Weltausstellung VII: Tschernobyl - eine Chronik der Zukunft

»Was sich in Tschernobyl am meisten einprägt, ist das Leben »danach": Dinge ohne Menschen, Landschaften ohne Menschen. Wege ins Nichts, Telegrafendrähte ins Nichts. Hin und wieder fragt man sich: Was ist das - Vergangenheit oder Zukunft?«

 

Für die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch wurde die Katastrophe von Tschernobyl zu einem zentralen Ereignis ihres Lebens. In unserer VII. Weltausstellung Prinzenstrasse, am 24. Jahrestages der Katastrophe, erinnerte das Ensemble des Schauspiel Hannover mit einer mehrstündigen Lesung ihres eindringlichen Werkes Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft daran. Gleichzeitig zeigten wir im Foyer des Schauspielhauses die Ausstellung Strahlende Zukunft der jungen deutschen Fotografin Lisa-Marie Wuttke, die deutsche Atommüllendlager besucht und fotografiert hat.

 

Anstelle einer Dokumentation hier ein Auszug aus Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft.

 

Interview der Autorin mit sich selbst über weggelassene Geschichte und darüber, warum Tschernobyl unser Weltbild in Frage stellt.

 

Ich bin eine Zeugin von Tschernobyl... Des wichtigsten Ereignisses des zwanzigsten Jahrhunderts, ungeachtet der schrecklichen Kriege und Revolutionen, die man einst mit diesem Jahrhundert verbinden wird. Zwanzig Jahre sind seit der Katastrophe vergangen, doch bis heute frage ich mich: Was dokumentiere ich da - die Vergangenheit oder die Zukunft? Man rutscht so leicht ab in die Banalität. In die Banalität des Schreckens. Doch ich sehe Tschernobyl als den Beginn einer neuen Geschichte, es ist nicht nur Wissen, sondern auch Vorwissen, denn seitdem ist der Mensch im Widerstreit mit seinen früheren Vorstellungen von sich und von der Welt. Wenn wir von Vergangenheit oder Zukunft sprechen, dann stützen wir uns dabei auf unsere Vorstellungen von Zeit, Tschernobyl aber ist vor allem eine Katastrophe der Zeit. Die radioaktiven Teilchen, die über unsere Erde verstreut wurden, halten sich fünfzig, hundert, zweihundert Jahre... Und mehr... Aus der Perspektive eines Menschenlebens sind sie ewig. Was also können wir begreifen? Steht es in unserer Macht, aus diesem uns noch unbekannten Grauen einen Sinn zu schöpfen und zu erkennen? Worum geht es in diesem Buch? Warum habe ich es geschrieben?

Dies ist kein Buch über Tschernobyl, sondern über die Welt von Tschernobyl. Über das Ereignis selbst wurden bereits Tausende Seiten geschrieben und Hunderttausende Filmmeter gedreht. Mich aber beschäftigt das, was ich weggelassene Geschichte nennen würde, die spurlosen Spuren unseres Aufenthalts auf der Erde und in der Zeit. Ich beschreibe und sammle die Alltäglichkeit von Gedanken, Gefühlen, Worten. Ich versuche das Sein der Seele zu ergründen. Das Leben eines gewöhnlichen Tages gewöhnlicher Menschen. Hier aber ist alles ungewöhnlich: Die Umstände, die Menschen, wie sie angesichts der Umstände notgedrungen in einem neuen Raum zu leben lernten. Tschernobyl ist für sie nicht Metapher und Symbol, es ist ihr Zuhause. Wie oft schon hat die Kunst die Apokalypse geprobt, diverse technologische Weltuntergangsszenarien entworfen, doch heute wissen wir: Das Leben ist weit phantastischer! Ein Jahr nach der Katastrophe wurde ich gefragt: »Alle schreiben darüber. Und Sie leben hier und tun es nicht. Warum?" Ich wusste einfach nicht wie, mit welchem Instrumentarium an das Thema herangehen. Bei der Arbeit an meinen früheren Büchern betrachtete ich das Leiden anderer Menschen, diesmal aber ist auch mein Leben Teil der Ereignisse. Sie sind miteinander verschmolzen, ich kann nicht auf Abstand gehen. Der Name meines kleinen, in Europa kaum auffindbaren Landes, von dem die Welt zuvor kaum gehört hatte, ertönte plötzlich in allen Sprachen der Welt, denn es jetzt das teuflische Tschernobyl-Laboratorium, und wir Weißrussen waren das Tschernobyl-Volk. Wo immer ich nun auftauchte, erntete ich neugierige Blicke: »Ach, Sie kommen von dort? Was ist dort?" Natürlich hätte ich schnell ein Buch schreiben können, wie sie dann eins nach dem anderen erschienen - was in jener Nacht im Kraftwerk geschah, wer die Schuld trägt, wie man die Havarie vor der Welt und vorm eigenen Volk geheim hielt, wie viele Tonnen Sand und Beton nötig waren für den Sarkophag über dem todbringenden Reaktor - aber irgend etwas hielt mich davon ab. Was? Das Gefühl eines Mysteriums. Dieses plötzlich aufgetauchte Gefühl schwebte damals über allem: über unseren Gesprächen, unseren Handlungen und unseren Ängsten, es folgte dem Ereignis auf dem Fuß. Dem ungeheuerlichen Ereignis.

Wir alle hatten das ausgesprochene oder unausgesprochene Gefühl, auf etwas Unerhörtes gestoßen zu sein. Tschernobyl ist ein Mysterium, das wir erst entschlüsseln müssen. Ein noch ungedeutetes Zeichen. Vielleicht das Rätsel für das einundzwanzigste Jahrhundert. Eine Herausforderung. Heute ist klar: Neben den kommunistischen, nationalen und neuen religiösen Herausforderungen, mit denen wir leben und überleben müssen, erwarten uns noch andere Herausforderungen, weit grausamer und totaler, unserem Auge aber vorerst verborgen. Doch einiges hat uns Tschernobyl eröffnet...

Die Nacht des 26. April 1986... In einer Nacht gelangten wir an einen neuen Ort der Geschichte. Wir sprangen in eine neue Realität, und diese Realität überstieg nicht nur unser Wissen, sondern auch unsere Einbildungskraft. Der Zusammenhang der Zeiten riss... Die Vergangenheit war plötzlich hilflos, auf nichts darin konnten wir uns stützen, im allwissenden (wie wir glaubten) Archiv der Menschheit gab es keinen Schlüssel, der diese Tür hätte öffnen können. Ich hörte in diesen Tagen oft Äußerungen wie: »Ich finde keine Worte für das, was ich gesehen und erlebt habe", »etwas Derartiges hat mir noch nie jemand erzählt", »so etwas habe ich noch in keinem Buch gelesen und in keinem Film gesehen". Zwischen dem Zeitpunkt der Katastrophe und dem Zeitpunkt, an dem die Menschen darüber zu sprechen begannen, lag eine Pause. Ein Augenblick der Hilflosigkeit. Daran erinnern sich alle... Irgendwo oben wurden Entscheidungen getroffen, geheime Anweisungen verfasst, Hubschrauber in den Himmel geschickt, eine gewaltige Technik in Bewegung gesetzt, unten aber wartete man auf Informationen und hatte Angst, lebte von Gerüchten, doch niemand sprach über das Wichtigste: Was war eigentlich passiert? Man fand keine Worte für die neuen Gefühle und keine Gefühle für die neuen Worte, konnte sich noch nicht ausdrücken; erst allmählich drang man vor in eine Sphäre neuen Denkens - so lässt sich unser damaliger Zustand heute beschreiben. Fakten allein genügten nicht mehr, man wollte hinter die Fakten schauen, den Sinn des Geschehens erfassen. Die Erschütterung war offenkundig. Und ich suchte nach dem erschütterten Menschen. Er sprach neue Texte... Die Stimmen drangen mitunter wie aus einem Traum oder aus Fieberwahn, wie aus einer parallelen Welt. In der Nähe von Tschernobyl begann jeder zu philosophieren. Wurde zum Philosophen. Die Kirchen füllten sich wieder... Mit Gläubigen und Menschen, die kurz zuvor noch Atheisten gewesen waren. Sie suchten nach Antworten, die Physik und Mathematik nicht geben konnten. Die Grenzen der dreidimensionalen Welt verschwammen, und ich traf niemanden, der so kühn gewesen wäre, erneut auf die Bibel des Materialismus zu schwören. Grell war die Unendlichkeit aufgeleuchtet. Philosophen und Schriftsteller verstummten, aus der gewohnten Bahn von Kultur und Tradition geworfen. Am interessantesten waren in diesen Tagen nicht Gespräche mit Wissenschaftlern, Beamten oder hochrangigen Militärs, sondern mit alten Bauern. Sie leben ohne Tolstoi und Dostojewski, ohne Internet, doch ihr Bewusstsein hat das neue Weltbild auf eigene Weise aufgenommen. Ist nicht zusammengebrochen. Vermutlich wären wir eher mit einer atomaren Kriegssituation wie in Hiroshima fertiggeworden, darauf waren wir vorbereitet. Aber die Katastrophe geschah in einem nichtmilitärischen Atomobjekt, und wir waren doch Kinder unserer Zeit und glaubten, wie wir es gelernt hatten, die sowjetischen Atomkraftwerke wären die sichersten der Welt, so sicher, dass man sie sogar auf den Roten Platz stellen könne. Das kriegerische Atom, das waren Hiroshima und Nagasaki, das friedliche Atom dagegen war die Glühbirne in jedem Haushalt. Niemand ahnte, dass das kriegerische und das friedliche Atom Zwillinge sind. Komplizen. Inzwischen sind wir klüger, die ganze Welt ist klüger geworden, aber erst nach Tschernobyl. Die Weißrussen sind heute lebendige »Blackboxes": Sie zeichnen Informationen für die Zukunft auf. Für alle.

Ich habe lange an diesem Buch geschrieben... Fast zwanzig Jahre... Ich habe mit ehemaligen Angestellten des Kraftwerks gesprochen, mit Wissenschaftlern, Medizinern, Soldaten, Umgesiedelten, Neusiedlern... Mit Menschen, für die Tschernobyl Hauptbestandteil ihrer Welt ist, für die es alles Innen und Außen vergiftet hat, nicht nur Boden und Wasser. Sie erzählten, suchten nach Antworten... Wir dachten zusammen nach... Oft hatten sie es eilig, fürchteten, es nicht mehr zu schaffen - ich wusste noch nicht, dass der Preis ihrer Zeugenschaft ihr Leben war. »Schreiben Sie das auf..." Sagten sie immer wieder. »Wir haben nicht verstanden, was wir sahen, aber es soll bewahrt werden. Irgend jemand wird es lesen und verstehen. Später... Nach uns..." Ihre Eile war berechtigt - viele von ihnen leben nicht mehr. Aber sie konnten noch ein Signal senden...

Was wir über Schrecken und Ängste wissen, hat meist mit dem Krieg zu tun. Der Stalinsche GULAG und Auschwitz sind jüngste Schöpfungen des Bösen. Die Geschichte war stets die Geschichte von Kriegen und Feldherren, der Krieg war Maß des Schreckens. Darum vermengen die Menschen die Begriffe von Krieg und Katastrophe... In Tschernobyl waren fast alle Attribute des Krieges präsent: viele Soldaten, Evakuierungen, verlassene Behausungen. Die Zerstörung des normalen Lebens. Die Zeitungsberichte über Tschernobyl strotzten von militärischen Begriffen: Atom, Explosion, Helden... Das macht es schwer zu begreifen, dass wir uns in einer neuen Geschichte befinden... Die Geschichte der Katastrophen ist angebrochen... Doch der Mensch will darüber nicht nachdenken, weil er darüber noch nie nachgedacht hat, er versteckt sich hinter dem, was er kennt. Hinter der Vergangenheit. Selbst die Denkmäler für die Helden von Tschernobyl erinnern an Kriegsdenkmäler... Meine erste Fahrt in die Zone...

Die Gärten blühten, freudig leuchtete das junge Gras in der Sonne. Vögel sangen. Eine so vertraute, vertraute Welt. Mein erster Gedanke: Es ist alles noch da, und alles ist wie früher. Dieselbe Erde, dasselbe Wasser, dieselben Bäume. Ihre Form, ihre Farbe und ihr Geruch sind ewig, daran kann niemand etwas ändern. Doch schon am ersten Tag erklärte man mir: Man sollte keine Blumen pflücken, sich lieber nicht auf die Erde setzen, kein Quellwasser trinken. Am Abend beobachtete ich, wie Hirten eine erschöpfte Herde zum Fluss trieben - die Kühe liefen zum Wasser und machten sofort kehrt. Irgendwie witterten sie die Gefahr. Die Katzen, erzählte man mir, fraßen keine toten Mäuse mehr, die überall herumlagen, auf dem Feld und auf den Höfen. Der Tod lauerte überall, aber dieser Tod war irgendwie anders. Er trug neue Masken. Kam in einem anderen Gewand. Der Mensch wurde davon überrumpelt, darauf war er nicht vorbereitet. Nicht vorbereitet als biologische Art; sein gesamtes natürliches Arsenal, ausgebildet zum Sehen, Hören und Tasten, versagte. Nichts davon war brauchbar; Augen, Ohren und Hände taugten nicht, waren keine Hilfe, denn Radioaktivität ist unsichtbar, lautlos und ohne Geschmack. Körperlos. Wir haben unser Leben lang Krieg geführt oder uns auf einen Krieg vorbereitet, wissen so viel darüber - und dann! Das Feindbild hatte sich verändert. Wir hatten plötzlich einen neuen Feind. Feinde... Töten konnte das abgemähte Heu. Der geangelte Fisch, das gefangene Wild. Ein Apfel... Die Welt um uns herum, uns früher so gefügig und freundlich gesonnen, flößte nun Angst ein. Alte Menschen, die evakuiert wurden und sich nicht vorstellen konnten, dass es für immer war, schauten zum Himmel. »Die Sonne scheint. Kein Rauch, kein Gas. Es wird nicht geschossen. Ist das etwa Krieg? Und trotzdem sind wir Flüchtlinge..." Die vertraute Welt - eine unbekannte Welt.

Wie sollten wir verstehen, wo wir uns befanden? Was mit uns geschah. Hier... Jetzt... Wir konnten niemanden fragen...

In der Zone und um die Zone herum... Verblüffend war das enorme Aufgebot an Militärtechnik. Soldaten mit nagelneuen Maschinenpistolen. In voller Kampfausrüstung. Nicht die Hubschrauber und Panzerfahrzeuge haben sich mir am meisten eingeprägt, sondern diese Maschinenpistolen... Waffen... Der Mann mit dem Gewehr in der Zone... Auf wen sollte er dort schießen, gegen wen sich verteidigen? Gegen die Physik... Gegen unsichtbare Teilchen... Die verseuchte Erde erschießen oder einen Baum? Im Kraftwerk selbst ermittelte der KGB. Man suchte nach Spionen und Saboteuren, Gerüchte erklärten die Havarie zu einer geplanten Aktion westlicher Geheimdienste, um das sozialistische Lager zu schädigen. Man müsse wachsam sein.

Dieses Bild von Krieg... Diese Kultur des Krieges ist vor meinen Augen zusammengebrochen. Wir betraten eine undurchschaubare Welt, wo das Böse keinerlei Erklärungen abgibt, sich nicht offenbart und keine Gesetze kennt.

Ich habe gesehen, wie der Vor-Tschernobyl-Mensch zum Tschernobyl-Menschen wurde. Mehr als einmal... Genug Stoff zum Nachdenken... Manche meinen, das Verhalten der Feuerwehrleute, die in der ersten Nacht den Brand im Atomkraftwerk löschten, und der Liquidatoren erinnere an Selbstmord. Kollektiven Selbstmord. Die Liquidatoren arbeiteten häufig ohne spezielle Schutzkleidung, gingen widerspruchslos dorthin, wo die Roboter »verreckten"; man verschwieg ihnen die Wahrheit über die hohe Strahlendosis, der sie ausgesetzt waren, und sie fanden sich damit ab, freuten sich anschließend noch über die von der Regierung verliehenen Urkunden und Medaillen, die man ihnen vor ihrem Tod überreichte... Viele bekamen sie auch nicht mehr ausgehändigt... Was also waren diese Menschen - Helden oder Selbstmörder? Opfer der sowjetischen Ideologie und Erziehung? Merkwürdigerweise gerät mit der Zeit in Vergessenheit, dass sie ihr Land retteten. Und Europa. Stellen wir uns nur einen Augenblick lang vor, wie es ausgesehen hätte, wären auch die drei übrigen Reaktoren explodiert... Sie sind Helden. Helden der neuen Geschichte. Man vergleicht sie mit den Helden der Schlacht um Stalingrad oder der Schlacht um Waterloo, aber sie retteten mehr als ihr Heimatland, sie retteten das Leben selbst. Lebenszeit. Lebendige Zeit. Mit Tschernobyl hat der Mensch die Hand erhoben gegen alles, gegen die gesamte göttliche Welt, auf der außer dem Menschen Tausende andere Wesen leben. Tiere und Pflanzen. Wenn ich zu ihnen kam... Ich hörte ihre Berichte, wie sie (als Erste und zum ersten Mal!) etwas völlig Neues, Unmenschliches taten: Sie begruben Erde in der Erde, das heißt, sie versenkten verseuchte Erdschichten in speziellen Betonbunkern, mitsamt allem, was darin lebte: Käfer, Spinnen, Larven. Vielfältige Insekten, deren Namen sie nicht einmal kannten. Nicht mehr wussten. Sie hatten einen ganz anderen Begriff vom Tod, er erstreckte sich auf alles - vom Vogel bis zum Schmetterling. Ihre Welt war bereits eine andere - mit einem neuen Recht auf Leben, mit einer neuen Verantwortung und einem neuen

Schuldgefühl. Ihre Berichten sind durchzogen vom Thema »Zeit", sie sagten »zum ersten Mal", »nie wieder", »für immer". Erzählten, wie sie durch leere Dörfer gefahren waren und dort einsame Alte getroffen hatten, die nicht mit den anderen weggehen wollten oder wieder zurückgekehrt waren aus der Fremde: Sie saßen abends bei Kienspanbeleuchtung zusammen, mähten das Heu mit der Sense, das Getreide mit der Sichel, fällten Bäume mit der Axt und wandten sich mit Gebeten an Tiere und Geister. An Gott. Genau wie vor zweihundert Jahren, nur dass irgendwo hoch oben Raumschiffe herumflogen. Die Zeit hatte sich in den eigenen Schwanz gebissen, Anfang und Ende waren vereint. Tschernobyl endete für diejenigen, die dort waren, nicht in Tschernobyl. Sie kamen nicht aus einem Krieg zurück, sondern irgendwie von einem anderen Planeten. Ich begriff, dass sie ihr Leiden ganz bewusst zu neuem Wissen verarbeiteten und an uns weitergaben: Schaut her, ihr werdet mit diesem Wissen etwas machen, es irgendwie anwenden müssen.

Die Helden von Tschernobyl haben ein Denkmal: Den Sarkophag, in dem sie das Kernfeuer begruben. Eine Pyramide des zwanzigsten Jahrhunderts.

In der Gegend von Tschernobyl bedauert man die Menschen. Aber noch mehr die Tiere... Ich habe mich nicht versprochen... Ich will erkläre es gleich... Was blieb in der toten Zone, nachdem die Menschen weggegangen waren? Die alten Gottesäcker und sogenannte Biogräber, also Tierfriedhöfe. Der Mensch rettete nur sich selbst, alle anderen ließ er im Stich. Nach seinem Weggang kamen Trupps von Soldaten oder Jägern in die Dörfer und erschossen die Tiere. Die Hunde liefen auf die menschlichen Stimmen zu... Und die Katzen... Auch die Pferde verstanden nicht... Dabei sind die Tiere doch völlig unschuldig; und sie starben wortlos, was noch schrecklicher ist. Früher einmal, im alten Mexiko und sogar im vorchristlichen Russland, baten die Menschen die Tiere um Verzeihung, die sie für ihre Ernährung töten mussten. Im alten Ägypten hatte das Tier das Recht, gegen den Menschen zu klagen. Auf einem in einer Pyramide gefundenen Papyrus heißt es: »Es gab keine einzige Klage des Stiers gegen N." Bevor die Ägypter ins Totenreich gingen, sprachen sie ein Gebet, das unter anderem folgende Worte enthielt: »Ich habe kein einziges Geschöpf gekränkt. Ich habe keinem Tier Korn oder Gras geraubt." Was hat uns die Tschernobyl-Erfahrung vermittelt? Hat sie uns wieder der wortlosen, geheimnisvollen Welt der »anderen" zugewandt?

Einmal habe ich gesehen, wie Soldaten in ein Dorf kamen, das die Menschen verlassen hatten, und schossen.

Die hilflosen Schreie der Tiere... Sie schrien in ihren verschiedenen Sprachen. Das ist schon im Neuen Testament beschrieben. Jesus kommt in den Tempel von Jerusalem und sieht dort Tiere, die geopfert werden sollen. Jesus ruft: »Mein Haus ist ein Bethaus; ihr aber habt's gemacht zur Mördergrube " Er hätte auch sagen können »zum Schlachthaus". Für mich sind die Hunderte Tierfriedhöfe in der Zone das gleiche wie die alten Götzentempel. Aber für welchen Gott? Für den Gott der Wissenschaft und des Wissens oder für den Gott des Feuers? In diesem Sinne geht Tschernobyl weiter als Auschwitz und Kolyma. Weiter als der Holocaust. Es suggeriert Endlichkeit. Stößt an das Nichts.

Ich sehe die Welt um mich herum jetzt mit anderen Augen... Die kleine Ameise, die über den Weg krabbelt, ist mir nun näher. Auch der Vogel am Himmel. Der Abstand zwischen ihnen und mir wird kleiner. Die frühere Kluft ist aufgehoben. Alles ist Leben.

Eine weitere Erinnerung... Ein alter Imker erzählte mir (später hörte ich Ähnliches auch von anderen): »Ich komme am Morgen in den Garten, und irgendwas fehlt, ein vertrautes Geräusch. Keine einzige Biene... Keine einzige Biene war zu hören! Keine einzige! Was war das? Was war los? Auch am nächsten Tag flogen sie nicht aus. Und am übernächsten. Hinterher erfuhren wir von der Havarie im Atomkraftwerk, und das ist ganz in der Nähe. Aber lange wussten wir nichts. Die Bienen wussten Bescheid, aber wir nicht. Jetzt werde ich mich immer nach ihnen richten." Noch ein Beispiel: Ich sprach mit Anglern, die an einem Fluss saßen. »Wir warteten darauf, dass man uns im Fernsehen etwas erklärte... Uns sagte, wie man sich schützen kann. Aber die Regenwürmer... Einfache Regenwürmer! Die verkrochen sich tief in der Erde, einen halben oder einen ganzen Meter tief. Wir kapierten natürlich nicht. Wir buddelten und buddelten. Wir fanden keinen einzigen Regenwurm zum Angeln." Wer von uns ist also primär, stabiler und ewiger auf der Erde - wir oder sie? Wir sollten von ihnen überleben lernen. Und leben.

Zwei Katastrophen trafen zusammen: eine soziale - vor unseren Augen zerfiel die Sowjetunion, ging unser gewaltiger sozialistischer Kontinent unter, und eine kosmische - Tschernobyl. Zwei globale Explosionen. Die erste ist uns vertrauter, verständlicher. Die Menschen beschäftigt das Alltägliche: Wovon das Nötigste kaufen, wohin fahren? Woran glauben? Unter welchen Fahnen wieder Zuflucht nehmen? Oder wie lernen, für sich selbst zu leben, sein eigenes Leben? Letzteres ist uns nicht vertraut, wir können es nicht, weil wir nie so gelebt haben. Das machen wir alle durch, jeder einzelne. Tschernobyl aber möchten wir vergessen, weil unser Bewusstsein davor kapituliert. Eine Katastrophe des Bewusstseins. Die Welt unserer Werte und Vorstellungen ist explodiert. Hätten wir Tschernobyl besiegt oder es wirklich verarbeitet, würden wir mehr darüber nachdenken und schreiben. So aber leben wir in einer Welt, unser Bewusstsein aber existiert in einer anderen. Die Realität entgleitet, der Mensch kann sie nicht mehr erfassen.

Ja, wir bleiben hinter der Realität zurück.

Ein Beispiel: Noch immer benutzen wir alte Begriffe wie »fern - nah", »Unsere - Fremde". Aber was bedeutet nah oder fern noch nach Tschernobyl, da die radioaktiven Staubwolken schon vier Tage später über Afrika und China waren? Die Erde ist klein, sie ist nicht mehr wie zu Kolumbus' Zeiten unendlich. Wir haben heute ein neues Raumgefühl. Wir leben in einem bankrotten Raum. Und: Seit einigen Jahren werden die Menschen immer älter, trotzdem ist ein Menschenleben lächerlich kurz gegen die Lebensdauer der radioaktiven Teilchen auf unserer Erde. Viele davon werden Jahrtausende existieren. So weit können wir gar nicht vorausblicken! Angesichts dessen entsteht ein neues Zeitgefühl. Das alles ist Tschernobyl. Das sind seine Spuren. Dasselbe geschieht mit unserem Verhältnis zur Vergangenheit, zur Science Fiction, zum Wissen. Die Vergangenheit hat sich als hilflos erwiesen, vom Wissen ist nur das Wissen über unser Unwissen geblieben. Es kommt zu einem Umbruch der Gefühle... Anstelle der üblichen Trostworte sagt ein Arzt nun zu der Frau eines sterbenden Mannes: »Nicht nahe herangehen! Nicht küssen! Nicht streicheln! Das ist nicht mehr der geliebte Mensch, er ist ein verseuchtes Objekt." Dagegen verblasst selbst Shakespeare. Und der große Dante. Das ist die Frage: Zu ihm gehen oder nicht? Küssen oder nicht küssen? Eine meiner Interviewpartnerinnen (sie war schwanger) ging zu ihrem Mann und küsste ihn, ließ ihn bis zu seinem Tod nicht im Stich. Dafür bezahlte sie mit ihrer Gesundheit und mit dem Leben ihres Kindes. Aber wie sollte sie wählen zwischen Liebe und Tod? Zwischen Vergangenheit und unbekannter Gegenwart? Und wer würde es wagen, die Frauen und Mütter zu verurteilen, die nicht bei ihren sterbenden Männern und Söhnen saßen? Bei radioaktiv verseuchten Objekten. In ihrer Welt veränderte sich auch die Liebe. Und der Tod. Alles hat sich verändert, bis auf uns.

Damit ein Ereignis Geschichte wird, braucht es mindestens fünfzig Jahre. Hier aber folgen wir den frischen Spuren...

Die Zone... Eine Welt für sich... Eine andere Welt inmitten der übrigen Welt... Anfangs eine Erfindung von Sciencefiction-Autoren, aber die Realität übertrifft die Literatur. Wir können nicht mehr wie Tschechows Helden glauben: In hundert Jahren wird der Mensch großartig sein! Das Leben herrlich! Diese Zukunft haben wir verloren. Hundert Jahre danach gab es den Stalinschen GULAG, Auschwitz... Tschernobyl... Den elften September in New York... Unfassbar, wie das alles in das Leben einer einzigen Generation passte. Zum Beispiel das meines Vaters, der heute drei und achtzig ist. Das alles hat der Mensch überlebt?

Schicksal ist das Leben des einzelnen, Geschichte - das Leben von uns allen. Ich möchte Geschichte so erzählen, dass dabei das Schicksal nicht aus dem Blickfeld gerät... Der einzelne... Was sich in Tschernobyl am meisten einprägt, ist das Leben »danach": Dinge ohne Menschen, Landschaften ohne Menschen. Wege ins Nichts, Telegrafendrähte ins Nichts. Hin und wieder fragt man sich: Was ist das - Vergangenheit oder Zukunft? Manchmal fühlte ich mich wie eine Chronistin der Zukunft...

 

Die 1948 in der Ukraine geborene Swetlana Alexijewitsch war schon in unserer I. Weltausstellung zu Gast. Sie gilt als eine der bedeutendsten und konsequentesten Vertreterinnen der Protokoll-Literatur. Sie studierte Journalistik in Minsk, arbeitete danach bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und veröffentlichte eine Reihe von Büchern. Für Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft erhielt sie 1998 den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung.