Weltausstellung IX: Lesung für Liao Yiwu

»LASSEN SIE ES NICHT ZU, DASS DIE LITERATUR ERNEUT VON DER MACHT GEDEMÜTIGT WIRD!«

 

In unserer IX. Weltausstellung schlossen wir uns einem Aufruf des internationalen literaturfestivals berlin zu einer weltweiten Solidaritätslesung für den verfolgten chinesischen Autor Liao Yiwu an. Unerstützt wurden wir bei der Lesung im Hof des Schauspielhauses vom Literaturhaus Hannover, von zahlreichen Kollegen anderer Theater, von hannoverschen Autoren, Künstlern und Politikern. Hier dokumentieren wir einen offenen Brief Liao Yiwus an Bundeskanzlerin Angela Merkel:

 

 

Liebe Frau Merkel,

ich grüße Sie aus der Ferne.

Mein Name ist Liao Yiwu, ich bin chinesischer Schriftsteller, ich schreibe über die Benachteiligten in unserer Gesellschaft. Vor nicht allzu langer Zeit hat der S. Fischer Verlag mein erstes Buch in deutscher Übersetzung unter dem Titel Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten herausgebracht, ein Buch, das von den Lesern wie von der Kritik sehr geschätzt wurde. Zurzeit plant der S. Fischer Verlag die Herausgabe meines zweiten Buches Meine Zeugenaussage, in dem mein Leben im Gefängnis beschrieben wird.

Sie sind die deutsche Kanzlerin und Sie wissen aus eigener Erfahrung, was Diktatur bedeutet – vielleicht wurden auch Sie mit Füßen getreten, vielleicht wurden auch Sie gedemütigt, vielleicht wurde auch Ihre Freiheit eingeschränkt. Sie waren 35 Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel – im gleichen Jahr, am 4. Juni 1989, ich war 31, ereignete sich das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Noch am gleichen Abend habe ich das lange Gedicht Massaker geschrieben und vorgetragen, weshalb ich festgenommen wurde und für vier Jahre im Gefängnis saß. 1997 haben wir die Untergrundzeitschrift Intellektuelle gegründet, in den beiden Innenseiten des Umschlags der ersten Nummer waren zwei Fotos, die die Menschen bewegten: das erste war von 1970 und zeigte den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Willy Brandt, wie er als Vertreter des deutschen Volkes in Warschau vor dem Denkmal der Helden des Ghettos die Schuld eingestand und seine Reue bekundete; das zweite war vom 9. November 1989 und zeigte strahlende Gesichter, die durch eine Bresche in der Berliner Mauer gesteckt wurden.

Da ich an meiner Unabhängigkeit und meinem Schreiben, das sich als Zeugnis versteht, festgehalten habe, durfte über viele Jahre hinweg in meinem eigenen Land kein einziges Zeichen von mir erscheinen, mehr noch, mir war es für viele Jahre verboten, das Land zu verlassen. Insgesamt habe ich zehnmal einen Reisepass beantragt, den ich Ende 2008 dank des Durcheinanders nach dem großen Erdbeben in Sichuan unerwarteterweise bekam. Dennoch durfte ich das Land nicht verlassen. Ich machte die Erfahrung, am Zoll verhaftet und zurückgeschickt zu werden.

Das letzte Mal beantragte ich meine Ausreise anlässlich der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr, als China Gastland war und über hundert offizielle Schriftsteller und eine über 1000-köpfige Delegation nach Frankfurt schickte, um bei dieser ›Kulturolympiade‹ mit Nachdruck Position zu beziehen. Mir wurde das nicht erlaubt. Obwohl auch ich eine offizielle Einladung erhalten hatte, als Ehrengast im Haus der Kulturen der Welt in Berlin aus meinen Werken zu lesen, Vorträge zu halten und als Musiker aufzutreten.

Als mein Fehlen – und das Verbot durch die chinesischen Polizei – von der Süddeutschen Zeitung publik gemacht wurde, schlug das in der deutschen Gesellschaft hohe Wellen. Kann es denn sein, dass meine Weggefährten in der Untergrundliteratur und ich nur in dieser ›Einzelkämpfermanier‹ die Abschirmung, die uns umgibt, durchbrechen und vom Westen zur Kenntnis genommen werden können? Kann es denn sein, dass mein alter Freund, der Literaturkritiker Liu Xiaobo, erst zu elf Jahren Gefängnis verurteilt werden musste, bevor die politischen Kreise im Westen, die Welt der Geschäftsleute, der Intellektuellen und der Sinologen aus ihren schönen Profitträumen gerissen wurden, die sie im Zusammenhang mit unserem großen diktatorischen Land träumten?

Ich habe jetzt wieder eine offizielle Einladung erhalten, vom Kölner Literaturfestival lit.COLOGNE, und habe angefangen, wieder und wieder mit der Polizei zu verhandeln und zu kommunizieren. Ich soll auf diesem Fest aus meinen Werken lesen, als Musiker auftreten und mit vielen wichtigen westlichen Autoren zusammenkommen und sprechen. Vor allem mit Herta Müller, die 2009 den Nobelpreis für Literatur bekam, die selbst das demütigende Leben unter einem autokratischen System kennt und deren Werke sich lesen wie eine moderne Geistesgeschichte Chinas. Ich muss sie nach ihrer ›Erzähltechnik‹ fragen, nach ihren Empfindungen, als sie ›zum ersten Mal die Grenze passierte und entkam‹ und ob es unmöglich war zu schreiben, wenn sie abgehört oder heimlich überwacht wurde. Und was am ehesten die Leidenschaft zur Abweichung erwecken kann, das Schreiben in Freiheit oder das abgehörte Schreiben?

Ich werde auch auf den deutschen Film Das Leben der Anderen zu sprechen kommen und auf die bedrückende Sonate vom guten Menschen darin und fragen, ob sie wirklich einen alten Geheimdienstler bewegen konnte. So wie vor über zehn Jahren dieser verlorene Polizeioffizier namens Cao Jian, der mitten in der Nacht heimlich in meine Zelle kam und meinem Flötenspiel lauschte.

Am 3. Februar 2010, um die Mittagszeit, erhielt ich einen Anruf von der Polizei. Mir wird es nicht erlaubt werden, das Land zu verlassen. Der entsprechende Befehl von oben sei noch nicht aufgehoben. Ich fragte, wer sich hinter diesem »von oben« verstecke. Die Polizei antwortete, das könne man mir nicht sagen. Ich fragte, ob »die da oben« in Sichuan oder in Peking seien? Die Polizei zögerte einen Augenblick und sagte dann: »In Peking.«

Ich verstummte. Ich weiß, dass mein Vaterland hofft, dass ich für immer verstumme, so wie die Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft, die ich in meinem Buch beschreibe, beraubt, verachtet und misshandelt, wie sie sind, sich nicht artikulieren können – oder wenn sie es tun, ihnen niemand zuhört; und wenn man ihnen zuhört, sie ständig ermahnt werden, sich in ihr Schicksal zu schicken und das unausgesprochene Gesetz zu achten: »Alle sind ohne Scham, warum nicht auch du?« Es stimmt, mein Land hofft, dass ich wie die überwältigende geistig und körperlich beraubte, verachtete und misshandelte Mehrheit der offiziellen Autoren mich des Vergessens befleißige, mich in Abgestumpftheit dankbar zeige und das Ganze als ästhetische Notwendigkeit hinstelle.

Um mir bei der Gewalt, unter der ich lebe, einen Rest von Würde und Traum zu bewahren, schreibe ich an Sie, Frau Merkel. Ich bitte Sie inständig, schenken Sie der Tatsache Ihre Aufmerksamkeit, dass ich wieder gehindert werde, in Ihr Land zu reisen! Ich bitte Sie inständig, machen Sie den außenpolitischen Einfluss der von Ihnen geführten deutschen Regierung geltend, dass ich bei der lit.COLOGNE nicht noch einmal fehle, wie bei der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr!

Lassen Sie es nicht zu, dass die Literatur erneut von der Macht gedemütigt wird!

Tausende von deutschen Lesern, die mein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten gekauft haben, erwarten, mich in Köln zu sehen; der S. Fischer Verlag, der ein zweites Buch mit mir plant, will die Freude mit mir teilen, ein in Unfreiheit geschriebenes Buch in Freiheit zu veröffentlichen.

Deshalb werde ich, ungeachtet des polizeilichen Verbots, zur deutschen Botschaft gehen und ein Visum beantragen, ich werde mir ein Flugticket kaufen, pünktlich den Zoll passieren und nichts unversucht zu lassen, nach Köln zu kommen. Und wenn ich, wie diese Leute mich warnen, am Zoll abgefangen werde, werde ich meinen deutschen Lesern und den deutschen Medien, die mich nach wie vor unterstützen, zumindest in die Augen schauen können.

Wenn mein Wunsch in Erfüllung geht, werde ich China keinen weiteren Schaden zufügen können und wollen, als die Wahrheit zu sagen. Ich werde auch nicht meine Stellung als »verbotener Literat« ausnutzen und um politisches Asyl nachsuchen. Ich werde auf jeden Fall nach China zurückkehren. Denn der Boden für meine schriftstellerische Arbeit und das Ohr meiner Musik sind hier, mitten unter dem Ameisenvolk der Chinesen mit seinen über eine Milliarde Menschen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Autor, der seine Muttersprache verlässt, weiter arbeiten kann. Auch wenn mein alter Freund Liu Xiaobo mir vor zehn Jahren in einem Brief geschrieben hat: »In dieser Welt der Klugen sind wir beide, du und ich, die Dummköpfe, wir sollten wie im alten Europa in einem ›Narrenschiff‹ auf die weite See hinaustreiben und, wo wir zuerst landen, soll unsere Heimat sein.«

Ich danke Ihnen, dass Sie diesen Brief zu Ende gelesen haben!

In der Hoffnung auf Ihre Hilfe,

Liao Yiwu, Autor, Dichter und Künstler

5. Februar 2010, zu Hause in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan

Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann

 

 

Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, ist Dichter und Romanautor. Er wuchs als Kind von Eltern »ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis« in den Jahren der großen Hungersnot in China auf und schlug sich lange Zeit mit den verschiedensten Jobs als Tagelöhner durch. 1989 veröffentlichte er das epische Gedicht Massaker, in dem er das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens anprangerte. Er wurde dafür vier Jahre lang inhaftiert und zum Teil schwer misshandelt. Sein Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten wurde in China sofort nach seinem Erscheinen verboten. 2007 wurde Liao Yiwu vom unabhängigen chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis Freiheit zum Schreiben ausgezeichnet. Im Mai 2011 wurde ihm von den chinesischen Behörden verboten, seine Werke im Ausland vorzutragen. Seit Juli 2011 lebt und arbeitet Liao Yiwu in Deutschland. 2012 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.