Weltausstellung IV: Reporting Violence

»Es gibt in den Medien einen Exzess der Gegenwart. Die Gegenwart reduziert auf das Minimum, auf den Moment, auf den Tag, auf das Bild.«

 

Der deutsche Fotograf Wolf Böwig und der portugiesische Autor Pedro Rosa Mendes haben gemeinsam an Reportagen aus verschiedenen Kriegs- und Krisengebieten gearbeitet. In unserer Weltausstellung IV zeigten wir ihre Ausstellung Reporting Violence an der Fassade des Schauspielhauses. Mit Dramaturg Christian Tschirner sprachen sie über aktuelle Gewalt und Gewaltberichterstattung.

 

 

Christian Tschirner: Pedro, Sie haben über unzählige Länder geschrieben. Die Liste reicht von Ruanda, Sierra Leone, West-Sahara, Angola bis in den asiatischen Raum. In ihrem Buch "Tigerbucht" schreiben Sie über eine Reise quer durch den afrikanischen Kontinent, von Angola auf der Westseite bis nach Mosambik im Osten. Im ersten Kapitel des Buches schreiben Sie, dass es keinen direkten Grund gab, durch Afrika zu reisen. Das heißt, Sie hatten den ehrenhaftesten Grund – es ohne Zwang zu tun. Nun ist ja Kriegsberichterstatter kein Traumberuf, von dem man als kleiner Junge sagt: »Wenn ich mal groß bin, werde ich durch die schlimmsten Gegenden dieser Welt reisen und darüber berichten.« Wie kamen Sie zu diesem Beruf, wie hat das angefangen?

 

Pedro Rosa Mendes: Danke, Christian. Lassen Sie mir zehn Sekunden, mich für die Möglichkeit dieser Veranstaltung zu bedanken. Es ist sehr selten, dass wir Kriegsberichterstatter in dieser Form unsere Arbeitserfahrung teilen und darüber diskutiert werden kann. Also, obwohl ich inzwischen fünfzehn Jahre lang mehr oder weniger Kriegsberichterstattung mache, betrachte ich es immer noch als eine Art Notfallberichterstattung. Es war für mich nie ein Job, nie ein Geschäft. Der Job heißt einfach Korrespondent oder Journalist. Am Anfang passierte es durch einen Zufall: 1994 wurde ich das erste Mal nach Westafrika geschickt. Ich sollte ein Feature über die westafrikanische Küste machen, mit historischen und kulturellen Bezügen, insbesondere mit Bezug auf Heinrich den Seefahrer. Die Küste wurde ja im 15. Jahrhundert von den portugiesischen Seeleuten entdeckt. Als Prinz Heinrich im Jahre 1460 starb, hatten die Portugiesen Sierra Leon erreicht. Sierra Leon wurde deshalb Startpunkt für mein Feature, um dann auf dem Landweg Lissabon zu erreichen. Ich musste also für jedes Land ein großes Feature erstellen. Zufällig oder nicht, blieb ich bei dieser Zeitung und wurde immer wieder nach Afrika geschickt. Und ziemlich schnell wurde es eine Art Spezialität von mir. Zu Beginn war das keine Absicht. Es passierte einfach. Ein Auftrag brachte den Nächsten und so läuft’s.

 

Christian Tschirner: Wolf, wie ist dein Werdegang? Du hast in Berlin Demonstrationen fotografiert, habe ich gelesen, und bist dann als Fotograf für die TAZ entdeckt worden - ist das richtig?

 

Wolf Böwig: Ja, das ist richtig. Das ist parallel zu meinem Studium gelaufen. Aber ich hatte noch einen anderen Schwerpunkt damals in Berlin: Ich fotografierte Leute aus Afghanistan, die mit illegalem Status in Berlin lebten. Und dann kam ein Bekannter von mir, Thilo Thierke, der mittlerweile der Asienkorrespondent vom Spiegel ist, auf mich zu. Damals wurde gerade Spiegel-TV gegründet und Thilo bekam sein erstes Assignement nach Afghanistan. Da ich schon einigermaßen in der Sprache zurecht gekommen bin und wir uns ganz gut kannten, sind wir zusammen da runter. Das war eigentlich nur ein Job für zwei Wochen, ich bin dann drei Monate in Afghanistan geblieben.

 

Christian Tschirner: Es gibt einen Satz von Susan Sonntag über Kriegsberichterstatter, der sagt, Kriegsfotografen erben den letzten Rest vom Glanz des In-den-Krieg-Ziehens. Was denkst du, wenn du das hörst?

 

Wolf Böwig: Das ist schwierig. Also weder identifiziere ich mich damit, noch habe ich dazu eine ablehnende Haltung. Das bleibt für mich zweidimensional, hat mit der Realität relativ wenig zu tun. 

 

Christian Tschirner: Ich kann mir vorstellen, das man es so nicht erlebt. Ich hätte auch - nach dem, was ich von Deiner Arbeit gesehen habe - nicht das Gefühl, das Du so zurückkehrt oder dieses Gefühl hast, wenn Du aus einem Kriegsgebiet berichtest. 

 

Wolf Böwig: Das macht natürlich immer etwas mit einem. Es gibt diesen persönlichen Limes, dem man bei so einer Arbeit begegnet. Es gibt immer eine Grenze, der man sich selber aussetzt – also es geht hier nicht um irgendeinen Pathos – aber es gibt eine Grenze, von der man vorher nicht weiß, dass sie so existiert.

 

Christian Tschirner: Wie kam es, dass Ihr zusammenarbeitet?

 

Pedro Rosa Mendes: Das war Wolfs Schuld. Er trat an Frank Berberich von Lettre International heran. Und er lag genau richtig. Er vermutete nämlich, dass eine Ähnlichkeit bestand zwischen ihm selbst und dem Mann, der »Tigerbucht« veröffentlicht hatte. So bekam er meinen Kontakt und wir trafen uns. Und ja, es war sofort eine intuitive Verbindung. Was jetzt in besonderer Weise auch unsere Zusammenarbeit bei dem ehrgeizigen Projekt »Kurosafrika« zeigt: Wir teilen einen Zugang zu Reportagen, zu dem, was Wolf den erzählerischen Sinn der Nachrichten  nennt. Wir sind zwei Journalisten mit völlig unterschiedlichen Techniken, die sich gegenseitig ergänzen und die versuchen, Sinn in die Geschichten zu bringen. Nicht nur im Moment oder nicht nur in der Gegenwart. Sondern wir versuchen der Zeit zu erlauben, ein Verständnis davon zu vermitteln, was mit einem bestimmten Ereignis, mit einer bestimmten Gesellschaft oder einer bestimmten von Gruppe Menschen passiert. Es ist ganz deutlich, was Wolf in seinen Reportagen macht: Er geht tiefer in die Akteure, in die echten Akteure, in den echten Parzival des Lebens hinein. Und genau das ist auch meine Herangehensweise. Du näherst dich einem Mann wie Charles Taylor nicht, indem du im Sherington-Hotel in Monrovia sitzt. Du musst herausfinden, was er über zehn Jahre lang in dieser ganzen Region getan hat. Diese Herangehensweise ist es, was uns – neben der Freundschaft – zusammenhält.

 

Wolf Böwig: Als ich zum ersten Mal einen Text von Pedro las, war es fast so, als würde ich den Text als Fotograf betrachten und die lyrische Übersetzung der Fotographie wäre »schreiben mit Licht«. Ich will sagen, ich konnte seinen Text richtig sehen. Ich wollte den Mann, der so schreiben kann, sofort kennen lernen. Das ist auch eine Art Liebesbeziehung, es ist wirklich ein ganz, ganz nahes Verhältnis.

 

Christian Tschirner: Ihr tretet ja in den Ländern, die ihr bereist, gewissermaßen als Zeugen auf. Ihr gebt uns Zeugnis, seid Zeugen von Taten, von Verbrechen. Wie wird man von Tätern und Opfern als Zeuge wahrgenommen? Ich habe, ich glaube bei Carolin Ehmke,  über Bosnien gelesen, dass die Bevölkerung sich einerseits über die westlichen Journalisten lustig gemacht hat, sie auf der anderen Seite immer geholt hat, wenn irgendwas Spektakuläres zu fotografieren war. Wie ist Euer Verhältnis zu den Menschen, die da involviert sind?

 

Wolf Böwig: Also, zum Ersten ist der Kontext sicherlich ein anderer bei uns. Wir hängen uns nicht an irgendeinen Journalistentross ran. Wir sind eher eine solitäre Einheit, die auf Seitenpfaden unterwegs ist. Wir sind meistens da, wo der große Tross nicht unterwegs ist. Deshalb ist der Zusammenhang natürlich ein anderer, wenn man - um Pedro zu zitieren - nicht aus dem Sherington-Hotel rauskommt, wo hunderte Journalisten wohnen und man sich in eine Reihe westlicher Journalisten einreiht. Wir versuchen raus zu gehen. Wir haben auch immer im Feature-Bereich gearbeitet, wir bedienen nicht die Daily News. Bei uns geht es um Hintergrundgeschichten. Wir müssen immer lange Wege gehen, um irgendwo hin zu kommen. Das beantwortet eigentlich auch schon den zweiten Teil der Frage. Man geht ein Stück und muss dann sehen, wie es weitergeht. Man begibt sich in eine Situation, die ihren eigenen Rhythmus hat. Ich glaube, darin liegt auch der Respekt begründet, den wir versuchen unserer Berichterstattung zu geben. Dass wir uns nicht dem Ganzen aufzwängen, sondern dass wir uns erst einmal gucken: Wie riecht das, wie schmeckt das, wie bewegen sich Menschen. Also, wie sind die kausalen Zusammenhänge. Und dann folgen wir dem Narrativen. Das ist der Unterschied zur Tagesberichterstattung. Und das heißt im besten Fall auch, dass es nicht konfrontativ ist, sondern mitnimmt. 

 

Pedro Rosa Mendes: Es ist sehr schwierig....Die Realität ist komplex in einer Weise, dass sich Opfer und Täter leider nicht immer scharf von einander trennen lassen. Meine Ethik als Journalist ist deshalb, dass ich mich dem, was ich abbilde, ohne meine eigenen Vorurteile und Werte zu nähern versuche. Natürlich gibt es da immer wieder Grenzsituationen. Dass jemand vor deinen Augen einen anderen tötet, will man natürlich vermeiden. Um das Ganze besser zu verstehen, versuche ich es anhand einer Situation in Afrika zur Zeit der Kriege von Charles Taylors zu verdeutlichen: Wenn man in so einen Krieg geht und sich immer zu allem positionieren will, wird das Ergebnis am Ende schlecht, wird verunreinigt mit irgend etwas. Es ist nicht einfach, dem zu wiederstehen, sich nicht von der Realität beeinflussen zu lassen, von den Menschen, die man trifft und den Morden. Ein kleines Beispiel: Ich hatte die Gelegenheit das Gesicht des Bösen des Jugoslawien-Krieges zu interviewen: Željko »Arkan« Ražnatović. Er war Paramilitär und so weiter. Vielleicht klingelt bei einigen von ihnen ja eine Glocke im Zusammenhang mit den Bosnienkriegen in den `90ern. Ich habe ihn über die NATO-Bombardements im Frühling 1999 interviewet, vor elf Jahren. Ich habe es geschafft, einen offensichtlichen Mörder ohne Vorurteil zu interviewen. Ohne diese Voraussetzung wäre das Gespräch unbrauchbar gewesen im Sinne des Journalismus, der Authentizität. Manchmal ist das schwer einzuhalten, weil man im Krieg ist und in Gewaltsituationen passieren Dinge schneller, als in der Welt der eigenen Werte und Normen.

 

Christian Tschirner: Meine Frage war eigentlich viel einfacher gedacht, Ihr habt das jetzt schon sehr viel weiter ausgeführt. Ich lese in Ihren Büchern Pedro, und Wolf, in deinen Fotografien, oft eine große Intimität. Meine Frage zielte eigentlich darauf, wie man in Kriegssituationen, Bürgerkriegssituationen, wo das Level der Gewalt so hoch ist, wie man diese Intimität herstellt, wie man da Vertrauen schafft für eine solche Intimität. Denn die Bilder, die Du schießt, Wolf, oder Ihre Geschichten, Pedro, setzen doch ein immenses Vertrauen des Gegenübers voraus.

 

Pedro Rosa Mendes: Die Hauptakteure dieser Ereignisse, dieser Unruhen, sind oft ganz normale Menschen. Sehr normale Menschen. Eine der interessantesten Personen, die wir in einigen Einsätzen in Sierra Leone, Liberia und der Elfenbeinküste getroffen haben, war ein General. Der letzte General, der Charles Taylor noch loyal war. Innerhalb eines kleinen Areals der Liberianischen Regierung hat er weiter Wiederstand geleistet. Er hatte eine kleine Armee aus einigen hundert Kindern, sehr jungen Kindern. Und er war im Niemandsland, im Busch, und hat sein Areal kontrolliert, auch nachdem Charles Taylor längst aus dem Land vertrieben war. Also, eigentlich hat er vollkommen sinnlos gekämpft. General Peanut Butter war sein Kriegsname. Er war ein Intellektueller, ein Rastafari, der von der Universität geworfen worden war. Er war der Sohn eines hochrangigen Offiziers der alten Liberianischen Armee, ausgebildet in den Vereinigten Staaten. Und er hatte eine Menge Bücher gelesen, vielleicht sogar einige, die Wolf und ich gelesen haben. Er war hochgebildet, hat Musik gespielt. Dieser Typ war der letzte General einer Kreatur, eines bösen Mannes namens Charles Taylor. Und dieser Typ namens Peanut Butter reflektierte Mitten im Nichts über seine Schande – was auf die Seele eines ehrbaren Mannes deutet; auf einen ehrbarer Liberianer, der ins Zentrum eines der gewalttätigsten Ereignisse der jüngeren afrikanischen Geschichte geraten war. Es ist natürlich faszinierend, da hin zu gelangen. Aber es ist nicht einfach. Man muss sich zwingen, dahin zu gehen und da zu sein. Wir waren die einzigen Journalisten, die diesen Mann über das entscheidende Jahr 2003 interviewten. Ich meine, es gab Tausende Journalisten in Monrovia zu diesem Zeitpunkt – alle zur gleichen Zeit da. Vielleicht braucht es auch die Vertrautheit zwischen uns beiden. Allein hätte ich es zu keinem der Orte, die Wolf fotografiert hat, geschafft.

 

Wolf Böwig: Und anders herum.

 

Pedro Rosa Mendes: So was schweißt zusammen. Aber es braucht auch die Sensibilität. Man muss erst mal hin hören. Wo gibt es überhaupt ein Gebiet mit so einem Typen wie General Peanut Butter, zum Beispiel. Dann waren wir da und haben vier Tage damit verbracht, Orangen zu essen. Orangen zu essen und zu trinken. So wurden wir versorgt. Wir waren dort und habe eine lange Geschichte gehört. Ich habe – ich weiß nicht – Stunden auf Band von diesem Mann, der über Gewalt sinniert, der über seine Kinder spricht, die Kriegswaisen sind. Das bekommt eine Intimität. Das ist mehr als die Wahrheit – plötzlich kann man in vielen Punkten »schlechte Menschen« nachvollziehen. Denn sie sind viel komplexer, als nur eben »schlechte Menschen«.

 

Wolf Böwig: Ja, man muss sich wirklich auf das Gegenüber, auf das vis-a-vis einlassen, auf dieses Augenpaar. Die ersten Bilder, die damals aus Liberia gekommen sind, das waren nur Bilder aus Monrovia. Bilder von vor der amerikanischen Botschaft, hundert Meter links und hundert Meter rechts. Wir haben niemand anderes kennen gelernt, der Monrovia irgendwie verlassen hätte. Weil es dann alle paar Kilometer irgendwelche Straßensperren gibt und man sich darauf einlassen muss, wie man weiter kommt. Als wir losgegangen sind, wussten wir nicht mal, was da überhaupt noch existiert. Ja, die Intimität wird vermutlich zugelassen, weil wir selbst wirklich auf Augenhöhe gehen. Sowie das überhaupt möglich ist.

 

Pedro Rosa Mendes: Beim gleichen Auftrag, bei dem wir bei General Peanut Butter waren, haben wir drei oder vier Wochen außerhalb der UN-Sicherheitsbereiche verbracht. Das ganze Land befand sich im Krieg und es gab eine kleine Gruppe UN-Friedenssoldaten in Monrovia. 80% der Bevölkerung Liberias war in Monrovia. Und es gab eine Art »König-Lear-Welt« außerhalb, eine irre unendliche Weite. Ich glaube, der letzte Checkpoint, der letzte zivilisierte Checkpoint, war zwanzig oder dreißig Kilometer außerhalb Monrovias. Dahinter gab es nur totale Finsternis, das war wie in die Leere zu gehen. Wir sind in diese Leere gereist, haben berichtet, haben die verschiedensten improvisierten Frontlinien überquert, von einer Seite zur anderen. Irgendwann sind wir auch nach Banga angekommen. Das war eine der lokalen Hauptstädte, die komplett zerstört worden waren. Da stand kein Haus mehr, als wir dort ankamen. Da war nichts. Aber die Leute in Banga: Normale Menschen, Überlebenden des Krieges. Als wir dort ankamen, haben sie auf der Hauptstraße Stapel gemacht, sie haben Zeug aus den Ruinen der Häuser geholt und die Fensterrahmen auf eine Seite gepackt, die Ziegel die andere. Und die Türschlösser, die noch zu gebrauchen waren, auf einen noch anderen. Und ich fragte: »Was machen die denn da?« Und Wolf antwortete einfach: »Tja, wir haben das 1945 genau so gemacht.«

 

Christian Tschirner: Pedro, Sie sprechen in »Tigerbucht« von einer Grenze des Erzählbaren. Wenn Sie eine Reportage beendet haben und sie veröffentlicht wird, haben Sie dann das Gefühl, das Essentielle eingefangen zu haben oder geht es Ihnen eher so, als würden Sie dem eigentlichen Moment hinter her laufen?

 

Pedro Rosa Mendes: Sprache ist ein Problem. Oder, um Laurie Anderson zu zitieren: »Sprache ist ein Virus« Ein Virus, mit dem wir uns manchmal selbst infizieren. Es ist sehr schwierig, besonders im Hinblick auf eine Ethik des Journalismus. Wie Du schon sagtest, bin ich auch Schriftsteller erfundener Geschichten. In meine Romane packe ich alles mögliche: Theater, Dramaturgie, Dichtung. Manchmal schreibe ich sogar Lieder, Raps und so weiter. Das sind andere Sachen. Als Journalist muss ich eine fundamentale Genauigkeit der Ethik der Sprache einhalten, um nicht den implizierten Code, die stillschweigende Übereinkunft mit dem Leser zu brechen. Und wahrscheinlich verläuft diese Grenze nicht so sehr zwischen Realität und Fiktion. Diese Grenze zieht sich durch die Sprache selbst; die Sprache, die man zur Beschreibung eines bestimmten Ereignisses oder eines bestimmten Person verwendet. Die verwendete Sprache ist kein Zufall, ich meine, ich bin seit über zwanzig Jahren in Portugal Reporter. Nicht als Eigenlob, aber ich habe zweimal den Preis für das Feature des Jahres gewonnen. Also wird meine Arbeit als Journalist da irgendwie respektiert. Trotzdem wurde der Text, den wir heute gelesen haben – »Reporting Violence« – nie in Portugal veröffentlicht, auf Portugiesisch in seiner Originalfassung. Und zwar aus einem einfachen Grund: Es gehört nicht zu meiner Arbeit als Journalist. Es ist etwas anderes, wird als etwas anderes angesehen. Und sogar ich sehe es als etwas anderes an. Warum? Es ist ein sehr seltener Anlass, etwas ganz Besonderes, darüber zu berichten, was in einem vorgeht, wenn man über bestimmte Ereignisse berichtet. Die Intimität eines Journalisten, eines Reporters oder Fotografen und der Effekt, den alles ringsum auf ihn hat– das ist für mich kein Thema einer Reportage. In gewisser Weise ist es also eine Reportage von einer Nicht-Reportage. Es ist schwierig damit umzugehen, weil Sprache manchmal sehr kurz greift. Es ist ein sehr armseliges Werkzeug um die Wirklichkeit zu behandeln. Das nur, um in eliptischer Weise deine Frage zu beantworten. Ich habe nicht seit meiner Kindheit davon geträumt, Autor zu werden. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass ich einmal Bücher veröffentliche. Mit der Menge an Realität, die sich außerhalb meiner Reportagen angehäuft hatte – im Fall von »Tigerbucht« dem Angolanischen Bürgerkrieg – musste irgendwie umgegangen werden. Und es impliziert einen anderen Codenamen. Und das ist »Roman«. »Tigerbucht« erschien in Deutschland als Roman, ebenso in Portugal.

 

Christian Tschirner: Wolf, eine Frage zu deiner Arbeit als Fotograf: Es gibt ja eine lange Geschichte der Berichterstattung über Gewalt, auch der bildlichen Darstellung. Vielleicht schon in der Malerei beginnend mit Goya, diese berühmten Bilder aus dem Napoleonischen Krieg. Dann geht das im Krim-Krieg los, der erste Kriegsberichterstatter ist eigentlich ein Propagandafotograf, der im Auftrag der britischen Regierung die schönen Seiten des Krieges fotografiert hat. Dann kamen im Spanienkrieg die ersten Bilder von wirklichen, echten Kampfhandlungen, weil die Kameras soweit entwickelt waren. Vorher konnte man nur so "Stills" aufnehmen. Dann der erste Fernsehkrieg, der Vietnamkrieg. Im Golfkrieg dann Videokameras an der Spitze von Raketen, wo man also live dabei sein konnte, wie die Rakete ins Haus einschlägt. Da hat eine ungeheure technische Entwicklung stattgefunden. Heute gehört Krieg und Gewalt zum Unterhaltungsprogramm des abendlichen Pantoffelkinos - ist also im Grunde allgegenwärtig. Vielleicht führt das ja auch zu einer Abstumpfung. Oder die Bilder von Gewalt können das Gegenteil dessen bewirken, was eigentlich intendiert ist. Wolf, du arbeitest mit einer Ausrüstung, die nicht auf dem allerneuesten technischen Stand ist. Du bist eigentlich fotografisch ein Stück zurückgegangen, wenn ich das richtig verstehe. Du arbeitest mit sehr einfachen Kameras. Hat das nur praktische Gründe oder was ist das ästhetische Konzept dahinter?

 

Wolf Böwig: Es gibt seit langer Zeit diese visuelle Berichterstattung. Es ist auch immer inflationärer geworden, durch die Medientransporte, die Technik. Bei mir es so, dass ich mich nach wie vor an der Narrative, der Erzählung orientiere. Es sind Hintergrundgeschichten. Es gibt also einmal ganz praktische Gründe, weshalb ich nach wie vor analog arbeite. Ich brauch keine Leica-Kamera oder sonst was, da reicht eine ganz einfache Sache. Mir geht es immer um das einzelne Augenpaar. Und wenn eine Kamera verloren geht, kann ich das auch relativ schnell ersetzen. Ich kann mit Filmrollen auch noch mal ein bisschen anders arbeiten als mit irgendwelchen Chipkarten. Das hat ganz pragmatische Gründe. Ich bin auch nicht darauf angewiesen, im digitalen Bereich arbeiten zu müssen, weil das Equipment auch extrem komplex ist, was dann mitgeschleppt werden muss. Das brauch ich einfach nicht. Es geht letztendlich schon darum Bilder so komplex zu erzählen und auch zu gestalten, das sie auf mehreren Ebenen funktionieren. Wenn Sie sich dieses Bild da unten angucken, dann ist das mit einer 60tel  oder 125tel Sekunde ausgelöst. Das heißt, rein vom Technischen, ist das ein ganz winziges Nadelöhr. Von daher habe ich natürlich alle Zeit der Welt, mich auf das einzulassen, was da ist und um diesen winzigen Moment so zu gestalten, oder so darauf zu achten, dass er als Bild dann auf mehreren Ebenen funktioniert. 

 

Pedro Rosa Mendes: Eine der Sachen, die uns zusammen dieses Projekt machen ließ, war die Einzigartigkeit, die absolute Rarität von Wolfs Art zu arbeiten. Ich habe eine Menge Reportagen ohne Fotografen gemacht. Wolfs Herangehensweise, seine Nähe zur Realität, ohne Bewertung von Realität, der Pfad, den er in der Realität ausmachen kann – um am Ende nicht über sich selbst zu berichtet, was eine andere Art Narzissmus wäre – sondern, um ehrlich und loyal zu den Ereignissen und der Geschichte zu sein. Wenn man sich dafür entscheidet, braucht man ein einfaches Mittel, jenseits der Kamera. Jenseits von digital oder analog. Du brauchst einfach Zeit. Ich denke, Menschen außerhalb der Medienwelt realisieren nicht, wie wertvoll und rar Zeit geworden ist. Die meisten professionellen Medien, sogar die »Aristokratie der Medien« – sei es in Deutschland, Franreich oder den Vereinigten Staaten – haben einfach keine Zeit sich an Geschichten, wie Wolf sie in diesem Projekt über mehrere Jahre hinweg erzählt, zu binden. So etwas gibt es nicht mehr. Das ist nicht konzeptionell, es geht um ein Zurück zur Intimität. Ich meine, diese emphatischen Fotos wurden nicht in irgendwelchen »Mitleid-Camps« des Roten Kreuzes in Frankreich aufgenommen. Man kann es als sehr selten ansehen. Sie wurden mit Menschen gemacht, mit denen der Fotograf entschied, sehr viel Zeit zu verbringen, von morgens bis abends. Die Geschichten berühren einen, weil man eine Annährung an die Fotografie erlebt, die zu den Ursprüngen der Reportagen im späten 19. Jahrhundert zurückgeht. Und im Zuge des »nouveau riche« Konzeptes der letzten Jahrzehnte ging das vollständig verloren, mit dieser ganzen Idee, wie schnell das Bild und die Fotografie sein kann. Man kann innerhalb weniger Sekunden ein Bild von irgendwo in der Welt, irgendwo anders hin schicken. Man kann die Massen live füttern, im übertragenen Sinne wie mit einer Bluttransfusion. Und das zerstört einen sehr essenziellen Punkt der Fotografie, in dem man sich die Zeit nimmt, das zu durchdenken. Wolfs Arbeit ist eine sehr, sehr gute Fallstudie darüber.

 

Christian Tschirner: Ich kann mir vorstellen, dass man als Journalist ähnlichem Druck ausgesetzt ist. Sie haben über die »Droge des Blutes« gesprochen und manchmal stürzten sich auch Journalisten auf diese Droge – eigentlich sogar meistens. Das hat auch mit dem Zeitdruck zu tun, damit dass man Bilder und Geschichten in sehr kurzer Zeit beschaffen muss. Wie verhindern Sie, in diese Falle zu tappen?

 

Pedro Rosa Mendes: Das ist sehr schwierig. Es ist schon kein Zufall, dass wir unsere Reportagen  unabhängig machen. Man muss nur die Gerichtsverhandlung von Charles Taylor verfolgen, um zu verstehen, dass jede Annährung an den Krieg in Liberia a l l e i n, an den Krieg in Sierra Leone

a l l e i n oder an den Krieg an der Elfenbeinküste a l l e i n, innerhalb ganz bestimmter politischer Grenzen stattfindet. Aber das ist ein Fake, diese Grenzen gibt es in der Realität nicht. Man muss einen Sinn dafür entwickeln, was tatsächlich passiert und die Geschichten miteinander verbinden. Die Realität ist hypertextuell. Das funktioniert ein bisschen wie die Seiten im Internet: Jemand im Norden der Elfenbeinküste bezahlt jemanden dafür, der einen Dritten jenseits der Grenze in Liberia tötet. Diese Person handelt vielleicht den einen Tag mit Holz, den anderen mit Diamanten. Alles ist verbunden – und auf ihre Frage zurückzukommen – Zeitungen, die Medienbranche im allgemeinen, erlauben einem nicht, lange da zu bleiben und die Verbindungen, die zum Verständnis nötig wären, herzustellen. Es gibt in den Medien einen Exzess der Gegenwart. Die Gegenwart reduziert auf das Minimum, auf den Moment, auf den Tag, auf das Bild. Und das auch bei großen historischen, sehr komplexen Ereignissen, wie die Kriege in Westafrika rund um Charles Taylor, oder was seit Jahrzehnten im Irak oder in Afghanistan passiert. Oder was in den 90ern auf dem Balkan passierte und noch immer im Kosovo weitergeht. Natürlich muss man über Tagespolitik berichten, ich selbst berichte zur Zeit für eine Nachrichtenagentur. Natürlich brauchen wir das. Aber wir brauchen auch eine andere Zeitebene, um die Teile des Puzzles zusammenzufügen. In übertragenem Sinn macht Wolf solche Puzzles aus Fotos: Gesichter festhalten, Gesichter mit Orten verbinden und Orte wieder mit Gesichtern und Ereignissen verbinden. Man verliert sonst den Überblick. Man verliert auch das Gefühl für den eigenen Platz in der Geschichte. Aber das ist jetzt eine andere Diskussion. (lacht)

 

Christian Tschirner: Ich möchte eine Anekdote erzählen: Auf der letzten Weltausstellung war Linda Polmann hier und hat über Hilfsorganisationen berichtet. Unter anderem auch über Sierra Leone, wo sie auch einen Rebellenführer trifft, im Dschungel. Und dieser Rebellenführer erzählt ihr eine Geschichte, er sagt: Wir haben hier seit elf Jahren Krieg geführt. Kein Mensch hat sich für uns interessiert. Wir mussten uns etwas einfallen lassen und wir haben uns entschieden, die Grausamkeit zu erhöhen, den Leuten die Gliedmaßen abzuhacken. Dadurch sind Bilder ins Fernsehen gekommen, die Hilfsgelder sind wieder geflossen und wir konnten den Krieg weiterführen. Frau Polman konnte es gar nicht glauben. Später hat sie die gleiche Geschichte dann in den Protokollen der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Sierra Leone gelesen. Es gab offenbar tatsächlich  ein Treffen zwischen Regierungsarmee und Rebellen, wo entschieden wurde, die Grausamkeit zu erhöhen, um Bilder zu kriegen, um Aufmerksamkeit für den Krieg zu gewinnen. Meine Frage an euch beide: Hat man manchmal dann doch das Gefühl, vielleicht wäre es besser über bestimmte Themen zu schweigen?

 

Wolf Böwig: Man muss diese Frage in den Kontext dessen setzen, in welcher Kausalkette Kriege in den letzten 20Jahren funktionieren. Es gibt da eine ganz fatale Kette: Es wird eine Region in Brand gesteckt, im Wissen darum, dass es irgendwann eine militärische Intervention gibt und das danach der Geldfluss durch die Vereinten Nationen und durch Hilfsorganisationen einsetzt. Um das noch deutlicher zu sagen, seit 22 Jahren, also seit dem Ende des Kalten Krieges, sind wir aus der Symmetrie des Kalten Krieges in solche asymmetrischen Konflikte geraten. Es ist wichtig zu verstehen, wie das funktioniert und wie natürlich auch die Nachrichten, die Medien auf allen Seiten  instrumentalisiert werden. Damit kommt man natürlich immer noch nicht aus der Problematik raus: wann berichtet man über bestimmte Ereignisse und wann nicht.

 

Pedro Rosa Mendes: In vielen Situationen, und die meisten davon stehen in Bezug zu Konflikten in Afrika, aber auch Afghanistan und dem Balkan, hatte ich das Gefühl, dass ich irgendwie Macht über den Fluch von Ereignissen hatte, glücklicherweise. So kam es zum Glück nie zu einer Situation, in der zum Beispiel jemand einen anderen vor der Kamera erschossen hat. Was ich fühlte – und es waren in der Regel gute Gefühle, die über die Absicht meiner Arbeit hinaus gingen – habe  ich versucht runter zu spielen. Ich versuchte mich sehr streng an meine eigenen Interessen und Pläne fürs Leben zu halten, an meine Arbeit und was ich dem Leser geben wollte. Als die NATO sich entschied Jugoslawien im März 1999 zu bombardieren, wurde ich da hingeschickt. Und ich war während des ganzen Bombardements da. Zweieinhalb Monate bis es einen Waffenstillstand gab. Ich habe für die größte Tageszeitung Portugals, die einflussreichste in Bezug auf die öffentliche Meinung berichtet. Und als ich zurück kam, war das Feedback, dass ich bekam, viel komplexer, als ich erwartet hatte. Die Zeitung hatte zwei Reporter gleichzeitig dahin geschickt. Der eine hatte Belgrad abzudecken, das war ich. Und ich hatte einen Kollegen, der ebenfalls täglich berichtete – von albanischer Seite, außerhalb des Kosovo. Jeden Tag sollten die Leser unterschiedliche Seiten der Opfer und der Täters sehen. Und es ging nicht nur darum, wie viel F16 Einsätze die NATO heute geflogen war und so weiter. Nein, es ist gut, wenn man das Gefühl hat durch Menschen in den Geschichten, Leute auf der anderen Seite zu erreichen. Und das passiert manchmal, Gott sei Dank.

 

Christian Tschirner: Noch ein anderes Paradoxon, das mich interessieren würde: Es gibt ja viele Kriege, die gleichzeitig stattfinden. Jetzt, während wir hier sitzen, sind es wahrscheinlich 60, wir wissen vielleicht von drei oder vier. Also, dass heißt, die brauchen eine bestimmte Sonderaufmerksamkeit, damit sie überhaupt in unser Bewusstsein durchdringen. Und meistens sind es auch sehr plakative Bilder, die dann letztlich im Bewusstsein hängen bleiben. Im Spanienkrieg, das Bild des erschossenen Soldat, zum Beispiel, möglicherweise gestellt, wir wissen es gar nicht genau. Das ist sozusagen so ein Symbolbild für diesen Krieg, das im Gedächtnis bleibt. Oder der Vietcong, der auf der Straße erschossen wird von dem Polizeiinspektor, das ist im Grunde genommen auch ein extrem plakatives Bild. Wolf, Du arbeitest ganz anders. Die Qualität besteht, meiner Meinung nach, im Erzählen von Geschichten durch ein Bild und geht vielleicht sogar an die Grenze dessen, was das Bild dann transportieren kann. Wie kommt man mit diesem Konflikt klar, dass man auf der einen Seite plakativ arbeiten möchte oder vielleicht muss, um bestimmte Dinge ins Bewusstsein zu rücken. Also eigentlich auch im positiven Sinne mit einer Schockwirkung. Und dass auf der anderen Seite, natürlich je mehr Schock da ist, je mehr Mitleid existiert und umso weniger Nachdenken?

 

Wolf Böwig: Natürlich, klar. Erst mal überhaupt zu dem, was Krieg bedeutet, wo Krieg stattfindet: In der Regel bedarf es ja immer erst mal eines Konfliktes, um sich über die Geographie Gedanken zu machen. Wenn ich mir 2001 angucke, also vor dem 11. September, hat sicherlich kaum jemand mehr als einen Anrainerstaat zu Afghanistan benennen können, wenn überhaupt. Es ist dann unsere Aufgabe auch zu gucken, was heißt eigentlich "Afghanistan". Afghanistan ist nicht nur Kabul und vielleicht noch ein bisschen Umgebung. Das ist mehr. Das ist anders. Für mich ist der Ansatz immer das Narrative, die Erzählung. Der Kontext, die Umgebung. Ich denke, dass ist auch, was unsere Arbeit, unsere Zusammenarbeit Autor/Fotograf interessant macht und abhebt von dieser klassische Konflikt- oder Kriegsreportage. Das ist nicht unsere Aufgabe.

 

Christian Tschirner: Pedro, du hast in deinem Text »Reporting Violende« gesagt, dass wir auf die Gesichter bestehen müssen. Das die Gesichter das Gegenteil von Krieg seien. Ein Krieg brauche Abstand und Gesichter sind nahe. Andererseits zeigen wir in unserer Kultur nie die Gesichter der Opfern. Wir bedecken sie. Also sehen wir immer die weit entfernten Gesichter der Menschen; wir kennen sie nicht. Ist das nicht schwierig, weil wir immer den Mythos wiederholen, dass es bestimmte Gebiete in der Welt gibt, in denen es immer Unruhen und Gewalt gibt und wir...

 

Pedro Rosa Mendes: Das letzte Jahrhundert europäischer Geschichte ist leider auch nicht gerade hell. Darauf bestehe ich. Nimmt man zum Beispiel Afrika: Natürlich hat man die Bilder von, sagen wir mal, den Kriegen in Liberia, Sierra Leone oder Sudan/Angola vor Augen. Angola war fast vier Jahrzehnte im Krieg. Ich würde sagen, dass der Grund für Krieg, dafür in den Krieg zu ziehen, die grundlegende Annährung an Konflikte in Afrika, in Zusammenhang mit Stämmen gesucht wird. Wie gehen gerne von Afrika als Einheit aus, aber in Afrika gibt es keine Einheit. Es gibt auf dem Kontinent mindestens vier, fünf verschiedene Gegenden, die nichts gemein haben. Ich habe wieder und wieder diese Konflikte in Afrika behandelt: Dass man dort in wirkliche Stammesauseinandersetzungen gerät, ist sehr, sehr selten. Wenn ich an Stammessysteme denke, fallen mir sofort drei oder vier Codenamen ein und die sind alle in Europa. Das sind Belgien, Nordirland und Sarajewo oder das ehemalige Jugoslawien – diese Konflikte sind stammesorientiert. In Nordirland ist es jetzt friedlich, aber es hat ein Jahrhundert gedauert, die sogenannten »Unruhen« zu lösen. Und man fragt sich, wofür die eigene Seite kämpft. Geht es um Religion oder warum? Das ist stammesorientiert. Der Konflikt von Südsenegal bis zur Elfenbeinküste, das ist wie eine Kryptoglobalisierung: Man sieht Interaktionen auf verschiedenen Bühnen, verschiedenen Schachbrettern, die während des Kalten Krieges klar getrennt waren. Das Schachbrett der internationalen Politik, das des Waffenhandels, des Menschenschmuggels, man kann auch sagen, der ganz legale Wirtschafts-, Demografie-, Krankheits- und Seuchenfluss. All diese Dinge waren in verschiedenen Schichten der Realität. Aber in diesem Krieg kontrollierte ein Mann plötzlich all diese verschiedenen Dinge. Wie beim Simultanschach, wo einer auf unterschiedlichen Brettern gegen eine Reihe von Herausforderern antritt. Es ist jedes Mal erstaunlich, wie das funktioniert.

Und dann gibt es natürlich die Geschichte: Im Juni, Juli 1998 war ich in einer sehr verrückten Situationen, als sich zwei verschiedene Armeen in einer kleinen afrikanischen Stadt bekriegten, vielleicht so groß wie das Zentrum von Hannover. Und sie beschossen einander mit T55-Panzern aus Sowjetzeiten. Sie haben Panzer benutzt, die dazu konzipiert waren Ziele in zwanzig Kilometer Reichweite zu treffen. Schrecklich, die Menschen sind auf fürchterliche Weise gestorben. Und ich sollte darüber berichten. Zufälligerweise war ich persönlich mit diesem Platz sehr verbunden. Denn vor meiner Geburt war mein Vater drei Jahre lang dort, im Alter von 19 bis 21. Er hat dort in einem Krieg gekämpft, den er nicht wollte und für ein Regime, das er nicht unterstützte. Er hat überlebt, hat versucht, die Jahre 1965 -1967 zu vergessen. Und nun saß ich da, an dem selben Platz und alles kam zurück, 1998 kam mit seinem Sohn alles zurück. Lassen Sie es mich so sagen: Ich musste wohl die Abstammung, die Herkunft der Gewalt kennen lernen. Seitdem kann ich niemanden mehr mit der Aussage abspeisen: »Oh, diese stammesorientierten afrikanischen Wilden des 20. Jahrhunderts. Sie können nicht mit dem Ende des Kalten Krieges umgehen, die Ärmsten.«

Das alles ist sehr komplex. Aber gerade deshalb brauchen wir das Gesicht. Wenn man das Gesicht herauslässt, ich meine nicht unbedingt das Gesicht des Opfers, sondern das Gesicht der Story, bekommt man nicht mit, was da alles auf dem Spiel steht. Wie bekommt man ein Gefühl für das Opfer einer Landmine, wenn man einem Überlebenden nicht das erste Mal die Chance gibt zu sprechen, öffentlich zu werden? Meistens zeigt sich etwas Traumatisches. Und natürlich gibt ein Bedürfnis danach, das Trauma zu öffnen. Was gegenüber einem Fremden sehr selten passiert. Und der Journalist ist ein Fremder. Man muss diesen Dingen die Möglichkeit geben, zur Sprache zu kommen, in Worte gepackt zu werden. Und dann bekommt man vielleicht selbst, und so auch die Leser oder Zuschauer, die Ehre einer Annährung. Einer Annährung daran, worum es da eigentlich geht. Wie ist es, mit einem einzigen Schritt, sein Leben zu unterbrechen, durch jemanden, der vielleicht vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren irgendwo eine Landmine vergraben hat? In Angola oder Afghanistan gibt es Tausende Menschen mit dieser Erfahrung. In Laos gibt es jedes Jahr zwischen fünfzehn- und zwanzigtausend Unfällen mit alter, nicht gezündeter Munition. Der Krieg mit Amerika dort war Anfang der siebziger Jahren, und man kann sagen, Laos ist immer noch in diesem Krieg.

Ein Gesicht ist natürlich mehr als Augen, Nasen und Mund. Das wäre nur das Portrait. Gesicht meint, dass es sich dabei um echte Menschen handelt, dass wir echten Menschen begegnen. Sonst flüchten wir vor der Realität. Dazu gehören auch die Gesichter von Menschen, die Gewalt erlebt haben.

 

Christian Tschirner: Noch eine Frage an Wolf, bevor wir das Gespräch öffnen: Ich empfinde Deine Bilder als schön, als sehr schön. Du hast natürlich eine Beziehung zu dem, was du fotografierst. Aber wie geht das zusammen? Also, das Dargestellte ist selbst oft sehr grausam, doch das Foto ist schön. Wie empfindest du das?

 

Wolf Böwig: Also wenn man schön mit »Würde« übersetzt, dann unterstreiche ich das gern. Es geht mir nie einfach um die frontale Konfrontation zwischen Betrachter und Aufnahme. Sondern es geht immer darum eine Brücke zu schlagen. Das setzt natürlich immer etwas voraus, das mit Vor- und mit Nachnamen Empathie heißt. Mitgefühl. Aber nur mit Mitgefühl habe ich die Möglichkeit, diese Dimension aufzumachen. Deshalb würde ich Schönheit als "Würde" oder sogar als »unveräußerliche Würde« bezeichnen.

 

Publikum: Mich interessiert, ob sie auch zu den Ursachen der Gewalt Stellung beziehen. Also, ich würde manchmal gerne auch die Verantwortlichen sehen, die Täter.

 

Wolf Böwig: Opfer und Täter wechselt ja. Also, manchmal innerhalb von Minuten, manchmal innerhalb von Generationen. Es ist immer ganz schwierig, auf der einen Seite jemanden als eben nur Täter oder nur Opfer zu bezeichnen. Pedro hat vorhin schon darüber gesprochen, vielleicht ist das nicht so ganz deutlich geworden. Es ist so: Wenn wir unterwegs sind, gehen wir wirklich auf die Straße, gehen einfach los. Und treffen da natürlich sowohl auf  Opfer, als auch auf Täter. Es gibt unterschiedliche Statistiken über Sierra Leone oder auch Ruanda, die zeigen, bis zu sechzig Prozent der Bevölkerung ist in der einen Situation Opfer, in der anderen Täter. Es liegt natürlich auch nicht in unserer Macht, dass uns die Täter zuschauen lassen bei ihren Taten. Außerdem ist der Moment der eigentlichen Tat auch wieder so plakativ, dass dabei keine narrative Dimension mehr herauskommt.

 

Christian Tschirner: Pedro hatte ja vorhin schon versucht, von den verschiedenen Schichten zu sprechen, die in so einem Konflikt eine Rolle spielen. Die sich dann überlagern, also verschiedene Interessen. Geostrategische Interessen der Großmächte, dann Drogen- und Waffenhandel, also alles, was da eine Rolle spielt. Aber vielleicht eine Frage, die ich da raus höre oder reinlese: Über die Berichterstattung erfahren wir die unterschiedlichsten Facetten von Konflikten, sehen uns aber außerstande, irgendwie darauf zu reagieren, uns dazu ins Verhältnis zu setzen. Es bleibt sozusagen informativ. Ein Informationsanspruch besteht ja natürlich immer, aber führt das nicht zu Zynismus oder zu einer Abstumpfung, wenn wir immer wieder mit einer Gewalt konfrontiert werden, bei der wir das Gefühl haben, irgendwie können wir da gar nichts machen?

 

Publikum: Das würde ich so nicht sagen. Die Veranstaltung zeigt ja, dass es eben sehr unterschiedliche Arten gibt bestimmte Dinge zu thematisieren. Sie haben vorhin auch gesagt, dass die Bilder von Wolf Böwig schön sind – das würde ich nicht sagen. Die Bilder sind ausgesprochen gut, ausgesprochen intensiv, gerade in schwarz-weiß. Das ja, aber nicht schön.

 

Publikum: Herr Böwig, ich habe eine persönliche Frage. Sie leben nun fast die Hälfte ihres Lebens mit diesen Eindrücken, die Sie vor Ort gewinnen und in sich stapeln. Und Sie als Fotograf haben ja noch eine ganz besondere Aufnahmefähigkeit von alldem, was Sie umgibt. Wie formt Sie das? Wie können Sie das ertragen? Wie gehen Sie damit durch die Welt?  Wie erleben Sie Politiker, die zum Teil Absurdes, Kafkaeskes von sich geben, gerade was Kriegsbereitschaft oder Kriegsbeteiligung angeht. Bis vor kurzer Zeit haben wir ja gar nicht im Krieg gelebt in Deutschland. Wie formt Sie das, wie verkraften Sie das, wäre die banale Frage?

 

Wolf Böwig: Also, das sind für mich erst mal zwei überhaupt nicht miteinander zusammenhängende Situationen. Die eine Situation, in der ich vor Ort arbeite, die andere hier, wo ich lebe. Natürlich gehen diese beiden Situationen durch ein Augenpaar. Oder – um es etwas pathetisch auszudrücken – durch ein Herz. Das ist die Aufforderung dazu, sich immer wieder neu auf jede einzelne Geschichte, auf jedes einzelne Augenpaar einzulassen. Wenn es hier die Augenpaare meiner Söhne sind, mit denen ich losgehe, dann habe ich nicht das Damoklesschwert über mir – und das versuche ich wirklich ganz klar von einander zu trennen – das ich 48 oder 96 Stunden vorher über mir hatte. Ich empfinde es manchmal auch als mentale Vergewaltigung, klar. Aber die ist ja frei gewählt, der setze ich mich freiwillig aus. Es gibt auf ihre Frage, wie man damit umgeht, keine einfache Antwort. Fakt ist, dass man durch diese Erfahrungen vereinzelt, das ist ganz klar. Man riecht vielleicht etwas anders und schmeckt etwas anders, als die anderen das Tun.

 

Publikum: Wenn ich von Gewalt höre, ist es ganz oft Gewalt, die irgendwo im Ausland stattfindet. Bei Ihnen jetzt in Afrika. Aber es gibt auch sehr viel Gewalt hier in Deutschland.

 

Wolf Böwig: Natürlich, klar. Und das ist ganz egal, wo das stattfindet. Ob das jetzt in Ost-Timor ist, ob das in Afghanistan oder vielleicht zwei Häuser weiter ist.

 

Christian Tschirner: In Euren Arbeiten geht es ja gerade darum, wirklich die ganz spezifische Geschichte zu erzählen. In dem Sinne gibt es natürlich schon gar nicht "Afrika" und es gibt auch schon gar nicht hier, sondern es gibt eben nur –

 

Wolf Böwig: Ganz Genau! Um es mit Pedro zu sagen: »Wo die Sprache endet, beginnt die Gewalt.« Das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Alles andere ist sehr spezifisch. 

 

Publikum: Ich stelle mir vor, dass es bei ihrer Arbeit Situationen gibt, in denen Sie denken, dass Sie handeln müssen. Dass Sie aus dem Fenster schreien möchten: »Hören Sie auf diese Frau zu schlagen!« Wie können Sie mit solchen Situationen umgehen, in denen Sie das Gefühl haben, etwas tun zu müssen?

 

Pedro Rosa Mendes: So ist es. Das passiert in vielen Situationen. Wenn etwas in diesen Zonen, in denen es keine Regeln außer denen des Krieges gibt, charakteristisch ist, dann, dass alles jeden Moment und sehr schnell passieren kann. So dass man normalerweise nicht einmal die Zeit hat, nachzudenken und die Emotionen mit dem Verstand abgleichen kann oder mit seinen eigenen Prinzipen als freier Journalist. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Eine verrückte Situation 1998, als die senegalesische Armee einmarschierte, um den Präsidenten gegen seine eigenen Armee zu unterstützen. Es gab da eine Szene in einer kleinen Hafenstadt. Die Militärregierung beschoss die Stadt, während die Bevölkerung mit einem kleinen senegalesischen Marineboot evakuiert wurde. Ein junger Mann wurde hergebracht, der stark aus einer Fleischwunde am Bein blutete. Ein Motorrad war dicht neben ihm von Schüssen getroffen worden. Er musste wirklich an Bord, es war schon ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben war. Ein senegalesischer Offizier hat die Evakuierung kontrolliert. Tausende Menschen wollten an Bord des Schiffes, weil es vielleicht  eines der letzten Schiffe raus war. Also waren fast nur Zivilisten dort. Und dieser Offizier auf der Pier wollte den jungen Mann nicht an Bord nehmen, da es sich in seinen Augen um einen Rebellen handelte. Was nun passierte, war grundlos, und das ist gefährlich. Ich begann mit dem Offizier zu diskutieren, aus einer Art humanitären Hilfe heraus. Natürlich konnte er nicht beweisen, dass der Mann ein Rebell war, so wie ich nicht das Gegenteil beweisen konnte, da ich den jungen Mann nicht kannte. Ich konnte mich nicht für seine Identität verbürgen. Und auf einmal wurde es emotional. Ein anderer Offizier kam von Bord, wurde aber von Soldaten davon abgehalten, mich niederzuschlagen. Das wäre der einfachste Weg gewesen. Natürlich war mein Fotograf danach auf mich sauer und sagte so was wie: »Du hast deine Grenzen überschritten. Du bist nicht hier, um die Evakuation zu überwachen. Du bist nicht das Rote Kreuz, du bist Reporter!« Er hatte auf gewisse Weise Recht. Der ganze Auftrag war gefährdet gewesen, denn ich hätte auch plötzlich auf dem Boden liegen können, und die Evakuation genauso gebraucht, wie dieser Mann. Aber es war eine sehr, sehr persönliche Erfahrung. Der Journalist in mir trat zurück und der Mensch trat ein bisschen vor. Ein weiteres Beispiel, weil ich überhaupt keine Theorie für diese Situationen habe. Alles passiert von Fall zu Fall. Es wäre arrogant zu behaupten diesem oder jedem Code zu folgen. Ich wüsste nicht, was ich bei der berühmten Vietcong-Erschießung gemacht hätte, ich weiß es wirklich nicht. Im dem eben geschilderten Konflikt, hat ein kleines Fahrzeug die Grenze zwischen zwei Fronten überquert. Das war Niemandsland, etwa ein Kilometer Fläche, Reißfelder, in guter Sicht der beiden Armeen. Wir sind zu viert in diesem Fahrzeug im Niemandsland unterwegs. In der Nähe der Militärregierungstruppen war ein junger Mann, augenscheinlich bewaffnet. Da war aber kein Checkpoint oder so was, es war sonst kein Mensch weiter da. Er war wie ein Wachposten, der Ausschau hält. Etwa zehn, fünfzehn Sekunden nachdem wir vorbeifuhren, hörten wir ein Geräusch. Eine Mörsergranate ist ihm direkt auf den Fuß gefallen. Er wurde durch die Granate fast gehäutet. Dann gab es einen großen Streit. Die Spannung brach auf, die Spannung normaler Menschen, die für Tage und Wochen in großer Anspannung gelebt hatten. Ich hatte einen schlimmem Streit mit einem Kollegen, mit dem ich inzwischen sehr gut befreundet bin. Wir habe uns fast gegenseitig aus dem Auto geworfen. Er hat fürs Fernsehen gearbeitet, war da Reporter und wollte zurück für Aufnahmen. Ich wollte nicht zurück, ich wollte seinen Kameramann rausschicken. Das Auto war zu klein für vier Reporter und einen Schwerverletzten. Einer musste aussteigen und ich war der Meinung, dass es sein Kameramann wäre. So könnten wir wenigstens den Mann transportieren. Sie mögen jetzt denken, dass man lieber etwas machen sollte. In dieser Diskussion im Auto hat man fünf, vielleicht zehn Sekunden zu entscheiden, was man machen will. Nimm die Kamera oder rette den Menschen. Ich wollte den Mann wirklich retten und bin ausgestiegen. Ich habe die Diskussion verloren. Aber das ist mein Standpunkt. In dieser Entscheidung zwischen dem Bild – ich hatte einen Fotografen dabei – zwischen Bild, Arbeit und Hilfe. Vielleicht wähle ich in Grenzsituationen die Hilfe. Ich bin mir ehrlicherweise nicht sicher, ob es in vielen Situationen die richtige Entscheidung ist. Man kann dabei eine Menge zerstören, inklusive der eigenen Sicherheit.

 

 

Der vielfach ausgezeichnete Fotograf Wolf Böwig hat Reportagen in fast allen Teilen der Welt gemacht. Er hat mehrmals für führende europäische Magazine und Zeitungen in Afrika, Asien, Osteuropa und in der Karibik gearbeitet. Nebenher arbeitet an zwei Langzeitprojekten in Afrika und Asien.

 

Pedro Rosa Mendes studierte zunächst Rechtswissenschaften und arbeitete dann Journalist. Bekannt wurde er durch seine Reportagen, vor allem über Zaire, Angola, Ruanda, Afghanistan und Jugoslawien für die portugiesische Zeitung Publico. Zweimal erhielt er den Feature of the Year-Preis und wurde ebenfalls mit den Preis des Portugiesischen PEN-Clubs (zusammen mit dem Dichter Nuno Judice) ausgezeichnet.