Die Verlobung in Santo Domingo oder my sweet Haiti

von Kornél Mundruczó und Viktória Petrányi nach Heinrich von Kleist

Die Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin RibbeDie Verlobung in Santo Domino oder MY SWEET HAITI – © Katrin Ribbe

Zwei Erzählungen. Eine Geschichte. Die erste erzählt Heinrich von Kleist. Port-au-Prince, 1802. Eine Liebe inmitten der Wirren des haitianischen Befreiungskampfes – zu jener Zeit, als die Ereignisse der Französischen Revolution in der reichen karibischen Kolonie Santo Domingo ihre verwickelte Fortsetzung erfuhren und sich die Schwarzen gegen die Weißen erhoben, die Sklaven gegen ihre Peiniger.

Gustav von Ried, ein Schweizer im Dienste der französischen Armee, ist auf der Flucht. Um Hilfe flehend, klopft er unwissentlich just an jene Tür, die ihm höchste Gefahr bedeutet, an jene des »fürchterlichen Negers Congo Hoango«. Doch der ist außer Haus. Geöffnet wird dem Fremden von Hoangos Frau Babekan, einer Mulattin, und ihrer Tochter Toni, deren Haut erstaunlich hell ist. Die Frauen haben einen Auftrag. Sie wissen, wie mit verirrten Weißen umzugehen ist. Toni ist schön. Gustav verliert die Orientierung zwischen den Kulturen und schnell sich selbst in einem unübersichtlichen Spiel der Täuschungen und Identitäten, von Liebesbegehren und Verrat. Am Ende steht ein Irrtum, zwei Schüsse und ein Denkmal im fernen Europa.

Kornél Mundruczó lässt die Figuren aus Kleists berühmter Novelle als Untote wiederkehren. Er schreibt sie um, er schreibt sie fort, hinein ins Jahr 2011. Wieder ist Haiti der Schauplatz. Das Armenhaus der Welt, heimgesucht von Katastrophen. Ein neuer Markt. Geschäfte lassen sich überall machen. Das ist die zweite Erzählung: »My Sweet Haiti« – der Titel eines Songs, vielleicht auch der eines Beschwörungsritus. Mit ihr beginnt der Abend. In ihrem Personal finden sich Kleists Figuren als Erinnerung wieder. Ahnen, die einen besetzt halten. Wie in einem Spiegelkabinett auf dem Jahrmarkt begegnen sie uns in »My Sweet Haiti«, in vielfältigen Spielarten, verschiedene Genres zitierend: Monströsitäten, Zerrbilder, Fratzen auch unseres europäischen Selbstverständnisses, der Diskursgeschichte der Aufklärung. Am Ende eine Verwirrung, ein Irrtum auch hier. Bis der Voodoopriester uns wieder ins Jahr 1802 führt, in jene Zeit, als die Ereignisse der Französischen Revolution in der reichen karibischen Kolonie Santo Domingo ihre verwickelte Fortsetzung erfuhren....

 

Heinrich von Kleist schrieb seine Novelle »Die Verlobung von Santo Domingo« 1804 in Gefangenschaft, in der Festung Fort de Joux im Juragebirge (Schweiz). Kurz zuvor hatte Bonaparte den haitianischen Revolutionsführer Touissant Louverture dorthin verbracht und elend sterben lassen. Die Erzählung erschien erst 1811, drei Monate vor Kleists Freitod.

Die bildmächtigen Film- und Theaterproduktionen des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó gehören zu den festen Größen der europäischen Festivals. Nach seiner letztjährigen Inszenierung »Eszter Solymosi von Tiszaeszlár« (eingeladen vom Goethe-Institut Budapest und dem tráfo-theater für zeitgenössische Kunst) ist »Die Verlobung von Santo Domingo oder MY SWEET HAITI« seine zweite Arbeit am Schauspiel Hannover.

Regie Kornél Mundruczó + Bühne und Kostüme Márton Agh + Dramaturgie Judith Gerstenberg / Viktoria Petranyi + Übersetzung Orsolya Kalász + Musik Asher Goldschmidt / Lars Ehrhardt

Johanna Bantzer + Mathias Max Herrmann + Janko Kahle + Thomas Mehlhorn + Oscar Olivo + Aljoscha Stadelmann + Martin Vischer

Pressestimmen

Eine bezaubernde Geschichte Frankfurter Allgemeine, 21.09.11
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Ein ungemein mitreißender Abend nachtkritik, 17.09.11
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Eine gewisse Klaus-Kinski-Aura Süddeutsche Zeitung, 22.09.11
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Tragischer Held auf dem Weg in die Verzweiflung Theater der Zeit, 01.11.11
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Publikumsstimmen

Zu "Die Verlobung in Santo Domingo".
Kornél Mundruczó ist derzeit ohne Zweifel der spannendste Regisseur Europas. Gerade habe ich seine Inszenierung von  Coetzees "Schande" bei den Wiener Festwochen gesehen. Ein Zwillingsstück zu seiner hannoveraner Inszenierung "Die Verlobung in Santo Domingo". Die Scham der Weißen angesichts ihrer Geschichte aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Es gibt kaum einen, der sinnlicher, schonungsloser, alle Mittel der Theatralität ausschöpfend sich dieser Geschichten nähert. Hier geht es um alles. Gibt es eine Chance die beiden Stücke zusammen zu zeigen? Wird das Schauspiel Hannover "Schande" als Gastspiel holen - oder wird "My Sweet Haiti" noch auf Festivals gezeigt?
Ein Fan, Charlotte Mierow

Charlotte Mierow 12.06.2012, 13:46

Zu "Die Verlobung in Santo Domingo oder My Sweet Haiti"
Die Inszenierung hat mich sehr begeistert. Es ist schade, dass die nicht auf dem Radar des Theatertreffens war. Endlich ein Stoff, der über das Innenleben westeuropäischer Befindlichkeit hinausgeht und in diesem tropischen Mix von Kapital, Überleben, Rasse, Institution, Fieber und Sex wirklich Relevanz und Substanz hat. Und die Umsetzung so verspielt, so opulent theatral und immersiv - echt super toll!
Manuel Scheidegger

Manuel Scheidegger 12.06.2012, 13:33

Meinen ersten Eindruck, dass dieses Stück nichts mit dem wirklichen Haiti und mit Kleist zu tun hätte, habe ich im Laufe des Abends Schritt für Schritt revidieren müssen. Mir gefiel es zunehmend besser. Ich möchte das Stück hier ausdrücklich loben. Sehr wohl hat es mit Kleist zu tun. Gern würde ich es in Haiti zeigen, dort würde es auch unübersetzt verstanden und wäre ein Riesenerfolg!

Hans Christoph Buch (Beitrag während der Veranstaltung "Weltausstellung Prinzenstraße", Folge XVII: My sweet Haiti. Nachruf auf einen gescheiterten Staat)

Hans Christoph Buch 09.05.2012, 16:49

In der Cumberlandschen Bühne verspricht die Inszenierung der Kleist-Novelle »Die Verlobung in Santo Domingo« einen spannenden Theaterabend. Das Bühnenbild mit der hölzernen Kolonialvilla im tropischen Dschungel gleicht einer Filmkulisse und die Schauspieler erscheinen wie an einem Filmset. Als der Nachfahre des Strömli auf die Bühne tritt, sind wir dank der überzeugenden Darstellung von Mathias Max Herrmann mitten in der Zerrissenheit und Identitätssuche der Kleist`schen Welt.
Zweifellos erleben wir eine bildmächtige Theaterproduktionen mit beeindruckenden schauspielerischen Leistungen und Songs, wie von Janko Kahle, Thomas Mehlhorn und Johanna Bantzer in der Rolle der Marie. Sie - eine schwarze Prostituierte mit Träumen – hat jedoch nichts gemein mit der 15jährigen Mestizin Toni, die mit ihrer Mutter Babekan im Herrenhaus des fürchterlichen Negers Hoango lebt und Gustav im blinden Vertrauen ihre Unschuld schenkt und für seine Rettung mit ihrem Leben bezahlt. Sicher werden brisante Themen angerissen: Genmanipulation, Profitinteressen von Agrarkonzernen, die Fragwürdigkeit von Erdbeben-Hilfsaktionen, aber was hat dies mit den Sinnfragen der Kleist-Novelle zu tun?
Die moderne Inszenierung bleibt den Geschehnissen um den verzweifelten jungen Offizier namens Gustav von der Ried fern, der sich aus der Schweiz kommend im Dienst der französischen Kolonialarmee in Santo Domingo – dem heutigen Haiti - auf der Flucht vor den marodierenden Truppen des Generals Dessalines befindet. Darf man einem Soldaten in der Uniform der »Herrenrasse« in der Not helfen oder rechtfertigt der »Befreiungskampf« gegen die verhassten weißen Hunde die individuelle Rache mit allen schändlichen Mittel des Verrats? Ist der Soldat, der nach seinem Gefühl keine Tyrannei und Niederträchtigkeit, die die Weißen je verübt, rechtfertigt, des Vertrauens würdig? Wie kann unter den schrecklichsten Umständen gleichwohl Liebe und Humanität siegen?
Angesichts dieser aktuellen Fragen der Kleist-Novelle erscheint die Inszenierung als Klamauk. Die lautstark vorgetragenen Zitate bleiben ohne Beziehung zu diesem aufklärerischen Stück und sind quasi Theaterpopcorn. »My Sweet Haiti« ist wirklich eine zweite Erzählung - die »besser« ohne den Bezug zur Kleist-Novelle auskommen wäre und weder mit den Figuren noch den Inhalten des Klassikers etwas zu tun hat. Schade.

Reinhard Kehr-Ritz 06.05.2012, 16:37

Die Verlobung in Santo Domingo habe ich schon drei mal gesehen. Wenn man die Novelle von Kleist kennt, kann man hier wirklich immer neue Bezüge herstellen. Toll! Besonders gut: Janko Kahle als blindes Faktotum Lanve - Widergänger des bösen Congo Hoango. Traurig und komisch zugleich!

Jörg Friedel 07.02.2012, 22:28

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