Yvonne Georgi

Die Tänzerin und Choreographin Yvonne Georgi (1903-1975). Eine Recherche

Sonderausstellung 24. September bis 6. Dezember 2009


Yvonne Georgi wird am 29. Oktober 1903 als Tochter eines angesehenen Arztes und seiner über zwanzig Jahre jüngeren französischen Ehefrau in Leipzig geboren.
Entdeckt wird die spätere »Jahrhunderttänzerin« nur durch Zufall bei einer Pantomimenaufführung im Haus einer Freundin. Sie ist siebzehn Jahre alt, mit der Schule gerade fertig und am Beginn ihrer Berufsausbildung als Bibliothekarin in Leipzig.
Nebenbei beginnt sie nun ein Tanztraining. Schon bald führt sie eigene Tanzkreationen an den »bunten Nachmittagen für die Jugend« im Leipziger Kaufhaus auf.
Als Yvonne Georgi spürt, daß Tanzen für sie nicht nur ein Hobby ist, sondern ihr Lebensinhalt, bricht sie ihre Ausbildung zur Bibliothekarin ab und übersiedelt nach Hellerau an die Dalcroze-Schule. Ihre Eltern unterstützen sie zwar, sind aber wenig begeistert, besonders der Vater ist gegen eine berufliche Ausbildung zur Tänzerin. Sie bleibt nur knapp zwei Monate in Hellerau, da ihr der Unterricht zu »rhythmisch-gymnastisch« ist. Sie stellt sich bei Mary Wigman vor, die sie bei einem Tanzabend in Leipzig erlebt, und wird in Wigmans Dresdner Schule aufgenommen.
Schon ein halbes Jahr später tritt sie zum ersten Mal in der Gruppe zusammen mit Mary Wigman auf. Im Dezember 1921 wirkt sie in der Frankfurter Uraufführung von Wigmans berühmten »Sieben Tänze des Lebens« mit. Zwei Jahre später erlebt ein begeistertes Publikum Georgi in Solo-Tanzabenden und als Duo zusammen mit Gret Palucca. Im Herbst 1924 holt Kurt Jooss sie als Solotänzerin an das Stadttheater von Münster, und zur Spielzeit 1925/26 wird sie die jüngste Ballettmeisterin Deutschlands am Reußischen Theater in Gera.
Nach dem erfolgreichen Jahr in Gera geht sie als Ballettmeisterin an die Städtischen Bühnen Hannover und eröffnet eine eigene Schule für Tanz. Unter ihrer Ägide entwickelt sich Hannover zu einem Zentrum für modernen Tanz. Ihre Aufführungen finden international Beachtung und Einladungen zu Gastspielen folgen.
Schon zu ihrem ersten Ballettabend im Dezember 1926 tanzt Harald Kreutzberg als Gast der Berliner Staatsoper die Hauptrolle in »Petruschka«. 1927 kommt Kreutzberg ganz als Solotänzer zu Georgi. In diese Zeit fallen auch die ersten Duo-Tanzabende Georgi-Kreutzberg.
Bis zum Ende der Spielzeit 1931/32 bleibt Yvonne Georgi in Hannover, dann trennen sich auch die Wege von Kreutzberg und Georgi, die im Januar 1932 in Holland heiratet. Doch Hannover bleibt sie weiterhin treu. Mit Halbjahresverträgen ist sie immer wieder zu Gast.
Durch die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland wird es für Yvonne Georgi immer schwerer, ihre Amsterdamer Schule und die Arbeit in Hannover zu vereinigen. 1936 zieht sie endgültig nach Amsterdam. Dort arbeitet sie für die Wagnervereinigung und versucht ein niederländisches Nationalballett aufzubauen. Mit ihrer Balletttruppe bildet sie regelmäßig den Höhepunkt der Saison in Scheveningen.
Anfang der 1950er Jahre wird Yvonne Georgi zuerst Ballettmeisterin der Abraxas-Kompanie und geht danach für drei Spielzeiten an die Städtischen Bühnen Düsseldorf. Anders als in Düsseldorf findet Georgi ab 1954 in Hannover am Landestheater ideale Bedingungen für ihre Tätigkeit als Ballettmeisterin und ihren Plan, eine hochqualifizierte Balletttruppe mit einem modernen Repertoire aufzubauen. Dem Ballett werden neben den obligatorischen Auftritten in Oper und Operette eigene Abende garantiert, und Georgi wird gleichzeitig Leiterin der Tanzabteilung an der Hochschule für Musik und Theater. 1959 wird Yvonne Georgi zur Professorin ernannt.
In Hannover kann Georgi ihre Vorstellungen von einer Synthese zwischen Ballett und Freiem Tanz verwirklichen. Unter ihrer Ägide erlebt die Stadt zahlreiche Uraufführungen, unter anderem 1957 das »Elektronische Ballett«, nach der Musik von Henk Badings. Aber nicht nur aufregende Inszenierungen, große Handlungsballette, Kammerballett-Aufführungen im Ballhof und das Mitwirken an den Festspielen in Herrenhausen machen die Ära Yvonne Georgi unvergeßlich. Möglich wurde eine so langanhaltende und vertrauensvolle Zusammenarbeit erst durch ihr Engagement und Verständnis für ihre Tänzer.

Zur Ausstellung erscheint in unserer Schriftenreihe Prinzenstraße. Hannoversche Hefte zur Theatergeschichte, Doppelheft 15: Die Tänzerin und Choreographin Yvonne Georgi (1903-1975). Eine Recherche. Hrsg. von Brigitta Weber. 176 Seiten. 150 Abbildungen und ein Telegramm als Beilage. 13 Euro. ISBN 978-3-931266-14-1
Dr. Brigitta Weber hat sich über ein Jahr lang mit ihrer Abiturientenklasse am Gymnasium Langenhagen dem Thema »Yvonne Georgi« gestellt. Herausgekommen ist ein neues und facettenreiches Porträt der Tänzerin und Choreographin. Das Heft beginnt mit einem Porträt von Mary Wigman, der für Yvonne Georgis Entwicklung so entscheidenden Lehrerin und zeigt dann in drei großen Abschnitten mit zahlreichen unveröffentlichen Dokumenten ihren künstlerischen Werdegang.

Seit 1994 gibt es die Schriftenreihe »Prinzenstraße. Hannoversche Hefte zur Theatergeschichte« des Theatermuseums. In 15 Jahren sind 15 Hefte erschienen! Ein stolzes Zeugnis unserer kontinuierlichen Forschungsarbeit. Immer wieder ist es gelungen, unbekannte Aspekte zu beleuchten und zahlreiche Quellen erstmals zu veröffentlichen.