Weltausstellung II: Psychologie der Revolution

»REVOLUTIONEN LEBEN VON MISSVERSTÄNDNISSEN.«

 

Im Anschluss an eine Vorstellung unserer Produktion Träumer unterhält sich Dramaturg Christian Tschirner mit dem italienischen Universalgelehrten und Philosophen Sergio Benvenuto und dem Mathematiker und Politiker Reinhard Höppner über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Revolutionen von 1969 und 1968.

 

Christian Tschirner: Sergio Benvenuto, Sie haben 1968 als Student  die Revolution in Paris miterlebt. Sie, Herr Höppner, sind 1989 in Ostdeutschland Revolutionär geworden und in der Folge dann sogar Politiker. Meine erste Frage: Herr Benvenuto,  gibt es so etwas wie einen Typus des Revolutionärs. Wie wird man das oder wer ist dafür prädestiniert?

 

Sergio Benvenuto: Das ist eine schwierige Frage. Schwierig zu beantworten, aber ich glaube nicht, dass es so etwas wie den Typ des Revolutionärs gibt. Ich habe zwar in den Jahren der Rebellion viele Revolutionäre kennen gelernt, aber nicht den Typ des Revolutionärs. Also eigentlich kann man nicht wirklich beantworten, warum es plötzlich in einem Land, an einem Ort dazu kommt, dass ein ganzes Volk die Revolution macht oder zu Revolutionären wird. Es handelt sich dabei um eine äußerst komplexe Angelegenheit. Aus meinen persönlichen Erfahrungen, die ich damals in Italien und Frankreich gemacht habe, würde ich sagen, dass das, was dort passierte, so eine Art extaktischer Rauschzustand war, der plötzlich alle und alles erfasste. Ein Rauschzustand, in dem plötzlich alles möglich schien. Personen, die ich kannte und die noch bis zu einem gewissen Zeitpunkt völlig normal erschienen, gerieten in diesen Rauschzustand. Das heißt, das Ganze hat etwas ansteckendes, es ist eine Art Epidemie, die plötzlich ausgelöst wird.

 

Christian Tschirner: Herrn Höppner, sind Sie ein Revolutionär?

 

Reinhard Höppner: Ich habe nicht den Eindruck, dass ich ein Revolutionär bin. Meine Vorstellung von einem Revolutionär war die von einem Menschen, der furchtlos auf die Barrikaden geht, der seine Brust aufreißt und sozusagen und mutig dem Dolch entgegen sieht. Das war für uns, die man jetzt die friedlichen Revolutionäre nennt, nicht so. Sondern da war viel Angst. Die Angst, dass es zu Gewalt kommen könnte und dann - das ist vielleicht etwas dem von Ihnen beschriebenen Rauschzustand Vergleichbares - dann plötzlich siegt der Mut über die Angst und man geht hin. Das ist natürlich ein gewaltiges Gefühl. Wenn plötzlich Tausende demonstrieren und sich in diesem Punkt einig sind: Zunächst einmal nämlich, dass die Angst überwunden ist und dass wir jetzt den Mut haben, dagegen anzugehen. Da hat man das Gefühl von Revolution. Aber richtige Revolutionäre waren wir, glaube ich, trotzdem nicht. Wir haben uns jedenfalls in der Situation nicht so empfunden.

 

Christian Tschirner: Herr Benvenuto, Sie haben von einem Rauschzustand gesprochen. Epidemieartig. Die Weltgesundheitsorganisation hat ja so ein Frühwarnsystem für Epidemien. Merkt man denn selbst, hier passiert jetzt etwas Entscheidendes oder stellt man das erst hinterher fest?

 

Sergio Benvenuto: Also ich bin einverstanden mit dem, was Herr Höppner gesagt hat. Es gibt nicht den Typus des Revolutionärs, sondern es gibt gewisse Stadien, Momente der Geschichte, in denen eben der Mut siegt und davon werden dann alle angesteckt und dann kommt so etwas wie eine Revolution in Gang.

Was die Frage der Ankündigung, der Vorzeichen angeht, muss ich mit Ja und Nein antworten. Natürlich gab es 1968 gewisse Vorzeichen. In Frankreich und Italien, auch in Deutschland. Es gab beispielsweise gewisse linksextreme Bewegungen. Aber dass daraus der Mai 68 entstehen würde, war nicht vorhersehbar. Eigentlich ist das mit der Finanzkrise 2008 vergleichbar: Es gibt gewisse Anzeichen, dann passiert es ganz plötzlich und hinterher sagt man, es hätte eigentlich jeder vorhersehen können.

 

Reinhard Höppner: Es ist sicherlich so, dass man die Vorzeichen einer Revolution im Grunde genommen erst hinterher richtig interpretieren kann. Aber natürlich fällt so etwas nicht vom Himmel. Wenn man die Wahl Gorbatschows zum Generalssekretär der KPDSU ansieht, der dann ungefähr 1987 Glasnost und Perestroika verkündet, so fängt dort tatsächlich eine Entwicklung an, die relativ folgerichtig anschwillt und dann zu diesem kritischen Punkt führt. Und dann ist, glaube ich, für 1989 noch eines ziemlich bemerkenswert: Nämlich reden wir jetzt so ein bisschen von diesen friedlichen Revolutionären, von der Revolution, aber im Grunde genommen gab es drei unterschiedliche Gruppen, die sich überhaupt nicht grün waren. Das ist, glaube ich, ein großer Unterscheid zu 68. Es gab drei verschiedene Gruppen, die sich nicht grün waren und die letzten Endes doch gemeinsam dazu beigetragen haben, dass diese DDR wie ein Kartenhaus eingestürzt ist. Es waren die einen, die hatten auf ihren Plakaten stehen: »Wir wollen raus!«. Die wollten nur aus der DDR raus. Die wollten keine Revolution in der DDR, die hatten die DDR längst aufgegeben und wollten Richtung Westen. Und die anderen, das waren im Grunde genommen die Ideologen, die Genossen, die Ihre DDR auch aufgegeben hatten. Die 1989 auch nicht mehr glaubten, dass die DDR noch lebensfähig wäre. Und dazwischen – eigentlich zwischen zwei Fronten die auf ihre Weise die DDR aufgegeben hatten, standen die Revolutionäre. Die, die DDR verändern wollten. Übrigens: die wollten nicht die Widervereinigung. Das war nicht das Thema. Die wollten ihre DDR endlich zu einem demokratischen Staat machen. Diese Dinge deuten sich natürlich an, wenn man genau hinguckt, aber eigentlich merkt man´s erst hinterher.

 

Chistian Tschirner:  Ich möchte etwas zur Stimmung fragen, zur Atmosphäre 1968. Herr Benvenuto, Sie sagten, Revolution ist wie eine Epidemie, wie eine Ekstase, die die Leute überkommt. »Man erlebt« haben Sie einmal geschrieben, »die Verwirklichung seiner Träume als unheimliche und verstörende Erfahrung, dass unsere Wahngebilde realisierbar sind.« Das finde ich bemerkenswert und ich glaube, das war ein großer Unterschied zu den revolutionären Ereignissen zwanzig Jahre später in der DDR.

 

Sergio Benvenuto: Also zunächst einmal: Die Bewegung 68 in Paris, 68 insgesamt, ist nicht vergleichbar mit dem, was 89 in Deutschland passiert ist. Denn die friedliche Revolution 89 in Deutschland, das war eine politische Wahl. Eine politische Wahl, die als Hintergrund auch die Veränderung der Politik von Gorbatschow hatte und die ganz bewusst auch aus politischen Gründen durchgezogen wurde, während man das bei 68 überhaupt nicht sagen kann. Das war etwas, was sich spontan ereignete, was nicht geplant oder vorhersehbar war. Also 68 – nicht nur in Frankreich, sondern im Grunde überall – das war eine Bewegung, die ausgesprochen dionysisch geprägt war. Eine kollektive Suche nach so etwas wie dem Heiligen. Das wird in den »Träumern« sehr gut gezeigt, aber auch, zum Beispiel, in Pasolinis 1968 gedrehtem Film »Theorhema«. Ich weiß nicht, inwiefern der Ihnen präsent ist. In dem Film geht es um eine sehr reiche Familie, in die als Gast ein wunderschöner junger Mann kommt. Eine göttliche Erscheinung. Und dieser junge Mann hat dann auch sexuelle Beziehungen mit allen Mitgliedern dieser Familie.

Die Erscheinung – dieser Gott – verlässt die Familie wieder und nach seinem Verschwinden ist keines der Mitglieder mehr dieselbe Person. Alle fangen an, in gewisser Weise verrückt zu werden. Der Vater, zum Beispiel, der ein reicher Fabrikant ist, verschenkt sein Unternehmen an die Arbeiter. Seine Frau, die eigentlich eine ganz gesittete anständige Hausfrau war, geht jetzt mit jedem ins Bett usw. Also alle Mitglieder der Familie geraten außer sich, man könnte sagen, sie werden wahnsinnig. Ein wenig beschreiben alle, die 68 miterlebt haben, so ihre eigene Erfahrung: Wie eine Berührung mit einer Gottheit. Das heißt, jeder hatte hinterher dass Gefühl, nicht mehr derselbe zu sein, wie vorher, also durch die  Erfahrung des dionysischen, des göttlichen, eine innere Transformation erlebt zu haben.

 

Christian Tschirner: Sie haben an anderer Stelle geschrieben, dass der Ort der Revolution in Paris das Theater war. Also das Theater an der Sorbonne, das Theatre Odeon und sicherlich auch das Kino. Das heißt, die politischen Ereignisse 68  waren ganz stark von der Kunst inspiriert, von Kunstwelten. Für die DDR würde ich sagen, war der Ort der Revolution die Kirche. Wie kam es dazu und was bedeutete das für die Atmosphäre dieser Revolution? Denn das, was hier mit dionysisch beschrieben wird, traf ja sicherlich auf die DDR nicht zu.

 

Reinhard Höppner: Also, ich habe von 68 nicht so viel wahrgenommen. Unser 68 war ja der Prager Frühling. Aber was ich wahrgenommen habe, hatte eine spielerische Komponente, war ein bisschen Experiment, ein bisschen sich ausprobieren. Und das war natürlich 89 etwas völlig anderes. Das war von Anfang an der Ernstfall. Im Juni 89 hatte es das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens gegeben. Und die DDR hatte dieses Massaker in Peking offiziell begrüßt. Das hatte jeder im Kopf und es war völlig klar: Das ist im Zweifelsfalle der Ernstfall. Insofern war die Frage, welche Atmosphäre kann dazu führen, dass wir die Angst überwinden und der Mut siegt, eine völlig andere als 68, wo man sich sozusagen in einen Rausch hinein steigern konnte. Bei uns war eher das Thema: Jetzt besinne dich mal, auf das, was Nötig ist. Und vor allem – das war die ständige Divise – heute Abend bitte keine Gewalt. Das Element der Gewaltlosigkeit war ein Überlebenselement, der Schlüssel zum Erfolg dieser Revolution. Und da waren die Kirchen natürlich entscheidend beteiligt, so eine Einstellung zu prägen. Also, ich habe das am Magdeburger Dom am 16. Oktober erlebt. Da war Friedensgebet und jeder konnte ans Mikrophon gehen. Und da ist dann ein Jugendlicher ans Mirkophon getreten und hat gesagt: Also, ich glaube nicht an Gott und ich weiß auch nicht, was ein Gebet ist, aber ich weiß, dass mein Vater zwei Straßen weiter bewaffnet auf einem LKW sitzt und ich bitte darum, dass wir uns heute nicht begegnen müssen. Ich bitte darum, dass er nicht auf mich Schießen muss. Ganz still war das im überfüllten Dom. Jeder wusste vorauf es ankam. Dieser Art von Atmosphäre, die einer großen Ernsthaftigkeit, hat die Revolution ohne Blutvergießen möglich gemacht. 

 

Christian Tschirner:  Das entspricht auch meiner Erfahrung. Ich würde das rückblickend als einen Moment der Stille, des Atemanhaltens beschreiben. Wobei es später natürlich auch das Anarchische oder Dionysische gab. Aber das begann erst nach der Mauereröffnung, wo im Grunde genommen der spannende, revolutionäre Moment beendet oder abgeschlossen war.

 

Reinhard Höppner: Es gibt diesen Punkt noch einmal am 9. November. Sie kennen die ganze Geschichte mit Schabowski, der Pressekonferenz und diesem Zettel. Und dann passiert noch mal Folgendes – und das finde ich wirklich noch mal ein revolutionäres Element an diesem 9. November – die Leute bleiben nämlich nicht vor ihren Fernsehern sitzen. Die sagen nicht: Das kann doch gar nicht sein, ohne Visum oder Pass kannst du doch nicht einfach in den Westen fahren. Also diese Sorte vorauseilender Resignation findet nicht statt, sondern an diesem Abend sagen alle, viele Tausende, das will ich ausprobieren. Sie gehen sofort zur Grenze und wollen sehn, ob das klappt mit dem Rübergehen. Und das führt dazu, dass die Grenzsoldaten vor den Massen kapitulieren. In einer Meldung der Soldaten an der Bornholmer Straße in Berlin heißt es um 23:30 Uhr: Wir fluten jetzt. Wir lassen alle Leute unkontrolliert hin und her. Da ist noch mal dieses Element von Rauschzustand, von Wahnsinn in dieser Nacht vom 9. zum 10. November. Und von da an, das ist auch mein Eindruck, sind wir im Grunde genommen mit der Angleichung der DDR an die Bundesrepublik beschäftigt. Schon Anfang Dezember demonstrieren hinter mir Leute, die skandieren: Kommt die DM nicht zu uns, gehen wir zur DM hin. Spätestens da weiß man, die Revolution ist beendet.

 

Christian Tschirner: Herr Benvenuto, wann war für Sie die Revolution 68 beendet?

 

Sergio Benvenuto: Zunächst möchte ich noch mal aufgreifen, was Herr Höppner gesagt hat. Es gibt im Grunde keine wirkliche Vergleichbarkeit zwischen 68 und dem was 89 passiert ist. 68 ähnelt eher dem, was in China geschehen ist. 68 ist eine gescheiterte Revolution. Und im Gegensatz zu Umberto Eco, der meinte, dass 68 in den Ländern, die davon betroffen waren – also Frankreich, Italien, Deutschland, USA, Mexiko – zehn Monate gedauert hat, würde ich sagen, dass es in Italien 10 Jahre dauerte. Noch stärker als in Deutschland vielleicht, war es dann ja so, das sich in Italien ab 77 der Terrorismus immer stärker verbreitete und mindestens bis 79 gedauert hat. Man kann sagen, 68 hat ungefähr 10 Jahre angehalten. Aber im Gunde ist richtig, was Herr Höppner sagte: In der Regel dauern diese rauschhaften, dionysische Zustände, diese Begeisterung nur ganz kurze Zeit und das liegt auch in der Logik der Sache. Der Pariser Mai in diesem dionysischen Sinne war nach anderthalb Monaten beendet.  Und dann kommt eben die Realität zurück, dann kommt der graue Alltag.

 

Reinhard Höppner: Noch ein Punkt, der für mich ganz interessant gewesen ist. Diese Demonstrationen im Oktober, also der Zeitraum, in dem dieser berauschende Zustand da war – ich glaube, dass mit diesem 9. November zwar der Höhepunkt des Rausches erreicht ist, aber damit gleichzeitig eigentlich die Realität einbricht. Wir haben das ja hier im Stück »Die Träumer« gesehen: Das spielt sich in einem Zimmer ab und die revolutionäre Gruppe ist eng beieinander. In welcher Harmonie auch immer, aber immerhin: eine Gruppe. Dann merkt man, dass die plötzlich Realität einbricht und die Gruppe zerfällt. Und das ist eines der markanten Dinge, die man auch an der politischen Situation in der DDR bemerkten konnte. Das Neue Forum, war sozusagen die größte Gruppe, in der diese Einigkeit bestand. Und mit dem 9. November gibt es plötzlich einen Streit in dieser Gruppe, eine richtige Spaltung dieses neuen Forums. In die einen, die weiter ihren Idealen nachgehen wollen, also die DDR umgestalten, so ein bisschen der Traum vom dritten Weg, also die den Kapitalismus auch nicht als Alternative sehen. Und die andere Gruppe, die sofort auf die schnelle Wiedervereinigung Deutschlands setzt. Ich glaube, diese Erfahrung gehört fast zu jeder Revolution. Dass sich plötzlich, konfrontiert mit der Realität, die Revolutionäre in völlig unterschiedlichen Lagern wiederfinden und zum Teil auch wirklich zu völlig verbitterten Feinden werden. Auch 20 Jahre danach merkt man noch die Risse, die da durch die Revolutionäre gegangen sind.

 

Sergio Benvenuto: Ich möchte noch eine Anmerkung machen zum Unterschied der Wahrnehmung. Für Sie, sagen Sie, ist 68 vor allem der Prager Frühling. Im Westen wurde der Prager Frühling eher als etwas wahrgenommen, was zum Mai 68 geführt hat. Also für uns, in unserer Vorstellung, war das eine Art paralleler Kampf. Der Kampf in  Tschechoslowakei war für uns derselbe Kampf, den wir gegen Gaullistische Regime oder gegen andere Regime im Westen geführt haben.

 

Reinhard Höppner: Aber im Westen wurde doch die Mao-Bibel zitiert. Genau diese Sorte Kommunismus wollten wir doch im Osten gerade abschaffen. Diese Parallelen sind mir eher nicht nachvollziehbar.

 

Sergio Benvenuto: Klar, es gab diese Mao-Mode während der Zeit. Aber das war nur ein kleiner Teil ganz unterschiedlicher Strömungen, die politisch präsent waren. Gerade in Frankreich waren die trotzkistischen Gruppen sehr stark oder auch die anarchistische Bewegung. Für uns, und das gilt aus meiner Sicht zum Beispiel auch für Daniel Cohn-Bendit, war der Anarchismus, nicht der Maoismus, die Ideologie der Stunde.

 

Christian Tschirner: Aber ging es nicht ohnehin weniger um linke Ideen als vielmehr um eine generelle Liberalisierung? Also weniger um Mao, als darum, Mädchen abzuschleppen? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, war das die eigentliche Strömung, über die sich dann die linken Theorien wölbten. Vielleicht ist es ja möglich, auf dieser Grundlage eine Vergleich zu ziehen: Möglicherweise handelt es sich bei beiden Ereignissen, also 68 und 89, trotz unterschiedlicher Etikette um Bewegungen hin zu einem modernen Liberalismus. Kann man nicht die sexuelle Befreiung von 68 sehr gut übersetzen in das Bedürfnis nach Reisefreiheit, nach Freiheit des Konsums etc. der  ostdeutschen Bürger 89?

 

Reinhard Höppner: Es gibt sicher eine Verbindung zwischen dem Prager Frühling und dem westlichen 68. Und das ist die neue Generation. Es ist nicht mehr die Kriegsgeneration, die da gestaltet, sondern die nachfolgende Generation. Und die will Verkrustungen aufbrechen, die sich in den 23 Jahre Nachkriegszeit ergeben haben. Es hat ja tatsächlich Leute gegeben, die sind extra vom Westen in den Osten Deutschlands gekommen, und wollten das bessere Deutschland aufbauen. Und bei den Tschechen war diese sozialistische Idee noch lebendiger. Die war nicht nur von Moskau aufgesetzt. Aber alles war seit der stalinistischen Ära so verkrustet, dass man versuchen wollte, diese Verkrustungen aufzubrechen. Ich glaube, das ist den Bewegungen gemeinsam, dass eine gewissen Verstaubtheit der Nachkriegsära aufgebrochen werden sollte. Das kann man natürlich als Liberalisierung bezeichnen. Mit der Frage, ob das mit 89 und dem Konsumverhalten zu tun hat, da müsste ich erst noch ein bisschen drüber nachdenken.

 

Sergio Benvenuto: Aus meiner Sicht – und das ist die Auffassung vieler Leute, die ich kenne – lag der Sinn von 68 in dieser liberalen und libertären Komponente. Obwohl da eine marxistisch-leninistische Ideologie draufgesetzt war, ging es den einzelnen Leuten um diese liberale und libertäre Komponente. Nicht zufällig war ja einer der beliebtesten Slogans dieser Zeit: »Es ist verboten zu verbieten«. Es ging um diese ganz libertären, anarchischen Vorstellungen. Und natürlich ist es absurd, dass gleichzeitig die chinesischen Kulturrevolution geradezu in Mode war, insbesondere in Frankreich. Aber wir glaubten, dass die Kulturrevolution in China der Aufstand der jungen Generationen gegen das chinesische kommunistische Regime sei und haben das deshalb mit Sympathie begleitet.

 

Reinhard Höppner:  Ja, Revolutionen leben von Missverständnissen. Aber ich weiß jetzt, warum dieses Unbehagen mich beschlichen hat, bei der Frage libertär, freiheitlich, dem Drängen nach westlichen Konsum und dergleichen. Ich glaube nämlich, im Kern der ganzen Geschichte war das eine neue Gefangennahme. Es war nicht Freiheit, sondern biblisch würde man sagen: der Tanz ums goldene Kalb, also eine Gefangennahme. Das sieht man sehr deutlich an den dann folgenden Prozessen: die Ostleute wollten unbedingt das Westgeld haben und ich könnte Ihnen nachweisen, dass der Einigungsvertrag und viele der nachfolgende Regelungen, schlecht geworden sind oder schlechter geworden sind, weil es dieses Drängen der Ostdeutschen gab, möglichst schnell die DM zu bekommen. Dadurch gab es keine Luft, noch mal Dinge gründlicher zu verhandeln. Das heißt, man kann richtig nachweisen, dass es neue Gefangennahmen waren, statt einer Befreiung. Eine scheinbare Befreiung; diese Befreiung ging zum Konsum.

 

Christian Tschirner:  Ich wollte das auch gar nicht werten. Ich wollte eigentlich nur fragen, ob es nicht unterschwellig – egal welche Ideologien 68 und 89 von den Revolutionären behauptet wurden – ob es nicht bei beiden Ereignissen unterschwellig eine Bewegung in die gleiche Richtung gab. Nämlich hin zu einer Liberalisierung der Gesellschaft, mit allen negativen Folgen. Und ob nicht die Revolutionäre mit ihren Ideen und Ideologien dann weggeschwemmt wurden von dieser Unterströmung Liberalisierung?

 

Sergio Benvenuto: Ist das nicht immer so, dass die Dissidenten, und zwar egal ob im Westen oder im Osten, eigentlich immer so eine Minderheit von Intellektuellen sind? Und abgesehen von diesen rauschhaften dionysischen Momenten, den revolutionären Momenten, wo die Massen sozusagen mit einbezogen sind, kann man doch sagen, dass es sich immer um kleine Gruppen von Intellektuellen handelt. Die Mehrheit der Franzosen hat zwar von einer gewissen Liberalisierung profitiert, hat aber trotzdem De Gaulle gewählt, gegen den eine kleine intellektuelle Minderheit verbissen gekämpft hat.

Im politischen Sinne ist 68 ja auch gescheitert. In Frankreich hat man ja im Mai 68 ganz sicher geglaubt, dass diese revolutionäre Bewegung zumindest dazu führen würde, dass der Gaullismus gestürzt wird. Aber man hat 13 Jahre lang darauf warten müssen, dass bis Mitterand an die Regierung kam. Also nicht nur keine Revolution, sondern nicht einmal diese engen politischen Ziele wurden erreicht. Betrachtet man natürlich die Wirkung von 68 unter kulturhistorischen Gesichtspunkten, war es eine für Europa äußerst folgenreiche Bewegung. Wobei nach wie vor sehr darüber diskutiert wird, welche Wirkungen es nun gehabt hat und in welchen Bereichen und mit welchen Folgen. Einige Leute sind der Meinung, dass das, was geblieben ist, im Grunde nur die sexuelle Befreiung gewesen ist. In diesem Sinne sind »Die Träumer« das Emblem dieser Auffassung.

 

Christian Tschirner: Herr Höppner, sie haben sich 89 doch entschieden in die Politik zu gehen. Wie fühlt sich das an, so ein Wechsel, Seitenwechsel kann man fast sagen? Oder haben Sie das gar nicht so empfunden?

 

Reinhard Höppner: Ich habe den Schritt nicht als so groß empfunden, weil es einfach der Notwendigkeit entsprach. Ich war 14 Jahre lang Parlamentspräsident des Kirchenparlaments. Das war in der DDR vielleicht die einzige Stelle, wo man Demokratie lernen konnte. Da wurde sie nämlich wirklich praktiziert. Und dann wurde das plötzlich gebraucht. Ich bin in die erste frei gewählte Volkskammer gewählt worden. Das wurde gebraucht, da musste man sich zur Verfügung stellen. Also, es war im Grunde genommen eine vollkommen aufgabenorientierte Geschichte, nicht aus Karrieregründen, das war jetzt dran waren und notwendig. Der Verantwortung habe ich mich nie entzogen. Andere konnten oder wollten oder sollten es nicht machen. Und als das Präsidium gewählt wurde, war ich dann der Einzige in dieser frei gewählten Volkskammer, der das Wort »Geschäftsordnung« schon mal gehört hatte. Das war dann sehr nützlich und nötig. Ich glaube, es ist sowieso ein völlig anderer Zugang zur Politik gewesen für uns »Revolutionäre« von 89, als das jetzt inzwischen in Ost und West der Fall ist. Also, dass man die »Tippeltappeltour« einer Parteileiter hochsteigt, um irgendwann da oben anzukommen. Das war überhaupt gar nicht unser Thema. Insofern war es kein Seitenwechsel, kein »Verrat an der revolutionären Sache« nun ins Establishment zu gehen oder so etwas. Also diese Komponenten hatte das überhaupt nicht.

 

Christian Tschirner: Wahrscheinlich spielt ja auch eine Rolle, in welchem Alter eine Revolution erlebt. Herr Benvenuto, Sie haben 68 mit 20 erlebt und haben die Politik dann links liegen lassen. Sie sind – im Gegensatz zu vielen ihrer Altersgenossen – sozusagen  aus 68 ausgestiegen, haben sich verabschiedet davon. Ist das richtig?

 

Sergio Benvenuto: Für mich war es so, dass ich nach 68 die aktive Politik verlassen habe. In Italien ist es ja üblich, sich schon relativ früh, in jungen Jahren zu politisieren. Ich war also schon mit 20 Jahren Mitglied der kommunistischen Partei. Aber eigenartigerweise hat mich gerade die Erfahrung von 68 dazu gebracht, aus der aktiven Politik auszusteigen. Im Grunde bin ich also ein wenig gegen den Strom geschwommen, denn sehr viele sind natürlich durch die 68 erst politisiert worden und dann in die aktive Politik gegangen.

Sieht man sich die damaligen Führer der politischen Bewegungen an, dann sind sie heute nach 40 Jahren in die unterschiedlichsten politischen Richtungen eingemündet. 68 war so etwas wie eine politische Ausbildungsakademie für die Intellektuellen und es gibt heute die ganze Spannbreite von extrem links bis extrem rechts, wo die Leute politisch gelandet sind. Es ist also nicht so, dass hier ein Weg vorgegeben wurde und der Sohn dem Vater gefolgt ist usw. Sondern es hat zu einer ganz offenen, disperaten Bewegung geführt.

 

 

 

 

Der 1948 in Neapel geborene Schriftsteller, Philosoph und Psychoanalytiker Sergio Benvenuto forscht am Institut für Kognitionswissenschaften und Technologien in Rom (ISTC). Er ist Chefredakteur und Herausgeber des Journal of European Psychoanalysis und italienisches Mitglied des Institut Européen d'Hautes Etudes en Psychanalyse.

 

Der deutsche Mathematiker, SPD-Politiker und Autor Reinhard Höppner wurde 1948 in Haldersleben geboren. Sein Vater, ein evangelischer Pastor, unterstützte das mathematische Talent seines Sohnes. Nach einem Studium der Mathematik wurde Höppner Lektor für Mathematikliteratur im Akademieverlag. Nach dem Ende der DDR trat er in die neu gegründete SPD ein und begann eine politische Karriere, die 1994 bis 2002 im Ministerpräsidentenamt von Sachsen-Anhalt gipfelte. Danach widmete er sich ehrenamtlichen und publizistischen Aufgaben.