mitmach-Theater. Und ich muss gestehen, dass mein erster Gedanke ein sentimentaler war. Ich wollte, dass das Publikum mal sieht, was sich alles hinter dem Portal befindet. Ein Himmel voller Möglichkeiten. Als ich das das erste Mal gesehen habe, war ich total fasziniert. Und gleichzeitig fühlt man sich ganz klein, wenn man da hochschaut – ein bisschen wie der Blick, den man auch automatisch zwischen den Wolkenkratzern in New York hat.

 

Der Roman ist durch die vielen Zeitsprünge nicht ganz einfach zu verstehen. Wie geht man damit um?

 

Salehpour: Natürlich muss man bei der Adaption des Romans für die Bühne die grundsätzliche Entscheidung treffen, was erzählt werden soll. Es gibt viele rote Fäden, die sich durch die Handlung ziehen. Aufgabe ist es, diese Fäden im Verlauf der Aufführung in ihrem Bezug zueinander verständlich zu machen. Auf der Bühne können wir durch eine anders gestaltete Reihenfolge darauf Einfluss nehmen. Und es kommt eben nicht darauf an, eine lineare Geschichte zu erzählen. Vielmehr ist das vielleicht sogar mit ein Grund, weshalb der Roman ein Meisterwerk geworden ist.

 

Die Besetzung ist relativ klein. Und dazu gibt es noch die Schwierigkeit eines Neunjährigen als Hauptfigur.

 

Salehpour: Wir erzählen den Abend tatsächlich mit sechs Spielern. Und zu Oskar muss ich erst einmal sagen, dass er ein sehr besonderes Kind ist. Frühreif könnte man ihn nennen und auch ein bisschen altklug. Für mich war aber tatsächlich schon im Vorfeld klar, dass ich die Rolle mit einem Schauspieler und nicht mit einem Kind besetzen muss. Schon allein, weil sein Textanteil sehr hoch ist. Und Daniel Nerlich, der Oskar spielt, nimmt ihn sehr ernst.

 

Hat der Roman eine Botschaft?

 

Wagner: Für mich persönlich ist es die, dass wir immer wieder lernen müssen, zu vergeben.

 

Salehpour: Ich würde sagen: Man ist nicht allein! Und das ist nicht nur positiv gemeint. Alles ist ein großes Ganzes und miteinander verbunden in Zeit und Raum.

 

Interview: Lars-Ole Walburg

 

Mit: Beatrice Frey, Katja Gaudard, Daniel Nerlich, Thomas Neumann, Sandro Tajouri, Tom Schneider

 

Preview: 18.01.18, 19:30 Uhr, Schauspielhaus (ausverkauft, Restkarten mgl.)

 

Premiere: 20.01.18, 19:30 Uhr, Schauspiehaus (ausverkauft)

 

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TESTPUBLIKUM GESUCHT

Für zwei offene Proben am 12.01. um 10:30 Uhr und am 17.01. um 19:00 Uhr suchen wir noch Testpublikum! Anmeldungen bitte ausschließlich per E-Mail bei ulrike.eberle@staatstheater-hannover.de