Weltausstellung III: Hilfesupermarkt

»In Kriegsgebieten haben die schlimmsten Leute den besten Zugang zu Hilfsgeldern.«

 

Der Dezember ist der Höhepunkt der alljährlichen Mitleids– und Spendensaison. Linda Polman, die sich in ihrem aktuellen Buch mit einer ständig wachsenden weltweiten Hilfsindustrie auseinandersetzt, spricht mit Uwe Becker von Brot für die Welt und Dramaturg Christian Tschirner über Sinn und Unsinn humanitärer Hilfe.


Christian Tschirner: Frau Pohlmann, vor »Die Mitleidindustrie« haben Sie »We Did Nothing« geschrieben, ein Buch über das Scheitern der UNO. Sie haben dafür verschiedene UN-Missionen in Ruanda, Haiti, Sierra Leone und Somalia begleitet. Kam dabei die Idee, über Hilfsorganisationen zu schreiben? Wie ist der Gedanke entstanden?

 

Linda Pohlmann: Ich habe die UN-Truppen, die Blauhelme, als Journalistin begleitet. Ich bin ihnen in viele Länder gefolgt, um zu sehen, was sie machen, was ihre Möglichkeiten sind und wo ihre Grenzen liegen. Ich war mit den Blauhelmen in Haiti, Sierra Leone, Somalia. Und langsam wechselte dabei mein Focus von den Soldaten, zu den Vorgängen drum herum. Zu dem, was ich die »Krisenkarawane« nenne. Die Karawane internationaler Hilfsorganisationen, die in Gebiete einrückt, in denen der Krieg gerade beendet wurde, um ihre Arbeit zu verrichten und ihre Projekte zu beginnen. Und wie die Soldaten beobachtete ich auch die Hilfsorganisationen viele Jahre. Nach Sierra Leone, zum Beispiel, kam ich, als noch Krieg herrschte. Es waren kaum Ausländer dort. Im Jahr 2000 dann wurde das Friedensabkommen unterzeichnet und binnen Wochen rückte diese Krisenkarawane ein und dadurch veränderte sich das Land natürlich. Aber es veränderte sich nicht zum Guten sondern zum Schlechten. Ich sah, dass das Geld, das die Ausländer brachten, und auch die Hilfsgüter – ich sah, dass ausgerechnet die schlimmsten Leute Zugang zu Geld und Hilfsgütern bekamen. Das waren ausgerechnet die Kriegsverbrecher. Die guten Leute kamen nicht ran an das Geld. Und ich dachte: Das kann nicht wahr sein. Die Humanitären Organisationen kommen, um zu helfen, aber sie helfen den falschen Leuten. Und dann begann ich meine Beobachtung zu überprüfen. Ich ging nach Liberia, als die Hilfsorganisationen kamen, ich ging in den Kongo, nach Afghanistan und ich sah die gleichen Dingen: Sehr oft in Kriegsgebieten haben die schlimmsten Leute den besten Zugang zu Hilfsgeldern.

 

Christian Tschirner: Wie lange haben Sie für das Buch recherchiert?

 

Linda Polmann: Zu lange! Ich habe ungefähr fünf Jahre darauf verwendet. Teil des Problems ist, dass die internationale Hilfsgemeinschaft nicht zusammenarbeiten. Wenn man also diese Industrie untersuchen will, muss man all diese verschiedenen Hilfsorganisationen untersuchen. Und wenn ich sage, dass es ungefähr 37 000 davon gibt, bekommt man vielleicht einen Eindruck davon, wie schwierig es ist, zu untersuchen, was die eigentlich alle machen. Man muss diese Organisationen einzeln untersuchen und man muss die gleiche Organisation in den unterschiedlichen Krisengebieten untersuchen, in denen sie aktiv ist. Ihre Arbeit in Afghanistan ist unterschiedlich von der in Sierra Leone und die Arbeit in Sierra Leone ist anders als die in Haiti, zum Beispiel. Es war also sehr sehr schwierig für mich, ein Bild von der internationalen Hilfsgemeinschaft als ein Ganzes zu bekommen. Ich brauchte fünf jahre bevor ich dachte: Okay, jetzt weiß ich genug, um das Buch zu schreiben. Aber das ist nur ein Anfang. Ich hoffe, es werden sich andere Journalisten dem Thema annehmen. Diese Industrie braucht immer noch eine Menge Investigation. 

 

Christian Tschirner: In Ihrem Buch gibt es Szenen, die einem sehr nahe gehen. Elend, Gewalt, Hunger. Herr Becker, Sie sind auf der anderen Seite, in der Hilfsindustrie tätig und waren in den unterschiedlichsten Krisengebieten unterwegs. Wie verarbeitet man psychisch? Wie bleibt man als professioneller Hilfsarbeiter psychisch gesund?

 

Uwe Becker: Ohne ein Stück Gottvertrauen geht es nicht. Frau Polman, Sie haben berichtet, dass Sie das Einfallen der Hilfsindustrie in Kriegsgebiete und das Weiterziehen der Karawane beobachtet haben. Das habe ich auch erlebt. Wenn diese Hilfskarawane, diese Hilfsindustrie, diese dem Spenderdruck zum Teil ausgelieferten Organisationen, tätig werden, dann bleibt kein Stein auf dem anderen. Ich hab aber auch gesehen: Was war vorher und was passiert nachher. Denn wenn die Karawane weiter gezogen ist, sind ja die Probleme nicht weg. Und dann ist die Frage: Wie geht es weiter? Welche Organisation bleibt? Welche war vielleicht vorher schon aktiv. Also, da gibt es Unterschiede.

Ich stimme Frau Polman vollkommen zu: In diesem Bereich wird viel zu wenig geschaut was da eigentlich passiert. Und es gibt viel zu wenig Koordination. Ich bin froh, dass die protestantischen Kirchen in den letzten Jahren zu einer Koordination ihrer Hilfe gefunden haben. Ich finde ihr Buch, Frau Polman, ein bisschen zu wenig differenziert, begrüße aber grundsätzlich, dass sie den Finger in diese Wunde legen.

 

Christian Tschirner: Frau Polman, sie haben bei ihrer Recherche – zumindest für mich – unvorstellbare Situationen erlebt. Sie beschreiben Muster, die sich, egal wo, scheinbar immer wiederholen. Wie hält man das aus?

 

Linda Polman: Ich habe Glück, ich bin Journalistin. Immer wenn ich aus einem Kriegsgebiet heimkehre, kann ich darüber schreiben, darüber reden. So kann ich eine Menge loswerden, ich denke ich bin okay. Aber vielleicht...vielleicht nicht. Ruanda war ein wirklich schwieriges Land, selbst als ich nach dem Genozid 1994 da war. Ich war schon vorher da, aber ich kam zurück nach dem Völkermord. Und da wurde noch viel getötet. Ich war mit den Blauhelmen unterwegs und kam in ein Flüchtlingslager irgendwo in Ruanda. Im Lager waren Hutus und die Tutsi-Armee entschied das Lager zu säubern und auf jeden zu schießen, der das Lager verließ. Ich war bei den Blauhelmen die das Lager bewachten. In fünf Tagen töteten die Tutsis ungefähr 3000 Menschen. Ich habe das gesehen, ich war da. Ich konnte nicht weg. Ich war gefangen in dieser großen Säuberung. Nachdem ich gesehen hatte, wie 3000 Leute getötet wurden, nachdem ich Tote herumgeschleppt und Stümpfe von Armen verbunden hatte, die abgehackt worden waren – es war wie in Dantes Hölle – danach fuhr ich nach hause und nach ein paar Tagen und vielen Duschen dachte ich: Das kann nicht sein, ich schlafe jede Nacht, ich habe keine Alpträume. Und ich dachte: Das kann nicht richtig sein, ich sollte Alpträume haben. Und ich entschloss mich, zu einem Psychiater zu gehen. Ich sagte, Doktor, nach all dem habe ich keine Alpträume, ist das okay? Er erklärte mir, wie Traumata funktionieren. Ich sagte, oh mein Gott, bin ich traumatisiert? Und er sagte: »Ja, aber das sind wir alle. Das Leben

ist wie ein Eimer und dein ganzes Leben lang wird dein Eimer ein kleines Bisschen mehr gefüllt: Deine Eltern sterben, und der Eimer füllt sich, du hast einen Autounfall, dein Onkel stirbt, du siehst ein Massaker in Ruanda und der Eimer füllt sich immer ein Bisschen mehr. Aber zum Problem wird das Trauma erst, wenn der Eimer voll ist und überläuft. Dein Eimer« sagte er zu mir »ist noch nicht voll. Das kann jeden Moment passieren, aber im Moment ist alles okay.« Ich denke, er könnte Recht haben. Aber vielleicht haltet Ihr mich für einen Freak, oder so…

 

Christian Tschirner: Es gab ja schon früher Bücher, die sich kritisch mit den Hilfsorganisationen auseinander gesetzt haben. Eine Folge davon war Mitte der 90er Jahre, dass das Vertrauen der Spender in die großen Nichtregierungsorganisationen verloren ging  und sie mehr und mehr dazu übergingen, ihre eigenen kleinen Organisationen zu gründen. Heute gibt es eine unüberschaubare Zahl von privaten, zum Teil religiösen, zum Teil auch wirtschaftlich beeinflussten Hilfsorganisationen. Wie hat das die Situation verändert?

 

 

Uwe Becker: Ja, die Spender sind zum Teil enttäuscht worden und haben nach neuen Wegen gesucht. Sie haben jetzt ihrem Nachbarn, von dem sie annahmen, dass er die Kompetenz hat, Vertrauen entgegen gebracht. Aber sie haben auch hier nicht weiter nachgefragt, was passiert mit meinem Geld. Das heißt, das Vertrauen, das den Großen entzogen wurde, haben die kleinen Organisationen bekommen und die kritische Nachfrage ist weiter unterblieben. Ich arbeite für die Diakonie Katastrophenhilfe. Ich weiß, es ist schwierig genug, Aufmerksamkeit für Spenden zu bekommen. Aber noch schwieriger ist es, zu vermitteln, was mit den Spenden passiert. Das will kaum jemand wissen. Hauptsache, das gute Gefühl wird irgendwie befriedigt. Die Leute wollen aus dem Dilemma raus. Sie wollen das Gefühl haben: Ich hab was Gutes getan und das soll dann bitte nicht noch mal erschüttert werden.

 

Linda Polman: Ich stimme zu. Aber ich bekomme Angst, wenn ich sehe, wie viele Hilfsorganisationen es gibt, große und kleine, und jeden Tag kommen neue dazu. Das kommt daher, weil es so einfach ist. Selbst wir könnte jetzt hier eine neue Organisation gründen. Ich bin der Direktor, jeder von Euch gibt mir zehn Euro und morgen fliege ich nach Afrika und wenn ich Lust dazu habe, werde ich dort Gehirnoperationen durchführen. Da ist kein Diplom nötig. Da ist keine Erlaubnis nötig. So lange die lokalen Autoritäten in Kenia denken, es ist in Ordnung, das ich dort bin, kann ich machen, was ich will. Und Sie können mir das Geld dazu geben. Oder Sie sagen: Nein, Sie machen keine gute Arbeit, ich mache es selbst. Sie können selbst eine Organisation gründen und niemand wird Sie aufhalten. Das Chaos, dass schon da war, weil es zu viele große Organisationen gab, wird jetzt noch größer, weil es jetzt noch so viele kleine Organisationen gibt. Die Leute denken, sie tun Gutes. Sie fühlen das Bedürfnis, Gutes zu tun. Sie sehen hungrige Kinde im Fernsehen und wollen, dass die vom Fernseher verschwinden. Lasst uns mit Geld werfen! Aber natürlich funktioniert das nicht. Diese Leute tun das, um sich selbst gut zu fühlen. Ich denke, wenn Sie sich wirklich um die Opfer von Krieg oder Hunger sorgen, sollten Sie darüber nachdenken, was für diese Opfer gut ist und nicht für Sie selbst. Es ist nicht so, dass wir in Afrika gebraucht würden. Glauben Sie mir, die kommen dort sehr gut allein klar. Also, springt bitte nicht ins Flugzeug, fliegt dahin und fangt an Leute zu retten. Die haben nämlich gar nicht nach Euch gefragt. Also, das Wachstum der Hilfeindustrie ist ein Problem.

 

Uwe Becker: Wenn es eine medienwirksame Katastrophe gibt, klingelt bei mir das Telefon. Dann fragen mich die Leute, wie man gerade jetzt diesem einen Menschen, der da auf dem Fernsehbildschirm zu sehen ist, helfen kann. Es muss dann ein Boot für den Fischer sein, dessen Boot gerade von einer Welle zerstört wurde. Und wenn ich sage: Der Fischer hat schon ein neues Boot, wir bräuchten für das Dorf ein Gemeindezentrum, dann sagt der Spender: »Das will ich nicht.« Anderer Anruf: »Ich bin gut in Organisieren. Ich will da hin, ich möchte helfen.« Ich frage dann meist zurück: »Was können Sie, was die Leute in Afrika oder Asien, oder wo immer Sie helfen möchten, nicht selbst machen könnten?« Darauf folgt dann meist Schweigen und Zorn: «Sei wollen meine Hilfe nicht!« Nee, will ich auch nicht, ich will ihr Geld. Weil wir das mit Organisationen vor Ort umsetzen können. Weil die Menschen dort Subjekte ihrer eigenen Geschichte sind und nicht Objekte unserer Hilfe. Aber das will der Spender nicht gern hören.

 

Christian Tschirner: Die Entwicklung großen Hilfsorganisationen hin zu unzähligen kleinen erfolgt ja im Grunde parallel zur weltweiten Liberalisierung. So wie die Telekom beispielsweise jetzt von kleinen privatkapitalistischen Unternehmen angegriffen wird, haben auch die großen Hilfsorganisationen plötzlich viele kleine Konkurrenten. Der Kampf um Spenden ist also sehr viel größer geworden. Man muss allerdings sehr viel Vertrauen in den Kapitalismus haben, wenn man glaubt, damit würde alles besser. Der Spender sieht sich auf einem moralischen Weg. Aber wie Unternehmen operieren die Organisationen in ökonomischen Zwängen. Müsste ich mich, wenn ich das als Spender verstanden habe, nicht eher wie ein Shareholder verhalten? Und wo ist der Aufsichtsrat? Es gibt in dieser gewaltigen Industrie ja gar keine Kontrolle.

 

Linda Polman: Da ist keinerlei Kontrolle, denn das ist ein freier Markt. Frei für jeden. Jeder kann mitmachen, man braucht keine Lizenz, keinen Abschluss. Es gibt keine Möglichkeit, das zu kontrollieren. Die Einzigen, die das können, sind die lokalen Regierungen. Die Regierung eines Tsunami-Landes, die Regierung von Kongo oder Somalia. Und diese Regierungen kontrollieren nicht, weil sie von der Hilfeindustrie profitieren. Sie werden immer mehr Organisationen einladen, weil dann auch mehr Geld ins Land fließt. Also, das ist ein Teufelskreis und keine Möglichkeit der Kontrolle. Ich habe untersucht, was passiert, besonders wenn es in dem Land einen Konflikt gibt, wenn Waffen im Spiel sind, wenn da ein Krieg stattfindet. Dann steckst du in einem riesigen moralischen Dilemma, weil jede einzelne Hilfsorganisation, die in das Kriegsgebiet geht, mit den lokalen Autoritäten verhandeln muss, unter welchen Bedingungen sie Zugang zu Flüchtlingslagern bekommen. Oder  Zugang zu Menschen, die hungern, zum Beispiel. Die Organisationen können nicht einfach da hin und sagen: »Ich bin eine Hilfsorganisation, ich bin hier der Boss.« Sie müssen immer verhandeln. Und in Kriegszonen sind die lokalen Autoritäten Warlords, Rebellen, Generäle, Kindersoldaten usw. Alle diese Hilfsorganisationen machen also ihren eigenen Deal mit diesen lokalen Autoritäten. Ich war Journalist dort, ich musste auch verhandeln, wissen Sie. Ich komme an eine Straßensperre, zum Beispiel, und der Rebell sagt zu mir: »Weiße Frau, du darfst nicht in mein Land.« Und ich antworte: »Ich gebe dir Geld oder ich gebe Dir Brot. Oder ich gebe dir einen Stift und dann lässt du mich rein.« Ich komme mit wenig Geld durch. Aber die Hilfsorganisationen müssen teilweise viel, viel, viel Geld bezahlen oder sie müssen problematische Geschäfte machen, wie zum Beispiel im Moment im Sudan. Hilfsorganisationen zahlen Millionen von Dollars an das sudanesische Regime, für die Erlaubnis in einem Flüchtlingslager in Darfur zu arbeiten. Es gibt die großen Hilfsorganisationen, die mit den lokalen Autoritäten verhandeln und es gibt all die kleinen, die das Gleiche tun. Es ist ein totales Chaos. Und die Gewinner in dieser Situation, sind die lokalen Autoritäten, weil sie die Bedingungen bestimmen. Sie machen den Preis. Man bekommt mehr und mehr Chaos und in Ländern, wo es Leute mit Waffen gibt, ist dieses Chaos tödlich. Das ist also ein weiterer Grund, warum man versuchen sollte. Kontrolle über diese Hilfsindustrie zu gewinnen.    

 

Uwe Becker: Ja, das ist ein Dilemma, und zwar eins, das wirklich zum Himmel schreit. Wir haben aber die Möglichkeit, die Organisationen zu nötigen, von diesem Dilemma etwas mitzuteilen. Das wäre ja auch schon was, wenn die Hilfsorganisationen sagen würden: Wir stecken in diesem Dilemma. Das wäre ein Riesenschritt. Die Wirtschaftsprüfer von «Price Waterhouse Cooper” haben sich da übrigens verdient gemacht, indem sie einen Preis für Transparenz ausgelobt haben. Da wird, unter Kriterien, die für alle Organisationen gleich sind, die Transparenz in der Berichterstattung dieser Organisationen betrachtet. Und das nötigt uns zu mehr Transparenz. Das ist ein kleiner Schritt. Wir haben in Deutschland auch einen so genannten Spenden-TÜV vom Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen. Das heißt, ich kann mich in Deutschland, wenn ich das will, genauer informieren, um von den Dilemmata, die sie eben angesprochen haben, zumindest Kenntnis zu bekommen. Dass man

in Darfur bezahlen muss, um helfen zu dürfen, das ist ein Unding! Und es ist natürlich auch eine Frage der politischen Positionierung der einen oder anderen Organisation, dabei zu bleiben oder raus zu gehen. Nur, was passiert, wenn ich raus gehe? Ich lasse zu, dass Menschen sterben. Das ist der andere Teil des Dilemmas, mit dem man umgehen muss.

 

Linda Polman: Zwei Punkte, zu dem, was Sie sagten: Es geht nicht nur um nötige Transparenz, in Fällen wie Darfur, beispielsweise. Darfur ist im Moment die größte humanitäre Operation in der Welt. Dort wird fast eine Milliarde Dollar im Jahr ausgegeben. Und das ist nur das offizielle Geld, nicht das private, nicht die zehn Euro, die Sie spenden. Also, eine Menge Geld. Und obwohl eine Reihe von Organisationen rausgeschmissen wurden, arbeiten allein in Darfur immer noch mehr als hundert internationale Hilfsorganisationen. Ich denke, wenn diese Organisationen ihr Geld zusammenschmeißen würden, und ihre Kräfte bündeln würden, könnten sie der Militärregierung im Sudan Paroli bieten. Diese Art von Kooperation würde die Gemeinschaft der Hilfsorganisationen ermächtigen. Aber sie sind entschlossen ihr eigenes Geld zu behalten und ihre eigenen Programme durchzuziehen.  

 

Uwe Becker: Aber der Spender nötigt sie dazu. Der Spender sagt: Ich muss helfen. Und ich darf nicht diese politische Arbeit angehen.

 

Linda Polman: Das ist kein Grund. Es ist ihre Pflicht, diese Praktiken zu stoppen. Und noch was: Sie sagen, wenn wir Darfur verlassen, werden Menschen sterben. Ich werde jetzt etwas sagen, dass vielleicht sehr grausam klingt. Aber in diesem Moment finden auf unserem Planeten sechzig Kriege und Konflikte statt. Und in all diesen Konflikten zusammen leiden oder sterben Millionen von Menschen. Und nur in eine Handvoll dieser Konflikte schicken wir Hilfe. Wir ignorieren alle anderen Opfer. Es gibt also sehr wohl die Möglichkeit nein zu sagen zu Leuten, die sterben. Wenn es Ihr Beruf ist, so vielen Menschen wie möglich zu helfen, und dass ist Ihr Beruf, wenn Sie in der Humanitären Hilfe arbeiten, dann würde ich sagen, Darfur ist nicht der beste Platz für Sie. Sie könnten womöglich einer Menge Leuten helfen, und zwar an Orten, die wir im Moment ignorieren. Nein zu sagen ist eine Möglichkeit. Sie können das Geld auch an einem anderen Ort einsetzen, wo das Militärregime es nicht klaut und keine neue Waffen kauft mit dem Geld. Es gibt die Möglichkeit, woanders hinzugehen und anderen zu helfen.

 

Christian Tschirner: Wenn ich es richtig verstanden habe, ist nach der Flüchtlingskatastrophe in Goma versucht worden, eine Art Standard unter den Hilfsorganisationen zu entwickeln, damit so etwas nicht wieder vorkommt. Und jetzt hat man offenbar im Sudan wieder eine ganz ähnliche Situation. Wie kommt das?

 

Uwe Becker: Die Organisationen, die sich an die Standards gehalten haben, wurden einfach unterlaufen. Sie haben ja schon gesagt: es ist eine Konkurrenzsituation. In dieser Konkurrenzsituation geht es darum, die Medien zu bedienen, die spielen eine wichtige Rolle in diesem ganzen Kontext. Ich gebe Ihnen sofort recht: Es gibt die Option, nein zu sagen. Es gibt auch die Option, an vielen anderen Stellen was zu tun. Nur: Das Geld für die Hilfe bekomme ich für die Situationen, die in den Medien präsent sind. Wir konzentrieren uns ja in unserer Betrachtung heute Abend nur auf kriegerische Auseinandersetzungen. Die ganzen Fragen von Naturkatastrophen kommen noch hinzu. Da passiert das Gleiche noch mal in grün. Wenn ich mich an die Öffentlichkeit wende mit Katastrophen, die nicht so sexy sind, um das mal so pointiert zu sagen, krieg ich keinen Euro. Ich kann Ihnen auch sofort Katastrophen nennen, Auseinandersetzungen, wo man mit Geld viel machen könnte. Aber davon hat noch nie jemand gehört. Landvertreibung indigener Völker für Agrarproduktion, zum Beispiel,  interessiert keinen. Ich kriege nur Geld, wenn so was in der Tagesschau und zwar in den ersten fünf Minuten genannt wird. Ich gebe Ihnen sofort recht: Nein zu sagen wäre nötig, um sich im politischen Diskurs eindeutiger zu positionieren. Einige Organisationen haben gesagt, Goma darf sich nicht wiederholen und haben versucht, in Goma  entsprechend zu handeln. Aber es gab Tausend andere, die da rein gegangen sind.

 

Linda Polman: Ich glaube zutiefst, dass die meisten Leute hier das Beste wollen. Und wenn die Hilfsorganisationen ehrlich mit all ihren Dilemmas umgingen, mit all der Korruption, mit dieser extra Gewalt auf Grund der Hilfe, dann glaube ich zutiefst, dass sie ihr Geld für andere Projekte als Goma nicht verweigern würden.

 

Uwe Becker: Korruption ist etwas das sich überall abspielt, das unsere Aufmerksamkeit überall erfordert. Korruption ist auch ein Problem dieser Gesellschaft, nicht nur in Afrika, auch bei Siemens. Ich glaube, alles, was wir als Probleme ansehen, ist ein direkter Reflex auf die Gesellschaft, in der wir leben. Wir brauchen die Auseinandersetzung, um uns gut zu fühlen, uns zu entrüsten, uns zu positionieren.

 

Christian Tschirner: Noch etwas, das ich aus ihrem Buch herauslas, hat mit Entpolitisierung zu tun. Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks gab es zumindest noch das Gefühl, es gibt Konflikte, in denen es Gute und Böse gibt. Und man will wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Das war vielleicht zu einfach und oft auch falsch. Aber es gab noch den Versuch einer politischen Klärung. Inzwischen gibt offenbar überhaupt kein Interesse mehr daran, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Ich glaube, ehrlich gesagt nicht, Frau Polman, dass es reichen würde, ehrlich zu sein. Auch während der Goma-Krise sind Artikel über das Problem erschienen. Aber sie haben in der Öffentlichkeit nichts ausgelöst. Das alles ist viel zu kompliziert. Ich sehe da tatsächlich ein Demokratieproblem: Wir sind aufgerufen, verantwortungsbewusst zu handeln und wir handeln als Spender weltweit. Aber Interesse und Wissen, die zu Verantwortung führen könnten, tendieren gegen null.

 

Linda Polman: Es mag Artikel gegeben haben über Goma. Aber das Problem wiederholte sich in allen 25 Katastrophen danach. Und die Zeitungen schweigen darüber. Und die Hilfsorganisationen sind auch nicht hilfreich, sie sagen uns nicht die Wahrheit. Sie verschweigen die Wahrheit, weil es für sie gut ist. Weil wir andernfalls vielleicht aufhören würden, ihnen Geld zu geben. Die Hilfsorganisationen halten den Mythos am Leben, das ihre Hilfe funktioniert. Sie werden uns nicht die Wahrheit sagen. Ich muss daran glauben, dass wir, wenn wir die Wahrheit wüssten, den Hilfsorganisationen helfen würden, es besser zu machen. Daran möchte ich wirklich glauben, denn wir wollen nicht, dass Menschen leiden, wir wollen nicht, dass sie sterben. Ich glaube sicher, das wir teilweise zehn Euro geben, weil wir zu faul sind, mehr zu tun. Aber der andere Grund ist, dass wir nicht wollen, dass diese Kinder leiden.  

 

Christian Tschirner: Aber das ist doch eine riesige Industrie. Das wäre doch genauso, als ob ich sagen würde: Bitte Siemens, bitte Mercedes, sagt uns die Wahrheit über eure Waffenprogramme.

 

Linda Polman: Aber Mercedes behauptet doch nicht, dass sie Menschen retten. Die Hilfsorganisationen tun das, sie sagen, sie retten Leben. Da ist doch ein Unterschied zwischen diesen Industrien.

 

Uwe Becker: Natürlich, das unterschreibe ich sofort. Wir müssen anders Rechenschaft ablegen, auch um den Preis der Rückgänge von Spenden.

 

Zuschauer: Schieben sich nicht Journalisten und Hilfsorganisationen den Schwarzen Peter hin und her? Die Hilfsorganisationen sagen, die Medien sind schuld, aber die Journalisten sind auch nur Menschen, die das fotografieren, was sich gut verkaufen lässt.

 

Linda Polman: Ich fürchte, da schauen wir auf eine andere Industrie, die Medienindustrie. Das ist wahr. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland aussieht, aber ich kenne die Lage in Holland. Für die holländischen Journalisten, die in arme Länder reisen, sind die Hilfsorganisationen die wichtigsten Arbeitgeber. Sie verkaufen die meisten Bilder an Hilfsorganisationen. Hilfsorganisationen bezahlen ihre Tickets, sie buchen ihre Unterkünfte, sie machen Deals mit ihnen, um ihre Projekte abzulichten. Und diese Bilder werden uns dann als journalistische Arbeit präsentiert. Das gleich gilt für das Fernsehen. Es gibt eine großes Gejammer der Journalisten, sie hätten kein Geld ins Ausland zu gehen. Und die Hilfsorganisationen springen da hilfreich ein. Sie bezahlen die Journalisten. Und ich kann ihnen das nicht einmal übel nehmen. Ich nehme es den Journalisten übel.   

 

Zuschauer:  Darauf wollte ich gar nicht hinaus. Ich meine, dass zum Beispiel Journalisten des Magazins GEO entlassen wurden, weil sie offenbar zu kritisch berichteten. Das heißt, die ganze Frage fällt auf mich als Verbraucher zurück: Was will ich lesen, was für Bilder will ich sehen, was wird GEO also drucken wollen, was wird der Journalist also schreiben oder fotografieren dürfen? Vielleicht befinden wir uns in einem Dreieck, in dem auch die Hilfsorganisationen mitspielen.

 

Linda Polman: Ja, da bin ich sicher. Aber natürlich spielen nicht alle Journalisten da mit und nicht alle Hilfsorganisationen und nicht alle von uns. Da sind immer noch eine Menge Leute, die nicht in so einer Welt leben wollen. Und das hält mich am Leben, wissen Sie? Die Hoffnung, das da genügend Leute sind, die was verändern wollen. Sie haben ja auch durch den Schnee hierher gefunden. Und ich bin sicher, nicht um zu hören, wie schrecklich alles ist. Ja, es ist diese Triangel, dieser Teufelskreis. Aber es hat keinen Sinn zu sagen: Was für eine schreckliche Welt. Wir müssen versuchen sie zu ändern. Vielleicht klinge ich jetzt ein bisschen dramatisch, aber wir müssen gute Staatsbürger sein. Wir sind verantwortlich. Wir leben in einer Demokratie und sind verantwortlich für die Politik unseres Landes. Wir müssen aufhören faul zu sein. Leute, holt Euch die Macht zurück! Ich weiß, ich klinge wie ein alter Hippie, aber das sind nun mal die Konsequenz des Lebens in einer Demokratie: Du bist verantwortlich.

 

Christian Tschirner: Aber muss sich die Frage nicht viel stärker an die Politik richten? Im Doping wird an die Sportler appelliert, dass sie das Dopen lassen sollen, an die Industrie wird appelliert, dass sie die Korruption lassen soll, aber die Politik behauptet: Je liberaler die Gesetzgebung, desto besser für alle. Ich habe das Gefühl, wenn ich akzeptieren muss, dass Hilfsorganisationen Teilnehmer eines Marktgeschehens sind, dann ist es doch naiv zu sagen: Leute, Ihr müsst euch bessern. Sie kämpfen ja um jeden Euro, müssen sich am Markt behaupten.

 

Uwe Becker: Es ist unser zivilgesellschaftliches Engagement gefragt. Ich glaube nicht, dass man das delegieren kann. Die Politik sind wir. Wir sind es, die Politik machen. Und wenn ich mir vor Augen führe, dass in der Bundesrepublik Deutschland die Nichtwähler die stärkste Wählergruppe stellen, verstehe ich auch, warum Politik so ist, wie sie ist. Wir sind diejenigen, die für Moral einzutreten haben, wir sind diejenigen, die für eine andere Gesellschaft eintreten müssen. Wir als Hilfsorganisationen – wenn wir den Begriff der Hilfsindustrie schon mal aufnehmen – wir verkaufen kein Waschpulver, sondern wir versuchen, Menschen zu helfen. Und das bedeutet, dass wir uns an diesem Anspruch messen lassen müssen. Und zwar mit einer höheren Messlatte als andere Industrien. Wir, als Hilfsorganisationen sind aufgefordert, mutiger zu sein, authentischer zu sein, und die Kraft aufzubringen, auch nein zu sagen. Eine Konsequenz für uns könnte sein, sich da, wo es um kriegerische Auseinandersetzungen geht, strikt nicht zu engagieren. Natürlich: Bei Naturkatastrophen geschieht exakt das Gleiche. Dort ist es der Warlord, hier ist es der Mensch mit dem Stempel. Das heißt, wir müssen als Organisation dort, wo wir tätig sind, zivilgesellschaftliches Engagement unterstützen. Und als gute Staatsbürger müssen wir hier den zivilgesellschaftlichen Aufbau unterstützen.

 

Zuschauer: Muss es nicht darum gehen, das Übel an der Wurzel zu bekämpfen und nicht immer nur neue Verbände anzulegen?

 

Uwe Becker: Also, wenn ich zum Zahnarzt gehe und eine Wurzelbehandlung bekomme, dann wünsche ich mir, dass der Zahnarzt jede Wurzel einzeln ganz genau anschaut. Und so ist das mit den Problemen, über die wir hier reden, auch. Die müssen differenziert angeschaut werden. Was an der einen Stelle die Wurzel ist, kann an der anderen Stelle das Symptom sein. Diese Differenziertheit aufzubauen und aufrecht zu erhalten, ist sehr schwierig. Das gelingt den Hilfsorganisationen auch nur bedingt. Sie, als Spender, können sich sagen: Das sind meine Themen, die unterstütze ich. Auf einer zweiten Schiene können sie anhand eines Spendensiegels sehen, ob die Organisation das, was sie sagt, auch umsetzt. Das garantiert Ihnen das Spendensiegel. Wir wissen alle, dass Unicef vor zwei Jahren heftige Probleme damit hatte, dass sie etwas anderes gesagt haben, als sie tatsächlich gemacht haben. Das heißt, wir sind in der Lage, uns zu informieren. Sie werden natürlich nie eine Organisation finden, die hundertprozentig das unterstützt, was Sie wollen. Sie werden immer ein gewisses Agreement treffen müssen. Sie müssen natürlich Organisationen aussuchen, die auch in einem politischen Kontext aktiv sind, die sich in gesellschaftlichen Diskurs einmischen. 

 

Zuschauer: Frau Polman, was sind nach ihrer Meinung die Parameter, an denen man von außen erkennen kann: Das ist eine sinnvolle Sache oder davon sollte man lieber Abstand nehmen?

 

Linda Polman: Nach meiner Erfahrung ist es nicht so wichtig nach der Organisation zu fragen, sondern vielmehr danach, wo sie aktiv sind. Wo arbeiten sie? Die Organisationen werden in Kriegsgebieten andere Probleme haben als nach Naturkatastrophen. Wenn eine Hilfsorganisation in Kriegsgebiete geht – egal welche – sie wird in genau die Probleme verwickelt werden, über die wir vorhin gesprochen haben. Sie wird ihren Weg zu den Opfern verhandeln müssen. Also, das wäre für mich die erste Frage. Wen eine Organisation Ihr Geld möchte, sollten Sie fragen, wo sie es ausgeben wollen. Und wenn das ein Gebiet ist, wo die Regierung aus Warlords besteht, sollten Sie diese Organisation fragen, wie wollt ihr euch vor den Forderungen dieser Warlords schützen? Das ist für mich die wichtigste Frage. Kann die Hilfsorganisation in der Lage zu entscheiden, wie das Geld ausgegeben wird?

 

Zuschauer: Aber werden die denn ehrlich sein und mir das verraten?

 

Linda Polman: Vielleicht nicht. Aber wenn sie nach Darfur gehen, sollten die Alarmglocken läuten... (Sie lacht) Weil sie wissen, wer in Somalia das Sagen hat. Googeln Sie einfach ein bisschen, wohin diese Organisationen gehen und ich bin sicher, Sie werden eine Menge lernen.

 

Uwe Becker: Ich warne vor Google. Bei aller Wertschätzung Ihrer Position – aber das war ein bisschen unter dem Niveau, auf dem wir diskutieren. Die ersten Nennungen bei Google sind Teil des Business, die ersten 100 Einträge kann ich getrost als PR ansehen, also als eingekaufte Beiträge. Ich unterschreibe sofort, dass Sie als Verbraucher in Spendenfragen die Organisation befragen sollten, wo sie agieren, wie sie agieren, sofort. Bei Organisationen, die Sie nicht sofort und umfänglich informieren, würde ich das erste Fragezeichen zu setzen. Die zweite Frage ist die nach der Kompetenz. Eine Hilfsorganisation, die sich 30 Jahre lang als Kinderhilfswerk positioniert hat und plötzlich eine Kompetenz in Fragen von Nothilfe oder der Engagements in Kriegsgebieten behauptet, nutzt womöglich nur den Medienrummel. Da gibt es Beispiele ohne Ende. Der liebe Gott hat uns fünf Finger an jede Hand gegeben. Bei 40 000 Hilfsorganisationen können Sie, wenn Sie gut sind, fünf Organisationen etwas genauer betrachten. Und um der Verantwortlichkeit nachzukommen, von der Sie gesprochen haben, beschränken Sie sich auch fünf. Es reichen auch zwei oder drei, vielleicht reicht auch eine. Suchen Sie sich eine aus und wenn Sie die verfolgen und in einen Kommunikationsprozess treten und Transparenz zu verlangen – wenn Sie sich darauf konzentrieren, dann können Sie auch was bewegen.

 

Zuschauer: Das Schauspiel Hannover hat vor einiger Zeit «Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertold Brecht auf die Bühne gebracht. Eine zentrale These darin ist, dass das Spenden sammeln die Welt nicht verbessert, sondern verschlechtert, weil es von einer Positionierung abhält. Man könnte sagen, dass diese ganze Spendensammel-Industrie, nicht auf der Seite der Guten steht, sondern für den ideologische Überbau des liberalisierten Kapitalismus sorgt. Wenn man das von der Wurzelbehandlung her betrachtet, dann kann man sagen, wir brauchen Zahnärzte, die qualifiziert sind, Wurzeln zu behandeln. Aber vor allen Dingen brauchen wir doch Menschen, die engagiert einer Zucker- oder Süßwarenindustrie entgegen treten, die für dieses Kariesproblem verantwortlich sind. Da müssen die Spendenorganisation doch deutlich politischer werden.

 

Uwe Becker: Sicher.

 

Christian Tschirner: Es gibt noch ein anderes Stück von Brecht, «Der gute Mensch von Sezuan”, das ein Problem, das vielleicht viele von uns haben, noch drastischer zeigt. Die Protagonistin darin agiert als Kleinkapitalistin und kann nur Wohltäterin sein, indem sie so etwas wie eine abgespaltene Persönlichkeit hat. Diese riesigen Spendenaufkommen und die totale Ausblenden von Realität im ganzen Spendensektor scheint mir ein ähnlicher Vorgang. Wirtschaftlich befinden wir uns in einem entfesselten Kapitalismus und bewegen uns alle darin sehr komfortabel. Auf der anderen Seite brauchen wir eine Art Ablasshandel, einen blinden Glauben an Wohltätigkeit und Hilfe. Wir wollen gar nicht wissen: Worum geht es da eigentlich? Wo geht das Geld hin? Wir wollen eben einfach die Schecks unterschreiben und ein bisschen von unserem unrechtmäßig erworbenen Besitz abdrücken.

 

Uwe Becker: Ein bisschen Relativierung: 4 Milliarden Euro Spendenaufkommen werden im Jahr in Deutschland eingesammelt. Das ist eine riesige Summe. Aber im Verhältnis zu dem, was wir letzten Herbst aufgebracht haben, um systemrelevante Banken zu retten, fällt das in den Bereich Peanuts.

 

Christian Tschirner: 4 Milliarden sind ja nur die Privatspenden.

 

Uwe Becker: Diese 180 Milliarden, die Frau Merkel den Banken zugesichert hat, werden Sie und ich am Ende auch bezahlen müssen. Wenn wir schon Geldsummen jonglieren: riesig ist immer relativ. Ich gebe Ihnen sofort recht, dass Organisationen sich nicht nur im Gutmenschentum erschöpfen sollen. Es geht nicht darum, den Indianern, die von ihrem Land vertrieben werden, eine Suppe zu kochen. Sondern sie in die Lage zu versetzen, sich adäquat zu wehren. Indem man z.B. Juristen bezahlt. Vielleicht müssen wir der Frage noch mal Raum geben: Was passiert den mit dem Zeug, dass da angebaut wird in Brasilien? Da steht Zuckerrohr, das wird zu Bio-Ethanol verarbeitet und soll die bundesrepublikanische Automobilindustrie retten. Sie und ich sind an dieser Stelle in unserem Konsumverhalten gefragt. An vielen Stellen entsteht Ungerechtigkeit, weil unser ökonomisches System, unsere Art zu Leben darauf unmittelbare Auswirkungen hat. Und das gilt auch im Kontext von kriegerischen Auseinandersetzungen. Es ist noch gar nicht thematisiert worden, wer denn die Nutznießer dieser kriegerischen Auseinandersetzungen sind. Die Bundesrepublik ist nach wie vor einer der größten Waffenexporteure, insbesondere im Kleinwaffenbereich. Die sind nicht von unerheblicher Bedeutung. Wir fangen jetzt an, in die gesamte Komplexität dieser Auseinandersetzung zu gehen. Frau Pohlmann hat auf pointierte Weise den Finger auf etwas gelegt, was uns nötigt, einmal zu schauen, wie wir da eine Handlungsfähigkeit bekommen. Das was dort passiert, um es mal drastisch zu sagen, stinkt zum Himmel. Und es passiert im Namen des Guten, aber das Gegenteil kommt dabei raus.

 

Zuschauer: Ich höre das alles mit einem unbehaglichen Gefühl. Wir helfen und helfen...Ich helfe auch. Ich habe selbst eine kleine Hilfsorganisation. Ich komme aus dem Kongo, ich habe dort Brunnen bohren lassen. Nach zwei Jahren kam ich wieder hin und die Leute sagen: Schön, wir haben jetzt Wasser, was hast Du noch? Wir haben dann dort noch ein Krankenhaus gebaut. Und die Leute sagen: Kannst du uns nicht noch eine Schule bauen? So sind sie das gewöhnt. Die Hilfsorganisationen, wie immer sie heißen, bringen das Geld mit. Und mein Unbehagen ist: Wie lange soll die Hilfe noch dauern? Gibt es irgend einen Zeitpunkt, wo wir sagen, die Afrikaner brauchen das nicht mehr, weil sie sich selber helfen?

 

Uwe Becker: Sie stellen die Frage nach der Abhängigkeit. So lange wir als superkluge Menschen des Nordens die ganze Welt glücklich machen wollen mit unserem Konsum und unserem Lebensstil, solange wir der Meinung sind, überall muss es Brunnen geben, überall muss es Hospitäler geben, werden wir immer glauben, etwas bringen zu müssen. Da hilft nur ein anderer Ansatz der Unterstützung. Sie haben es «Hilfe zur Selbsthilfe” genannt. «Brot für die Welt”, für die ich hier sitze, versucht das seit 50 Jahren. Wir sind nicht immer erfolgreich, aber das ist unser Ansatz. Die Menschen müssen es selber hinkriegen. Allerdings teile ich Ihren Optimismus nicht. Ich glaube nicht, dass wir irgendwann in einer Gesellschaft leben, in der Hilfe nicht nötig sein wird. Und glauben Sie mir, Probleme gibt´s nicht nur in Afrika. 14,7 Prozent der Kinder in Niedersachsen leben unter dem Existenzminimum. Nur, um mal einen anderen Aspekt rein zu werfen. Arme gibt es überall. Wir leben auch hier in Kontexten, die zutiefst ungerecht sind; es sieht nur ein bisschen anders aus.

 

Zuschauer: Gibt es denn Bestrebungen, die vielen verschiedenen Hilfsorganisationen zu organisieren, zusammenzufassen?

 

Linda Polman: Hier spricht der alte Hippie wieder: Wir sind diejenigen, die den Hilfsorganisationen erlauben, so zu sein, wie sie sind. Wir sollten ihnen helfen, ihr System zu verändern. Wir müssen sie dazu zwingen. Am Ende zahlen wir. Es ist unser Steuergeld oder unsere private Spende. Wir müssen Veränderungen verlangen. 

 

Uwe Becker: Es liegt in der Verantwortung des Einzelnen, der die Organisation unterstützt. Das gehört dazu. Es gibt Beispiele, dass durch die Nahrungsmittelhilfe vom World Food Programm die Bauern in der Region finanziell in den Ruin getrieben worden sind. Weil das Getreide, das gebraucht wurde, nicht in der Region gekauft wurde, sondern aus den USA, Kanada und Europa. Also die ganze Perversion geht, wenn wir nicht hinschauen, noch viel weiter.

 

Linda Polman: Vielleicht sollten wir aufhören, uns auf die Hilfsorganisationen zu fokussieren. Vielleicht ist die größte Lösung hier zu hause zu finden. Vielleicht, wenn wir eine bessere Politik hätten, eine bessere Agrarpolitik, könnte wir Millionen Leben retten. Das Problem sind nicht die Hilfsorganisationen und die Hilfsorganisationen sind auch nicht die Antwort. Es ist unsere Politik.

 

Uwe Becker: Ja. Weniger, anders, besser.

 

 

 

Linda Polman ist eine holländische Autorin und Journalistin, die als Korrespondentin in den letzten 20 Jahren in West- und Ostafrika, Afghanistan und Haiti gelebt und gearbeitet hat. Sie schrieb aufsehen erregende Bücher über Boat People, über den Völkermord in Ruanda und das Versagen der UN in Haiti, Somalia und Ruanda. Außerdem unterrichtet sie an Journalistikschulen, Militärakademien und an Universitäten

 

Uwe Becker ist Leiter des Referats Brot für die Welt in Hannover. Brot für die Welt ist eine Hilfsorganisation der evangelischen Landes- und Freikirchen, die sich im biblischen Auftrag sieht, die gesellschaftlichen Verhältnisse so zu gestalten, dass den Benachteiligten, Schwachen und Unterdrückten Gerechtigkeit widerfährt - unabhängig von Religion, Geschlecht oder Volkszugehörigkeit.