Weltausstellung V: Zorn der Erde

»Ich weiß nicht sicher, ob die Völker der Inuit, die Völker Nordsibiriens, die nordischen Indianer und die Samen mit ihrer außerordentlichen Identität im Norden Grönlands, Alaskas, Kanadas, Skandinaviens und Russlands überleben werden; Regionen, die vom Ewigen überaus reich mit dem beschenkt sind, was auch ihr Unheil bedeuten kann: Öl, Gas und zahlreichen wertvollen Mineralien. Ich weiß jedoch und bin zutiefst davon überzeugt, dass es meine Pflicht ist, mit all meinen Kräften und bis zum letzten Atemzug zu ihrem Überleben beizutragen.« Jean Malaurie

 

Zu unserer V.Weltausstellung Prinzenstraße hatten wir den französischen Geomorphologen, Ethnologen, Arktisforscher, Autor, Herausgeber und Dokumentarfilmer Jean Malaurie eingeladen. Zu unserem Bedauern musste der legendäre Wissenschaftler, der von den Inuit Nordgrönlands hochachtungsvoll Der Weiße Eskimo genannt wird, aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Zu unserer großen Freude übernahm es sein Biograf, der Leiter des Centre d´Etudes Arctiques, Jan Borm, für uns  über Jean Malaurie und die Herausforderung Arktis zu sprechen.

 

Jan Borm: Es ist für mich eine Ehre, hier das großartige Werk von Jean Malaurie vorstellen zu dürfen. Wir haben eben zwei Texte von ihm gehört, die Ausdruck eines großen Geistes sind. Jean Malaurie legt großen Wert darauf, auch die richtige Form zu finden, um die Geisteswelt der Inuit, um die es ja heute auch gehen soll, gebührend zu würdigen.

 

Ich werde kurz auf ein paar Punkte seiner Lebensgeschichte eingehen. Jean Malaurie stellt sich meist als Anthropogeograf vor. Er ist eine der wenigen Persönlichkeiten, die die so genannten harten Wissenschaften, also die Naturwissenschaften, mit den Geisteswissenschaften vereint. Er hat Geografie studiert, sich aber von Anfang an auch für die Anthropologie interessiert. Sie finden in all seinen Texten immer wieder Anspielungen auf die Aufklärung. Die Aufklärung ist ja als zweifaches Phänomen zu verstehen: als historische Bewegung im 18. Jahrhundert und auch als genereller Prozess der Modernisierung. Jean Malaurie ist einer der großen Träger der Hoffnung des Aufklärungsgedankens. Eines Gedankens, den er durchaus reflexiv versteht: Es handelt sich nicht nur darum, andere aufzuklären, sondern auch beständig den eigenen Geist aufzuklären. Das ist ihm ganz wichtig. Er sagt häufig: »Ich habe zwar in Paris studiert, aber auf der Schule war ich bei den Inuit. Ich habe meine Persönlichkeit erst dank meiner Eskimofreunde entwickeln können.«

       

Damit Sie ein Bild von ihm bekommen, muss ich zu seiner Geisteswelt noch einiges ausführen. Jean Malaurie, und das ist das Faszinierende an ihm, ist ein Mensch, der sehr breitspurig denkt. Er ist in Deutschland geboren, 1922 in Mainz. Sein Vater war Geschichtslehrer und kam 1922 nach Deutschland um in Mainz am französischen Gymnasium zu unterrichten. Die Familie Malaurie blieb bis 1930 in Mainz, er selbst ist also 8 Jahre lang durch deutsche Kultur geprägt worden und er kommt immer wieder darauf zurück. Es gibt sogar Leute, die sagen, seine komplexe Sprache sei durch den deutschen Satzbau und die deutsche Grammatik beeinflusst. Eines seiner großen Werke, der Reiseberichts über seine Reise 1950/51 nach Nordwestgrönland, heißt Die letzten Könige von Thule. Das ist eine Anspielung auf den Ort selbst, der Thule heißt. Den Namen für den Ort hatte der Eskimoforscher und Abenteurer Knud Rasmussen gewählt. Rasmussen war Däne und Inuit. Und er bezog sich bei der Namensgebung auf das antike Thule, einer im 4. Jahrhundert vor unserer Zeit entdeckten nördlichen Insel, die später eine geradezu mythische Bedeutung bekam. Jean Malaurie bezieht sich mit dem Titel Die letzten Könige von Thule natürlich auf das Gedicht von Goethe. Er wollte damit seine Inuit-Freunde ehren. Sie sehen, das hängt alles miteinander zusammen.

 

Noch ein anderer Aspekt seiner Geisteswelt hat eine Beziehung zum deutschsprachigen Raum. Und zwar ist Malaurie in seinen geografischen Studien sehr stark von der deutschen Geografie geprägt worden. Er nennt sich Anthropogeograf und dieser Begriff wurde von einem deutschen Geografen geprägt. Friedrich Ratzel begründete im 19. Jahrhundert die Anthropogeografie. Er rückt damit das Studium des Menschen in seiner Umwelt in den Vordergrund. Und dieser Gedanke kommt bei Malaurie immer wieder zum Ausdruck. Nicht nur, dass man den Menschen immer im Bezug auf seine Umwelt betrachten sollte, sondern dass man auch die Umwelt nur im Bezug auf den Menschen verstehen kann. Das ist eine ganz enge Beziehung, die man nicht sezieren kann, nicht separat betrachten kann, sondern immer nur gemeinsam. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht der Mensch, nichts anderes; der Mensch in seiner Umwelt. Sein französischer Lehrmeister, Professor Emmanuel de Martonne war auch durch diese Ideen geprägt. De Martonne ist übrigens eine der Persönlichkeiten, die von Malaurie in Nordwestgrönland verewigt wurden. Es freut einen ja immer, wenn man sieht, dass ein Schüler sich an seinen Lehrer erinnert. Jean Malaurie durfte 1950/51 zehn geografische Stellen, die er in Grönland entdeckt und kartografiert hatte, neu benennen. Diese Namen sind inzwischen auch von der dänischen Regierung bestätigt worden, sie erscheinen also tatsächlich auf dem Atlas. Es gibt dort einen Fjord-De-Martonne, wie es auch einen Paris-Fjord gibt. Aber das Wichtigste war ihm, dass er nicht nur französische oder europäische Namen wählte, sondern auch Inuit-Namen. Fünf der zehn Namen, die er vergeben durfte, hat er nach seinen grönländischen Freunden vergeben.

Das war Anfang der 50er Jahre, also vor der Entkolonisierung. Doch Malaurie war es ganz wichtig das diese Eskimos, diese Helden, die so viel Mut gezeigt hatten, die den westlichen Forschern geholfen hatten, die entlegendsten Gegenden der Arktis zu erreichen, dass diese Menschen gebührend geehrt wurden. Das war damals natürlich alles andere als üblich. Man kannte ja oft nicht mal die Namen der Leute, die auf den Expeditionen dabei waren. Es hieß einfach, »das waren irgendwelche Inuit«.

 

Malaurie ist als Geograf ausgebildet worden, hat geomorphologische Studien in Grönland betrieben. Er hat Geröll erforscht: Wie rollt der Stein vom Berg. Er nennt sich auch Geröllologe. Er sagt, er habe eine richtige Wissenschaft erfunden, die Geröllologie. Das ist eine ganz seriöse Angelegenheit: Wie Steine rollen, welchen Einfluss die Beschaffenheit auf ihr Rollen hat usw. Also, das ist wissenschaftlich seriös. Aber wie alles bei ihm wird auch das sofort philosophisch beleuchtet. Da stößt man dann sofort an einen Stein, oder man stolpert, wenn man sich an der griechischen Philosophie festhält und meint, es sei alles mit Logik zu lösen. Er spricht häufig bei den Inuit von einer ganz anderen Art von Philosophie. Sehr lange war das ja unser Problem in Europa, dass wir keine andere Philosophie neben der unsrigen gelten lassen wollten, weil wir sagten: »Wenn die keine Logik verwenden, ist das überhaupt keine Philosophie.« Malaurie spricht im Zusammenhang mit den Inuit von einer »Philosophie der Feststellung«, oder einer »Philosophie der Lebenserfahrung« im Gegensatz zu einer »Philosophie der Logik«. Malaurie sagt, die große Charakteristik der westlichen Philosophie sei für ihn, dass man ihr widersprechen kann und sie trotzdem nicht auseinander bricht. Zumindest, solange man sich innerhalb der Logik bewegt. Das ist in der Geisteswelt der Inuit nicht möglich. Wenn sie mit Leuten sprechen, die keinen Unterschied zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren machen oder die davon überzeugt sind, dass die Geister der Familie, der Alten, ständig um sie präsent sind, dann funktioniert ihr Denken offenbar auf eine andere Art. Sie kennen offenbar nicht die strikte Trennung zwischen Mensch und Tier und Umwelt, die wir im Geiste automatisch vornehmen. Man kann deshalb auch nicht mit den geistigen Werkzeugen arbeiten, die wir hier in Westeuropa üblicherweise verwenden. Das ist eine große Herausforderung für unseren Geist und Malaurie ist eine der wenigen Persönlichkeiten, die diese Herausforderung angenommen hat. Seit den 50er Jahren ist er dafür eingetreten, dass man auch die Geisteswelt, die Kunst dieser Menschen, als Zeichen einer Zivilisation, bzw. als Philosophie anerkennt. Darüber hat es in den 60er Jahren hitzige Debatten gegeben.

 

Aber Jean Malaurie hat dazu nicht nur selbst geschrieben, sondern er hat auch wichtige Texte anderer Autoren publiziert. Er ist der Herausgeber einer weltberühmten Buchreihe, Terre Humaine, deren erster Titel 1955 Die letzten Könige von Thule war. Der zweite Titel, im gleichen Jahr erschienen, ist für diese ganze Debatte ein noch wichtigeres Buch, nämlich Die traurigen Tropen von Claude Levi-Strauss. Malaurie hatte Levi-Strauss angeregt diesen Text zu schreiben, denn die Idee des ›wilden Denkens‹, für die sich Levi-Strauss stark gemacht hat, ist ganz nahe auch bei Jean Malaurie. Diese Idee war programmatisch für die Buchreihe Terre Humaine. ›Wildes Denken‹ in diesem Sinne heißt, dass man das Denken des Anderen auch als solches anerkennt, das man die Denkwelt des Anderen als ebenbürtig akzeptiert und den Anderen damit auf seine Art als Gelehrten. Es hat, zum Beispiel, lange Zeit eine Diskussion gegeben, ob man die so genannten Weisheitsdiskurse der afrikanischen Völker als ein ›gelehrtes Denken‹anerkennen kann. ›Gelehrtes Denken‹ist ein Ausdruck, den man heute verwendet, wenn man von Konzepten nicht europäischer Philosophie spricht. Man verwendet dann nicht unbedingt den Begriff ›Philosophie‹, weil man da eben doch immer irgendwie an Platon oder Sokrates denken muss. Man spricht von ›gelehrtem Denken‹, weil auch das Denken dieser Menschen – der Inuit, der afrikanischen Völker, der Indianer – auf Wissen aufbaut, auf eine Jahre und Jahrhunderte lange Ansammlung von Wissen.

 

Also, Jean Malaurie ist nicht nur selbst Autor und Wissenschaftler, er ist auch bedeutender Herausgeber. Er hat sich sehr früh für Gegenden in der Welt interessiert hat, die die wenigsten Leute in Europa damals überhaupt wahrgenommen haben. Sein großes Verdienst ist, die Menschen dieser Gegenden sehr früh ernst genommen zu haben. So ernst genommen zu haben, wie sich selbst. Und dazu gesellt sich nun ein weiterer Aspekt: Es ist eine alte Tradition in Frankreich, dass der Wissenschaftler nicht nur wissenschaftlich arbeitet, sondern auch Verantwortung trägt. Dass er auch dazu beitragen sollte, dass die Ideen, die er verteidigt, tatsächlich umgesetzt werden. Dass der Wissenschaftler also nicht nur ein außenstehender Betrachter ist, sondern dass er, wie die Franzosen sagen, auch an der ›Aktion‹ beteiligt ist. Nicht nur Kontemplation sondern auch Aktion. Malaurie hat aus diesem Grund eine ganze Reihe von sehr wichtigen Initiativen gestartet. Er hat nicht nur die Reihe Terre Humaine gegründet, in der 1975 unter anderem auch Cheval d'orgueil von Pierre Jakez Heliaserschienen ist. Helias ist Bretone, und er hat die alten Geschichten aufgeschrieben, die ihm sein Großvater erzählt hatte. Dieses Buch wurde 1975 über eine Million Mal verkauft. Das war ein riesiges Ereignis und hatte die Wiederbelebung des bretonischen Gedankens zur Folge. Auf einmal interessierte man sich wieder für die Bretagne. Das war ja ein ganz verlassener Winkel, kein Mensch wollte irgend etwas über die Bretagne hören, wer interessierte sich denn für etwas, das auf dem Land passierte? Das ist doch vollkommen uninteressant in unserer modernen, urbanisierten Welt. Doch auf einmal war dieser Text da und kam genau zur richtigen Zeit. Malaurie hat also auch ein Gespür für so etwas. Er selbst nennt Terre Humaine übrigens eine intellektuelle Waffe im Dienst der Aufklärung.

Seit 1951 engagierte sich Malaurie auch sehr aktiv für die Inuit. 1951 war das Jahr, in dem die amerikanische Luftwaffe auf dem Gebiet der Inuit einen Stützpunkt errichtete, der bis heute existiert. Es gab ein Abkommen zwischen Dänemark und den Vereinigten Staaten, dass dort ein Stützpunkt eröffnet wird, da die Amerikaner Raketenangriffe aus der Sowjetunion über den Norden befürchteten. Und für diesen Stützpunkt wurde ausgerechnet der Ort Thule ausgewählt. Da wohnten damals 250 Inuit, und diesen Inuit hat man gesagt: »In drei Tagen seid ihr verschwunden, sonst kümmern wir uns darum.« Es gibt bis heute noch ein Verfahren vor einem dänischen Gericht, dass diesen Leuten endlich eine Entschädigung zugestanden wird. Aber das ist bis heute nicht geschehen. Malaurie jedenfalls war der erste westliche Beobachter, der zufällig vor Ort war. Einfach weil er damals im Norden von Grönland mit zwei Inuit-Ehepaaren auf einer Expedition unterwegs war, um das Gebiet zu kartografieren. Er kam von dieser Expedition nach Thule zurück und plötzlich wurde da mitten im Eis, mitten im Siedlungsgebiet der Inuit, ein Luftwaffenstützpunkt gebaut. Malaurie war so schockiert, dass er sagte: »Ich werde meine Studien, meine Dissertation für ein Jahr unterbrechen und stattdessen dieses Buch schreiben Die letzten Könige von Thule, um die Welt von dieser Ungeheuerlichkeit zu informieren.« Er hat sich von da an für die Rechte der Inuit stark gemacht. 1968 dann hat es auf eben diesem Stützpunkt einen Unfall gegeben: Da ist ein amerikanischer Bomber abgestürzt, der mit 4 Atombomben bestückt war. Eine dieser Bomben hat man nie wieder gefunden, die liegt da heute noch irgendwo im Wasser. Auch bei diesem Skandal war es Malaurie, der die Weltöffentlichkeit informierte. Insbesondere darüber, dass man die einheimische Bevölkerung dazu verwendete, die Folgen dieses Unfalls zu beseitigen.

Seit den 50er Jahre ist Malaurie auch in ständigem Kontakt mit Russland gewesen. Er hat sein Werk immer als circumpolar begriffen. Sein großes Vorbild dabei ist Knud Rasmussen. Rasmussen hat in den 20er Jahren diese berühmte Expedition unternommen, die fünfte Thule-Expedition, von Grönland über Kanada, Alaska bis nach Sibirien. Das war ein großes Unternehmen, dass den circumpolaren Gedanken durchgesetzt hat. Rasmussen hat zum ersten Mal klar gemacht, dass man die Arktis nicht isoliert nach den zufälligen politischen Grenzen betrachten kann, sondern als eine zusammenhängende Region, als ein zusammenhängendes Ökosystem, wie wir heute wohl sagen würden. Ein Ökosystem, an dem auch die verschiedenen Bevölkerungen teilhaben, die ein fragiler Bestandteil dieser Ökosysteme sind. Aus diesem Gedanken heraus hat sich Malaurie von Anfang an bemüht, Expeditionen in die verschiedenen arktischen Gebiete zu unternehmen. Zuerst nach Grönland, später in die zentrale Arktis nach Kanada, dann nach Alaska, und er hat auch lange versucht, von der Sowjetunion die Genehmigung zu erhalten, nach Tschukotka zu fahren. Das Problem war, dass Tschukotka, also die Tschuktschen-Halbinsel, direkt gegenüber von Alaska liegt und dass es dort außerdem eine ganze Reihe von Lagern gab. Deshalb lehnte die Sowjetunion es ab, dass dort irgend ein Ausländer hinfährt. Wenn man in Moskau um eine Expeditionsgenehmigung bat, war Tschukotka im Grunde der komplizierteste Ort. In Moskau sagte man Malaurie: »Du kannst hinfahren, wo Du willst. Aber Tschukotka ist unmöglich.« Erst 1988 hat Gorbatschow dann in Archangelsk eine wichtige Rede gehalten, in der er sagte, dass der sowjetische Norden der Wissenschaft geöffnet werden soll. Auf einmal war es möglich, da hinzufahren. Und da Malaurie gute Kontakte nach Russland hatte, wurde er von einem persönlichen Berater Gorbatschows eingeladen, eine Expedition nach Tschukotka zu organisieren. Dieser großartige Ort, die so genannte »Walfischallee«, ist ja heute noch so gut wie unbekannt. Die »Walfischallee« ist ein magischer Ort, eine Weihestätte, eigentlich die größte Weihestätte der Arktis auf zwei gegenüberliegenden Inseln in der Behringstraße. Da sind Jahrhunderte lang Schiffe vorbei gefahren, inklusive Kapitän Cook, aber die haben nie gesehen, was es da zu sehen gibt. Da sind nämlich Walkiefer und Walschädel aufgereiht. Das sieht ein bisschen aus wie Stonehenge, aber auf Tschukotka ist alles aus Elfenbein, riesige Stoßzähne von fünf Meter Höhe. Wenn man daran vorbei geht, kann man das eigentlich nicht nicht sehen. Das geht nicht. Man muss sich schon die Augen zuhalten und sagen, ich will das nicht sehen. Doch es ist nie beschrieben worden und man fragt sich, warum. Malaurie sagt, wahrscheinlich, weil kein Mensch geistig darauf überhaupt eingestellt war. Man hat es gesehen und sich gesagt: »Na ja, ein paar alte Knochen, was haben wir damit am Hut?« Als 1976 diese Weihestätte von den sowjetischen Archäologen Arutjunow und Tschlenow entdeckt wurde, war das natürlich eine Sensation. Und 1989, als Gorbatschow die Genehmigung erteilte, sagte Malaurie: »Ich will sofort dorthin!« Und das hat dann auch geklappt. Er hat über diese Expedition ein sehr schönes Buch geschrieben, das hoffentlich auch irgendwann auf Deutsch erscheinen wird. Es heißt L´allee de baleines. Darin beschreibt er diesen Ort und versucht ihn zu interpretieren. Er sieht ihn als die Wiege der Eskimo-Zivilisation. Die Völker der Arktis stammen höchstwahrscheinlich aus dem Norden Chinas. In der Vorgeschichte sind offenbar chinesische Völker aus verschiedenen Gründen immer weiter nach Norden gezogen, zuerst in diesen ostsibirischen Teil der Arktis und später nach Alaska. Das ist eine Hypothese, aber sie scheint uns sehr wahrscheinlich. Malaurie war auf dieser Expedition der einzige Franzose, er wurde von russischen Kollegen begleitet. Einer dieser Kollegen hat damals beschlossen, eine Akademie zu gründen, um den Völkern des Nordens – den ›Wurzelvölkern‹, wie die Russen sie nennen, die Amerikaner sprechen ja auch von den ›First Nations‹ – um diesen Völkern die Möglichkeit zu bieten, Hochschulstudien zu betreiben, damit sie ihr Schicksal vielleicht irgendwann selbst in die Hand nehmen oder zumindest im Verwaltungsbereich selbst die wichtigen Positionen besetzen können. Denn das große Problem ist ja in diesem Teil der Welt, auch in Grönland heute noch, dass nur sehr wenige Einheimische eine vernünftige Ausbildung erhalten. Also, diese Akademie wurde 1990 in Sankt Petersburg gegründet und ist inzwischen ein großes Unternehmen mit 1.400 Studenten. Menschen aus ganz Sibirien studieren da in verschiedenen Fakultäten Fremdsprachen, Verwaltungswissenschaften usw. Malaurie sagt, genau das sei unsere Verantwortung als Wissenschaftler. Wir können nicht nur an unserer eigenen Karriere bauen, uns selbst einen Namen machen, ohne gleichzeitig diesen Völkern zu helfen. In diesem Geiste haben wir seit Jahren darüber nachgedacht, wie wir eine solche Schule auch in Frankreich gründen könnten. Malaurie hatte 1957 einen Ruf auf die berühmte École des Hautes Études en Sciences Sociales erhalten. Damals hatte diese Schule nur acht Professoren, er war einer davon. Er besetzte den ersten Lehrstuhl für Polarforschung in Frankreich überhaupt. Allerdings ist aus dieser Institution nie eine wirkliche Schule mit Lehrbetrieb hervorgegangen, deshalb konnte auch nie eine Schule für die Inuit daraus werden. Doch seit letztem Herbst gibt es bei uns an der Université de Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines in der Nähe von Paris endlich so ein Institut. Ab September dieses Jahres können wir dort einen Master-Studiengang Arctic Studies anbieten, um Studenten aus der Arktis zu empfangen und auszubilden.

An dieser Stelle bietet sich vielleicht ein Übergang zu zeitgenössischen Themen an. Grönland ist ja im Grunde ein großes Eisfeld und die Bevölkerung, 57.000 Menschen ungefähr, leben in verschiedenen Orten an der Küste. Dass heißt, wenn Sie in Grönland von einem Ort zu einem andern wollen, dann geht das nur mit dem Flugzeug oder eventuell mit dem Schiff. Es gibt keine Straßen, keine Züge, nichts. Wenn Sie in so einem kleinen Flugzeug sitzen, dann hat das auch Fracht dabei. Es ist zur Hälfte mit Holzkisten gefüllt und Sie sitzen dahinter. Sie schauen herunter auf diese fantastischen Schneeberge, bis zu 1.800 Meter hoch. Eine Art Alpenlandschaft, aber vollkommen unberührt, kein Mensch weit und breit. Sie fliegen dann über die mit Eisbergen bestückte Disco-Bucht, die inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, und dann kommen Sie nach Umanak. Das ist ein kleiner Ort mit 1.400 Einwohnern auf einem Felsen mitten im Fjord von Umanak, in der Baffin-Bay. Sie landen da auf einer winzigen Piste irgendwo auf der Insel und dann geht es mit dem Hubschrauber weiter zu dem Ort Umanak. Da bekommen Sie dann wahrscheinlich das deutliche Gefühl: Das ist wirklich der Rand der Zivilisation. Ich war also im Februar dort. Normalerweise ist zu dieser Zeit der ganze Fjord zugefroren. Das war jetzt nicht der Fall. Und das war in Umanak natürlich das Gesprächsthema überhaupt. Denn diese Situation ist für die Bevölkerung dort dramatisch. Praktisch alle Aktivitäten im Winter hängen dort vom Packeis ab. Die Leute haben alle Hunde und sie gehen im Winter normalerweise mit ihren Schlitten auf Jagd. Jetzt muss man zwar die Hunde alle füttern, kann aber nicht auf Jagd gehen, weil das Meer offen ist. Man hat also auch kein Fleisch, weil es kein Eis gibt. Dass heißt, es gibt sofort auch sehr viele ökonomische Probleme, die durch den Klimawandel zu beobachten sind. Die Leute in Grönland bestreiten da nicht unbedingt ein Katastrophendenken. Sie sagen, der Wandel wurde ungefähr vor zehn Jahren bemerkbar, zwischendurch gab es allerdings auch den einen oder anderen normalen Winter. Aber die letzten Jahre sind tatsächlich kontinuierlich wärmer geworden. Ich war übrigens kürzlich auch im Norden von Russland, in einer Republik, die hier fast keiner kennt, die heißt Komi. Die liegt ungefähr 1.000 Kilometer nördlich von Sankt Petersburg. Da sagten mir die Leute: »Sie haben Glück, wir hatten gerade drei Monate lang minus 30 Grad. Eigentlich sollte das normal sein, aber inzwischen ist es eine absolute Seltenheit.« Also es gibt eine ganze Reihe von Belegen für diese Entwicklung.

 

Europa hat ja ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Grönland. Grönland gehört zu Dänemark, ist aber autonom. Es gibt ein so genanntes »self government«. Der Blick der Grönländer ist auf die Unabhängigkeit gerichtet. Die Frage ist allerdings, wann das geschehen kann und ob das wirtschaftlich überhaupt tragbar wäre. Es sind ja nur 57.000 Menschen. Da ist es nicht so einfach, sich wirtschaftlich zu entwickeln. Dafür braucht man Hände und Arme, vor allem Fachkräfte, die in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen. Doch die sind im Moment nur sehr begrenzt verfügbar. Die Universität von Nuuk hat 200 Studenten. Davon bleiben allerdings die wenigsten bis zum Masterstudium. Der Wille ist da, die EU unterstützt das inzwischen auch, es gibt Förderprogramme, aber die Beziehung zu Europa ist sehr kompliziert. Dabei ist es für Europa geradezu unverantwortlich, sich nicht für die Arktis zu interessieren. Die Perspektiven dort sind tatsächlich schwindelerregend. Wenn Sie sich vorstellen, dass die Nordwestpassage bald ganzjährig eisfrei sein wird. China ist davon begeistert, denn wenn sie ihre Frachter von Rotterdam nach China über die Nordwestpassage fahren lassen, dann können sie mehrere Wochen Fahrzeit sparen. Was das finanziell bedeutet, kann man sich kaum vorstellen. Noch dazu geht es in der Nordwestpassage um Öl. Es wird sehr viel einfacher zu bohren, wenn da kein Eis mehr ist. Es gibt auch noch eine Reihe anderer interessanter Bodenschätze. Auch Grönland ist offenbar voll davon. Die Begehrlichkeiten sind entsprechend groß. Die große Frage ist: Wie wird sich das gestalten? Machen wir die gleichen Fehler, die wir schon einmal gemacht haben? Das heißt, wir rücken dort massiv ein, nutzen die Bodenschätze aus, lassen die Leute links liegen und gehen wieder nach Hause? Die Geschichte der Kolonien wird ja inzwischen überall studiert, ausgestellt, unterrichtet und hier wäre jetzt die Gelegenheit da, die Dinge etwas anders zu gestalten. Aber machen wir das auch? Es gab eine große Klimakonferenz in Koppenhagen letztes Jahr – Sie kennen das Ergebnis. Die Versuchung ist natürlich sehr groß, im Norden zu investieren. In Südwestgrönland wurde vor kurzem die erste Aluminiumfabrik gegründet. Die wird von 3.000 Hilfskräften betrieben, die kommen alle aus China. Die Fabrik steht neben einem Ort mit 2.000 Einwohnern. Nun stellen Sie sich die Situation vor: ein kleiner Ort und 3.000 Chinesen. Das sind über fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Und diese Leute müssen versorgt werden, die müssen untergebracht werden, die müssen unterhalten werden und so weiter. Das bringt natürlich riesige Probleme. Auf dem Spiel steht die Frage, ob man diese Entwicklung auch irgendwie harmonisch gestalten kann, oder ob sich wieder so eine Art Raserei, so ein Goldrausch herausbildet, wie im 19. Jahrhundert am Klondike in Alaska. So eine Art Überfall, ohne dass die Bevölkerung in irgendeiner Weise beteiligt wird oder überhaupt die Möglichkeit hat, zu reagieren. Das ist jedenfalls eine der Hauptsorgen der grönländischen Regierung. Ich denke, in Grönland sind sich alle einig, dass etwas unternommen werden muss, um das zu verhindern. Zum Abschluss dazu vielleicht eine kleine Anekdote: Ich habe in Grönland eine sehr interessante Dame kennengelernt. Sie führt eine der Oppositionsparteien in Grönland, und ich habe mich mit ihr zunächst auf Englisch unterhalten – auf Grönland spricht man Grönländisch und Dänisch –, dann sagte ich, wo ich herkomme, aus dem Norden Deutschlands, da sprach sie mich auf Deutsch an. Ich war davon natürlich sehr beeindruckt und sie sagte: »Ja, sehen Sie mal, so wie ich Deutsch gelernt habe, könnten sie doch auch ein bisschen Grönländisch lernen. Man sagt immer, das Grönländische sei eine sehr schwierige Sprache, aber wir sind 57.000 Menschen die diese Sprache sprechen. Also entweder sind wir ganz besondere Menschen, oder ihr habt irgendwie Schwierigkeiten, Sprachen zu lernen.«

 

Ja, vielen Dank, soweit erst einmal. Jetzt würde ich das Ganze vielleicht für Fragen öffnen, damit wir uns ein bisschen austauschen können.

 

Christian Tschirner: Was mich zunächst interessieren würde, ist, inwiefern die Inuit-Kultur in Grönland eine Rolle spielt oder inwiefern sie sich mit der Grönländischen verbindet. Wie ist das Verhältnis der dänischen Grönländer zu dem Wurzelvolk der Inuit?

 

Jan Borm: Das ist ein sehr kompliziertes Thema. Offiziell gibt es, wie gesagt, 57.000 Grönländer. Davon sind viele Dänen, die entweder nach Grönland gekommen sind oder schon auf Grönland geboren und aufgewachsen sind. Viele Grönländer kommen auch aus Mischehen. Und es gibt die Inuit. Also das Bild ist sehr komplex und es ist eine komplexe Vernetzung dieser Kulturen entstanden. Die große Tageszeitung erscheint auf Dänisch und Grönländisch gleichzeitig. Nicht alle Grönländer sprechen Grönländisch. Sogar Grönländer die Inuit sind, sprechen nur Dänisch. Also, das ist sehr kompliziert. Die Kultur wird sehr gepflegt. Es gibt sehr viele Initiativen, um die Kultur der Inuit aufrechtzuerhalten. Ein Beispiel: In Kopenhagen im Nationalmuseum gibt es das wunderbare Forschungszentrum Sila. Sila ist ein Inuit-Ausdruck, der Kraft, Stärke, Geist, Willen bedeutet. Die Mitarbeiter des Forschungszentrums sind Archäologen, die den Nordosten Grönlands erforscht haben. Da gibt es ganz fantastische Ausgrabungsstätten, die übrigens jetzt auch durch den Klimawandel bedroht sind, denn der Meeresspiegel steigt und dadurch werden einige dieser Orte jetzt weggeschwemmt. Von den dänischen Kollegen jedenfalls habe ich eine Publikation bekommen, in der es um die Rückerstattung von Kulturgut von Dänemark an Grönland geht. Das ist ein Modellvorgang, auf den Dänen und Grönländer sehr stolz sind. Und zwar haben die Dänen akzeptiert, Tausende von Kulturgegenständen an Grönland zurückzugeben. Dadurch haben die Grönländer jetzt in Nuuk ein Nationalmuseum mit einer sehr schönen Sammlung gründen können. Das wurde einvernehmlich gelöst. Solche Verfahren der Rückerstattung gibt es jetzt auch woanders in der Welt, aber das sind in der Regel sehr komplizierte Unternehmen, wo sehr hart verhandelt wird. Zwischen Dänemark und Grönland aber wurde das anscheinend einvernehmlich gelöst. Gegenstände, die vor allem an die Kultur der Wikinger erinnern, hat man in Kopenhagen belassen und Tausende von Gegenständen, die eher der Inuit-Kultur zuzurechnen sind, hat man zurück nach Grönland geschickt.

Es gibt in Nuuk auch ein grönländisches Nationaltheater, das kulturell eine ganz große Rolle spielt. An der Universität ist der Unterricht bislang noch auf Dänisch aber es gibt Bestrebungen, den auch auf Grönländisch zu gestalten. Man muss allerdings genügend Leute zum Unterrichten finden – Grönländer mit Doktortitel gibt es nicht so viele. Gerade aus akademischer Sicht ist es also eine Riesenaufgabe, dort zu helfen. Das ganze Bild wird natürlich noch differenzierter, wenn man von der Hauptstadt weggeht und in den Norden fährt. Da sind die Leute noch mehr daran interessiert, diese Kultur aufrechtzuerhalten oder wiederzubeleben.

 

Christian Tschirner: Es gibt Vorhersagen, dass Grönland sich in den nächsten 30-40 Jahren so ähnlich entwickeln wird, wie die Golfstaaten, weil der Reichtum an Bodenschätzen so gewaltig ist, und durch das Abschmelzen des Eises der Zugang um so vieles erleichtert wird. Auf der einen Seite, haben wir gehört, sind Menschen betroffen, weil die Transportwege nicht mehr zufrieren; auf der anderen Seite muss es doch auch Leute geben, die sagen: »Okay, wir sind grob geschätzt 60.000 Einwohner, wir werden wahrscheinlich in dreißig Jahren alle Millionäre sein, weil hier so viele Rohstoffe lagern.« Gibt es solche Stimmen auch, die den Klimawandel als Chance betrachten?

 

Jan Borm: In Grönland gibt es die Menschheit sozusagen in Miniaturformat. Es gibt Regierungsmitglieder, Umweltschützer, Unternehmer, Jäger, Lehrer – und alle vertreten natürlich andere Meinungen, andere Ansprüche. Ein Teil der Bevölkerung ist tatsächlich in heller Aufregung und sagt: »Das ist doch  wunderbar, wir haben riesige Entwicklungschancen.« Es gibt Unternehmer, die sich Geschäfte versprechen. Dann gibt es Leute, die fürchten, dass die einfache Bevölkerung bei diesem Prozess übergangen wird und dass der zu erwartende Reichtum nur unter wenigen verteilt werden wird, die dann vermutlich auch noch aus dem Ausland kommen. Um noch ein anderes Beispiel zu geben: Sie wissen vielleicht, dass es 1985 einen ernsten Streit mit Europa gab. Damals ist Grönland aus der EU ausgetreten, obwohl es eigentlich zu Dänemark gehört. Und zwar wegen den Fischereirechten vor der Küste Grönlands, wegen der Zone, die nur den Grönländern vorbehalten ist. Insbesondere spanische und deutsche Fischer haben das in Frage gestellt und die EU wollte ihnen Konzessionen geben, die möglicherweise nicht gerechtfertigt waren. Jedenfalls war das ein heikles Thema und man konnte sich nicht einigen. Daraufhin haben die Grönländer gesagt, wir gehen raus aus der EU. In diesem Jahr nun gab es einen Entschluss von der grönländischen Fischereigewerkschaft, dem Verband der Fischer also, der die Regierung auffordert, den Beitritt zur EU wieder zu beantragen. Die Fischer hatten gehofft, ihre Fischerei selbst besser entwickeln zu können, aber im Endeffekt gibt es jetzt nur noch zehn Großfischereien vor Ort. Das sind also nur ein paar Leute, die das große Geschäft machen, und die kleinen Fischer haben eigentlich überhaupt nichts davon. Und die fragen sich jetzt, ob sie in der EU nicht vielleicht besser aufgehoben wären, weil es da härtere Bestimmungen gibt und bessere Rechte. Also, das ist schon sehr interessant, wie sich die Entwicklung dort weiter gestalten wird. Es sind ja Ölförderlizenzen verteilt worden in der Baffin-Bay, vor der Westküste Grönlands. Da gibt es große Ölfelder. Die sind alle verteilt. Jetzt ist die Frage, wann die anfangen zu bohren und welcher Anteil am Gewinn den Grönländern tatsächlich zugute kommen wird.

 

Christian Tschirner: Herr Borm, Sie kommen selbst aus der Geisteswissenschaft. Eine der herausragenden Eigenschaften von Jean Malaurie ist ja dieses interdisziplinäre Denken, dass er sich nie auf einen bestimmten Weg festgelegt hat. Man kann gar nicht in Gänze beschreiben, womit er sich alles beschäftigt und was er alles untersucht hat. Haben Sie das Gefühl, dass sich diese Herangehensweise durch Malaurie und vielleicht auch einige andere in Frankreich besser entwickelt hat als in Deutschland?

 

Jan Borm: Das ist auf jeden Fall der Gedanke der École des Hautes Études en Sciences Sociales, dieser Hochschule für Sozialwissenschaften, die eine Abspaltung von der Sorbonne darstellt. Da gab es einige Wissenschaftler, die gesagt haben: »Wir wollen aus diesem Tempel raus, wo jeder nur in seiner eigenen Disziplin arbeitet und nicht mit dem Nachbarn redet.« Ob das gelungen ist, ist eine andere Frage. Malaurie selbst sieht das sehr kritisch. Er sagt: »Wir sind zu groß geworden, und jetzt haben wir 144 Lehrstühle, bzw. Dozenten, aber ob wir mehr miteinander reden, ist eher zweifelhaft.« Unser Institut in Versailles ist so aufgebaut, dass ich mit Klimaforschern zusammenarbeite, mit Experten in nachhaltiger Entwicklung, mit Anthropologen. Besser gesagt, wir versuchen, zusammenzuarbeiten. Das ist nicht immer so einfach, weil wir nicht die gleichen Erfahrungen haben, nicht die gleichen Ausdrücke verwenden, die Traditionen sind nicht immer die gleichen. Wir haben uns auf einen Masterstudiengang einigen können, bei dem die Studenten im Hauptfach tatsächlich Vorlesungen in Klimaforschung, in Volkswirtschaft, in Anthropologie und in Literatur hören werden. Wir haben uns darüber verständigt. Aber ich habe meine Kollegen mehrfach darauf hinweisen müssen, dass ihre naturwissenschaftlichen Studenten für ihren Abschluss tatsächlich auch Kurse in Anthropologie belegen müssen, und dass die eher geisteswissenschaftlich orientierten Studenten bereit sein müssen, auch in naturwissenschaftliche Vorlesungen zu gehen. Es ist auch in Frankreich nicht immer leicht, das allen klar zu machen. Von allen wird interdisziplinäre Forschung und Lehre befürwortet, allen ist klar, dass wir mit bloßem Fachwissen nicht mehr vorankommen, in der Praxis ist das ein langer Prozess. Wir brauchen vor allem – um diesen fürchterlichen Ausdruck zu verwenden – Interaktion. Und das ganz besonders in der Arktis. Bei der Arktis handelt es sich um eine zusammenhängende Region mit unterschiedlichen Kulturen. Und wenn man da sinnvoll mitgestalten will, muss man einfach Natur- und Geisteswissenschaften zusammendenken. Wir haben ja manchmal die Vorstellung, die sollen ruhig weiter in Seehundfellen rumlaufen, damit wir uns sagen können, das ist noch so schön ursprünglich. Für uns, die wir modern leben, ist das dann irgendwie beruhigend, wenn es da oben noch edle Wilde gibt. Aber natürlich haben die Menschen dort auch ihre Ansprüche.

 

Christian Tschirner: Jean Malaurie ist in Frankreich sehr bekannt. Claude Levi-Strauss ist ebenfalls berühmt. In Deutschland kennt man bei Levi-Strauss mit Mühe den Titel, bei Malaurie ist es ganz schwierig. Liegt das vielleicht auch daran, dass man als Deutscher nicht so genau weiß, wo man sich seine Texte hinstecken soll: Ist es Literatur, ist es Wissenschaft? Ich habe selbst immer die Schwierigkeit, das zu benennen.

 

Jan Borm: Malaurie ist eben eine der großen Figuren, die aus der Geisteswelt des 18. Jahrhunderts herauskommt. Er ist einer der Wenigen, der noch davon überzeugt ist, dass ein vernünftiger Gedanke nur elegant zum Ausdruck gebracht, überzeugen kann. Es gibt einen berühmten Ausdruck von Georges-Louis Leclerc de Buffon, dem großen Direktor des Museums für Naturgeschichte in Paris: Man solle den Stil eines Menschen studieren, im Stil sei der Mensch begriffen. So wie sich jemand ausdrückt, sei auch seine Persönlichkeit. Also, wenn Sie interessante Gedanken haben, müssen die auch interessant zum Ausdruck kommen, sonst entsteht keine Kommunikation. Und es ist ja kein Zufall, dass ein Tschechow Arzt war – um den Geist zu öffnen, um zu einem übergreifenden Blick zu kommen, um den Blick über den Tellerrand zu heben, muss man als Naturwissenschaftler Literatur lesen und umgekehrt. Nur dadurch eröffnen wir neue Aussichten. Und wir brauchen diese neuen Ansätze und Aussichten. Also, um darauf zurückzukommen: Die universitäre Tradition in Deutschland ist vielleicht nicht die gleiche wie in Frankreich, aber sie werden hier auch von allen hören: Ihr müsst interdisziplinär arbeiten. Aber so etwas kann man natürlich nicht anordnen. Das geht vielleicht am ehesten noch über Fördermittel, die interdisziplinär verwendet werden müssen. Ich selbst bin ja ausgebildeter Anglist und Spezialist für Reiseliteratur. So habe ich Herrn Malaurie kennen gelernt. Herr Malaurie besitzt eine ganz erstaunliche Kenntnis der Reiseliteratur des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Und ich kann für mich nur sagen, dass dieser Blick über den Tellerrand, die Beschäftigung mit der Anthropologie ungeheuer bereichernd war.

 

Publikum: Von Rohstoffen abgesehen, welche Wirtschaft gibt es denn in Nordgrönland? Wovon leben die Leute an so einem Ort? Welche Perspektive haben sie?

 

Jan Borm: Es gibt die Heilbuttfischerei. Die wird auch richtig industriell betrieben, also da gibt es auch Fabriken usw. Und das ist ein Wirtschaftszweig, der sehr gut gedeiht. Und dann gibt es die Seehundjagd. Das ist die Haupteinnahmequelle der Leute dort seit Jahrhunderten. Sie machen traditionell ihre Kleidung daraus. Sie essen Seehundfleisch und das war auch die Haupteinnahmequelle für den Export. Leider gibt es jetzt eine EU-Bestimmung, die die Einfuhr von Seehundprodukten verbietet. Ich war selbst bei einem Jäger in Nordgrönland zum Kaffeekränzchen eingeladen. Das war sehr interessant. Wir haben da gemeinsam einen BBC-Film im Fernsehen gesehen, da ging es um Urwälder in Südamerika und gleichzeitig reden wir so über Europa, und wie sich Europäer Grönland vorstellen und wie sich Grönländer Europäer vorstellen. Und der Jäger saß in seinem blauen Monteursanzug da und sagte: »Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was für Auswirkungen das Einfuhrverbot für Seehundfell für uns hat. Das ist für uns eine absolute Katastrophe. Das war unsere Haupteinnahmequelle, wir haben das immer wirtschaftlich vernünftig betrieben. Wir waren nie darauf aus, eine Massenjagd zu veranstalten. Wir haben nie die kleinen Seehunde gejagt, das entspricht nicht unserer Kultur. Und jetzt macht ihr da in Brüssel so eine Bestimmung. Das ist für uns eine absolute Katastrophe!« Umgekehrt werden Sie natürlich hier Leute hören, die sagen, es sei unsere Pflicht, einzugreifen. Da sind Sie mitten in einem interkulturellen Problem. Man spricht ja heute von der Welt als globalisiertem Dorf. Die Leute meinen, weil sie via Internet überall rumsurfen können, sei die Welt enger zusammengewachsen und alle wüssten alles über alle. Ich habe im Gegenteil den Eindruck, das Wissen wird eher weniger. Und dementsprechend nehmen die Verständigungsschwierigkeiten nicht etwa ab.

 

Christian Tschirner: In Die letzten Könige von Thule schreibt Jean Malaurie, dass die grönländischen Inuit bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht mit dem Gewehr auf Seehundjagd gingen, weil sie Angst hatten, dadurch das Gleichgewicht durcheinander zu bringen – weil die Jagd mir Gewehr zu einfach wurde. Dass heißt, sie haben im Grunde aus ökologischen Gründen eine Technik tabuisiert, die es schon sehr lange gab. Das empfinde ich als ungeheuerliche Leistung. Und es hat natürlich eine gewisse Ironie, wenn wir Europäer ihnen jetzt die Jagd auf Seehunde verbieten wollen.

 

Jan Borm: Genau so wird es von den Leuten dort auch aufgefasst. Vor allem als Bevormundung. Erst kommen die Vorschriften, dann der Dialog. Das ist natürlich auch psychologisch nicht die klügste Art, vorzugehen. Dabei ist gerade der Erhalt auch der grönländischen Kulturen, der Besonderheiten dieser Kulturen, für uns eine Herausforderung. Wir wissen, und dem stimmen ja auch alle zu, dass das Überleben und die Erneuerung auch unserer Kultur und Zivilisation von der Vielfalt abhängen. Wir brauchen unbedingt Vielfalt. Das wissen wir aus der Naturwissenschaft, aus der Genetik, wir brauchen Erneuerung, und Erneuerung kommt aus der Vielfalt. Nicht aus dem Einheitsbrei. Wir werden durch die grönländischen Kulturen bereichert und sie durch uns. Das geht nur wechselweise.

 

 

Wie wenige andere Zeitgenossen hat der 1922 geborene Wissenschaftler und Publizist Jean Malaurie unsere Wahrnehmung der Welt verändert. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er als Geologe. 1950, auf einer Einzelexpedition nach Nordgrönland, begegnete er den Polar-Eskimos Nordgrönlands. Diese Begegnung beeinflusste nicht nur seine weitere Arbeit – Malaurie begann die Sprache und Kultur der Inuit zu erforschen – es entstand daraus eine tiefe und lebenslange Freundschaft. Die von ihm initiierte Buchreihe Terre Humaine wurde legendär und Bücher, wie Claude Levi-Strauss’ Traurige Tropen, wurden zu Meilensteinen der Geisteswissenschaft des 20. Jahrhunderts. 

1957 wurde Jean Malaurie Forschungsdirektor der École des Hautes études en Sciences Sociales in Paris. Dort gründete er das Centre for Arctic Studies, das er bis heute leitet.

 

Jan Borm ist ursprünglich Literaturwissenschaftler mit dem Spezialgebiet Reiseliteratur. Als langjähriger Assistent und Biograph von Jean Malaurie gewann er tiefen Einblick in dessen Geisteswelt. Seit 2008 leitet er an der Université de Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines bei Paris den interdisziplinären Master-Studiengang Arctic Studies, der sich vor allem an Studierende aus den arktischen Regionen richtet.