Ernst Barlach als Dramatiker

Nachtstücke. Ernst Barlach als Dramatiker

Sonderausstellung vom 12. Januar bis 28. März 2010


Seinem bildnerischen Schaffen ebenbürtig, aber weit weniger bekannt, ist Ernst Barlachs (1870-1938) liter- arisches Werk. Zwischen 1906 und 1938 entstanden neben autobiographischen Arbeiten die Dramen: »Der tote Tag« (1912), »Der arme Vetter« (1917), »Die echten Sedemunds« (1920), »Der Findling« (1922), »Die Sündflut« (1924), »Der blaue Boll« (1926), »Die gute Zeit« (1929) und »Der Graf von Ratzeburg« (postum 1951) - ferner die Romane »Seespeck« und »Der gestohlene Mond« (beide postum 1948).

Nicht mit dem einschmeichelnden Blick auf ein Publikum geschrieben, gibt Barlachs Literatur Zeugnis von einem existentiellen Ringen um Sinngebung innerhalb einer entfremdeten Welt. Als höchst authentische, dabei be- sonders artifizielle Texte erscheinen seine Dramen so eigenwillig, daß sie sich zwar jeder gefälligen Rezeption versperren, aber dennoch immer wieder eine lebhafte Auseinandersetzung provozieren.

Wurden die Dramen schon in der Weimarer Republik, vor allem in Berlin, mit beachtlichem Erfolg aufgeführt, so ist Barlach nach Brecht der einzige Dichter jener Zeit, der auch heute noch auf den deutschsprachigen Bühnen lebendig ist.

Und doch trotz aller Bemühungen um das literarische Erbe des Autors muß Ernst Barlach immer noch als einer der am meisten unterschätzten deutschen Dichter dieses Jahr- hunderts gelten und weiterhin seiner eigentlichen Ent- deckung harren.

Die Sonderausstellung »Nachtstücke« stellt erstmals den Dramatiker Ernst Barlach und die Bühnenrezeption seiner Stücke in einer großen Überblicksausstellung vor.

 

Die Ernst Barlach Museumsgesellschaft Hamburg hat die Ausstellung exklusiv für das Theatermuseum zusammen- gestellt.

 

 

Die Münchner Kammerspiele hatten den schönen Mut, dies Trauerspiel vom Menschen, dem heldischen Geistsohn, der ewig ein Muttersöhnchen der eifersüchtig klammernden Erde bleiben wird, auf die Bühne zu bringen. Die Aufführung war vorzüglich. Sie konnte ein – oder zweimal wiederholt werden; dann blieb das Publikum aus. Das ist begreiflich, denn die stundenlange Konzentration auf das Raunend-Halbdeutliche ist keine jedermann genehme Abendunterhaltung. Aber es gibt zu grübeln über das Verhältnis von hoher Dichtung und Popularität. Falsch zu sagen, dass Barlachs Stück nicht bühnenfähig wäre. Es hat kraftvoll typisierte gestaltenpackende Situationen, eine kernige, durchaus dramatische Sprache. Falsch zu sagen, dass es bei aller Sonderbarkeit eigentlich befremdete. Es ist im Innersten deutsch und heimlich, wie ein Lied aus »des Knaben Wunderhorn«, märchenvertraut in seinen Motiven dem nationalen Sinn, - es ist tief volkstümlich. Aber es ist nicht populär /…/. Ist Kultur möglich in Ländern oder in Zeiten, wo das Volkstümliche keine Popularitätsmöglichkeit besitzt? Und warum besitzt es keine? Weil es kein Volk mehr gibt, sondern nur noch Pöbel und Publikum? Aber wie sollte das Volk aufgehört haben zu sein, da es ja dichtet! Denn ich müsste ganz und gar irren, wenn Barlachs Drama nicht wahre Volksdichtung wäre, tief wurzelnd im Heimlichen und hoch rauschend mit seinen Wipfeln im Geistigen – ein Mutterkind, welches, wie es schließlich im Texte heißt, »sein bestes Blut von einem unsichtbaren Vater hat.

 

Thomas Mann zur Aufführung »Der tote Tag« in den

Münchner Kammerspielen 1924, in: The Dial, Jg.77, Nr.5

 

 

Das Staatstheater feierte nachträglich den 60. Geburtstag des herrlichen Holzbildhauers und Bronzebildners Ernst Barlach durch eine außer-ordentliche Aufführung seines 1926 veröffentlichten Dramas »Der blaue Boll«. Der abseitigste Künstler unserer Zeit fand mit diesem Stück voll heimlicher Heiterkeit und viel unheimlicher Düsternis nach dem vierten Bild fast den rasenden Erfolg eines Reißers. /…/

Und das Stück? Es ist ein Stück aus dem Gesamtwerk eines der größten Universalkünstler unserer Zeit, mit winzigen, oft witzigen Strichen Nebeldunst und Philistertum norddeutscher Kleinstadt herausarbeitend, und dann wieder voll schwerer, dunkler Worte, die oft mit wunderbar erhellender Wortkunst in jene Abgründe führen, wohin nur wenige willig dem Dichter folgen werden.

 

Kurt Pinthus zu der Aufführung »Der blaue Boll«

im Staatstheater Berlin 1930, in: 8-Uhr-Abendblatt, 8.12.1930

 

 

Ein Erfolg für alle, fürs Hamburger Thalia, für den Regisseur, auch für Barlach und seine komische düstere Ballade von uns »halben Leuten«, die der »Teufel« Elias verhöhnt: »Was ihr wollt, das könnt ihr nicht, was ihr müsst, das wollt ihr nicht«. Barlachs Kalauer: »Barlach ist lachbar«, kann nach dieser Inszenierung schön ergänzt werden: Barlach ist spielbar.

 

Theater Hamburg 1983, in: Die Zeit, Nr. 45, 4.11.1983

Rolf Michaelis zur Aufführung »Der blaue Boll«, Thalia