Weltausstellung VI: Botanische Denkfiguren

»DIE PFLANZE STREBT EIN GUTES LEBEN AN.«

 

Unter dem Motto Mensch-Natur-Technik fand im April 2010 in Hannover das 2. Festival der Philosophie statt. Die Weltausstellung Prinzenstrasse widmete sich im Rahmen dieses Festivals der philosophischen Denkfigur der Pflanzen – als Hoffnung, Provokation und Rätsel. Der studierte Biologe und Philosoph Tobias Rausch, Autor und Regisseur unserer Produktion Die Welt ohne uns, untersuchte darin in praktischer Versuchsanordnung und theoretischem Diskurs das Wesen der Vegetation.

Als Gesprächspartner hatte er Frau Dr. Angela Kallhoff eingeladen, Professorin für praktische Philosophie und Ethik in Köln und Autorin des Buches Prinzipien der Pflanzenethik.

 

Tobias Rausch:  Wir versuchen, uns heute denkerisch, philosophisch, ethisch den Pflanzen zu nähern. Ich freue mich sehr, zu dieser Gelegenheit Frau Doktor Kallhoff zu begrüßen. Mit ihrer Hilfe hoffe ich, heute alle wichtigen Fragen, die wir an Pflanzen haben, definitiv zu beantworten. Frau Doktor Kallhoff, zur Vorstellung, hat Philosophie, katholische Theologie, Mathematik und Erziehungswissenschaften studiert. Eine spannende Kombination! Sie hat an der Universität Münster promoviert, war 2003-2005 als Stipendiatin der Alexander-von-Humboldt-Stiftung an der University of Chicago, hat 2008 ihre Habilitation zum ethischen Naturalismus bei Aristoteles fertig gestellt und seit 2009 zwei Lehrstuhlvertretungen innegehabt, zunächst an der Universität Münster, also an ihrer ›Heimatuniversität‹, wenn man das so sagen kann, und im Moment an der Universität Köln, am Lehrstuhl für praktische Philosophie und Ethik. Frau Doktor Kallhoff ist Verfasserin von zahlreichen Aufsätzen zur Ethik der Pflanze und Autorin des Buches Prinzipen der Pflanzenethik. Das Buch ist leider nicht mehr käuflich. Bekommt man es überhaupt irgendwo noch?

 

Dr. Angela Kallhoff: Antiquarisch, ja! Übrigens zu ganz guten Preisen – besser, als der Ursprungspreis!

 

Tobias Rausch:  Das Buch ist auch der Grund, warum wir Frau Doktor Kallhoff heute morgen eingeladen haben, wir möchten uns mit der Ethik der Pflanze beschäftigen. Vielleicht als Eröffnung erstmal eine ganz persönliche Frage: Wie kommt man eigentlich dazu, sich philosophisch mit Pflanzen zu beschäftigen? Gab es da ein Erlebnis, das Sie mit einer Pflanze hatten? Oder kommen Sie aus einer Gärtnerfamilie?

 

Dr. Angela Kallhoff: Nein! So ein Schlüsselerlebnis gab es nicht. Es gab für mich immer die Beschäftigung mit Pflanzen. Ich fand das als Kind schon wahnsinnig interessant, was man mit Pflanzen machen kann. Also mit dem Pinselchen, wechselseitig bestäuben und dann wachsen die Früchte, dann kann man die Samen rausnehmen und schauen wie neue Pflanzen entstehen. Das ist mein persönlicher Hintergrund. Eigentlicher Antrieb für eine Pflanzenethik war das philosophische Programm. Wir haben in der angewandten Ethik seit etwa 10, 20 Jahren sehr viele Themen der so genannten Bereichsethiken. Die Tierethik, beispielsweise, ist sehr weit fortgeschritten. Aber mit der Pflanzenethik hatte sich so recht noch keiner befasst. Und dann hatte ich das große Glück, zu meiner Promotion in einem Zentrum für Umweltforschung arbeiten zu können und dort gab es viele Botaniker. Und da sind wir ins Gespräch gekommen über den Begriff des ›Gedeihens‹, der damals in der Ethik sehr wichtig war. Und dann habe ich angefangen zu überlegen, ob man nicht auch eine Ethik für Pflanzen erarbeiten könnte. Welche Grundlagen könnte das haben? Welche Themen könnten das sein? Also, es gibt kein einzelnes Schlüsselerlebnis, sondern es ist eher eine biografische Fügung, die aber mit sehr viel Interesse an Pflanzen verbunden ist.

 

Tobias Rausch: Haben Sie denn persönlich eine Beziehung zu Pflanzen? Haben Sie zu Hause Pflanzen, die Ihnen wichtig sind?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ja, ich habe Pflanzen. Ich hatte mal sehr viel mehr. Jetzt habe ich eine Palme in meiner Küche. Die kümmert im Moment leider etwas. Die steht falsch! Ich habe auch sehr gerne Pflanzen auf dem Tisch, in Form von Blumensträußen. Darüber können wir ja gleich diskutieren, ob das überhaupt ethisch vertretbar ist. Es sieht auf jeden Fall sehr schön aus. Und wenn ich mich entspannen will, gehe ich gern in den Wald und in die Natur. Ich finde das viel erholsamer und stressfreier, als wenn ich zum Beispiel in den Zoo gehe und mir Tiere anschaue. Pflanzen haben etwas sehr Ruhiges, sehr Ausgeglichenes, Harmonisches. Können sie zumindest haben.

 

Tobias Rausch: Ist denn diese ethische Beschäftigung mit Pflanzen, Sie sprachen vom Begriff des ›Gedeihens‹, ein Thema, das in den letzten Jahren wichtiger geworden ist?

 

Dr. Angela Kallhoff: Das Gedeihen ist in der Philosophie zunächst vor allem als ›menschliches Gedeihen‹ besprochen worden. Und das ist in der Tat sehr wichtig geworden. Weil wir erkannt haben, dass die philosophischen Modelle, mit denen wir an den Menschen herangehen, sehr wunschlastig sind, sehr interessenslastig. Es geht immer um das subjektive Glück und Wohlempfinden. Und da kann die Idee des ›Gedeihens‹ einen Gegenpol darstellen, weil das ›Gedeihen‹ ein Phasenmodell ist. Wir stellen uns den Menschen da als eine Person vor, die sich über verschiedene Phasen ihres Lebens entwickelt und am Ende auch eine Phase des Niedergangs – decline sagt man im Englischen – erlebt, die also irgendwann auch sterben muss. Das ist insofern ein ganzheitlicheres Modell, als wir das bisher in der Philosophie gewöhnt waren. Das ist sicherlich das Interessante daran.

 

Tobias Rausch: Mit dem Begriff des ›Gedeihens‹ werden wir uns gleich noch ein bisschen beschäftigen, weil das ja auch ein Zentralbegriff in Ihrem Buch geworden ist. Wir haben ja spätestens seit den 80er Jahren eine massive Diskussion über Umweltprobleme. Spielt das bei der Wahl  einer solchen Thematik auch eine Rolle? Oder ist das nur Zufall, dass Sie sich gleichzeitig anfingen damit zu beschäftigen?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ich denke, das hat unmittelbar dahin geführt. Und nicht nur bei mir. Wenn man sich die Geschichte der Umweltethik anguckt, dann waren das erst sehr allgemeine Themen. Wie können wir die Folgen der Zivilisation in den Griff bekommen? Wie können wir mit den Technikfolgen umgehen? Und dann hat sich das Sukzessive in Spezialdisziplinen hineindifferenziert. Die Pflanzenethik ist in vielerlei Hinsicht ganz wichtig. Einmal mit Rücksicht auf das, was wir technologisch mit Pflanzen machen können. Sie haben vielleicht die Diskussion über den Genmais verfolgt. Es gibt Experimente, bei denen man versucht, Pflanzen dazu zu bringen, gezielt medizinische Stoffe herzustellen, also da sind einfach sehr viele, neue Möglichkeiten. Und da braucht man die Pflanzenethik, um zu schauen, welches ethischem Urteil man da fällen kann. Das andere ist einfach die Erkenntnis, dass es für die ganz großen Themen, also zum Beispiel Klimawandel, ökologische Ungleichgewichte, sehr wichtig ist, zu schauen, wie Pflanzen in die ›Kette des Seins‹ hinein gehören. Sie kennen vermutlich die Debatten um den brasilianischen Urwald. Da geht es eben nicht nur um Ökosysteme, sondern auch ganz speziell um die Frage, wie die Lebensbedingungen sein sollten, damit Pflanzen sich überhaupt in ihrer je spezifischen Lebensform entwickeln können. Insofern würde ich sagen, die Pflanzenethik ist einerseits so eine Spezialdisziplin und andererseits ist sie nötig, um die ganz großen Themen, die uns heute beschäftigen, tatsächlich aufarbeiten zu können.

 

Tobias Rausch: Wenn es eine Pflanzenethik gibt, dann brauche ich, als derjenige, der die Frage beantworten soll, was das moralische korrekte Verhalten gegenüber von Pflanzen ist, ja einen Maßstab dafür, was der Pflanze gut tut und was ihr nicht gut tut. Also was ein gutes Verhalten ihr gegenüber ist, und was nicht. Was ist dieser Maßstab? Wo gewinnt man ihn? Kann man das einfach so aus dem Alltag nehmen: Die Pflanze sieht doch ganz gut aus, das scheint ihr gut zu tun? Wie gewinne ich das?

 

Dr. Angela Kallhoff: Das ist genau das Problem. Auf Grund dieser Problematik hat es eine Pflanzenethik auch schwerer als eine Tierethik. In der Tierethik geht man davon aus, dass Tiere Leid empfinden können – Leid zuzufügen ist etwas moralisch Schlechtes, und damit habe ich schon ein Fundament. Bei Pflanzen hat man erstmal das Gefühl, es gibt überhaupt keinen ethischen Angriffspunkt, wo man sagen könnte, ich schädige oder fördere eine Pflanze. Aber wenn man in die botanische Forschung schaut, dann sieht man, dass es schon Beschreibungen des pflanzlichen Lebens gibt, in denen sehr genau unterschieden wird zwischen dem guten Leben einer Pflanze und dem ›Kümmerwuchs‹ oder der Krankheit beispielsweise. Die Pflanze selbst, und das ist interessant, strebt ein gutes Leben durchaus an. Sie möchte gedeihen. Das ist ein übergreifendes Konzept. Wenn man sich vorstellt, was eine Pflanze eigentlich tut, und weiter fragt, warum sie es tut, dann kommt man zu der Erkenntnis, dass jede Pflanze sich entwickeln will, durch ihre verschiedenen Lebensphasen hindurch. Bei höheren Pflanzen unterscheidet man die Juvenile-Phase und die Adult-Phase. Und metaphorisch gesprochen will eine Kiefer anders wachsen, als eine Birke. Jede Pflanze hat ein inneres Programm, das darauf zielt, den Lebenszyklus mit den speziellen Arteigenschaften vollständig zu vollziehen. In der Hinsicht ist die Pflanze also aktiv. Und wenn wir das Konzept des ›Gedeihens‹ botanisch erklären – das kann man, zum Beispiel, mit Methoden der modernen Pflanzenstress-Forschung tun – dann, können wir klar sagen: Hier schädigen wir die Pflanze, wir beeinträchtigen sie in ihrem Gedeihen. Oder wir respektieren das Gedeihen, schaffen Lebensumstände, in denen die Pflanze gedeihen kann, und respektieren diese.

 

Tobias Rausch: Sie haben eben schon angedeutet – metaphorisch gesprochen – die Pflanze will etwas. Wie findet man das heraus, was die Pflanze will? Muss man die Genetik fragen und sagen, was ist das genetische Programm? Oder wie macht man das?

 

Dr. Angela Kallhoff: Es gibt da verschiedene Herangehensweisen. Das Wichtigste ist, dass man das wirklich als Forscher tut. Wir haben ja so eine Perspektive auf die Pflanzen, bei der wir sie von außen sehen, und dabei bekommen wir von dem, was bei der Pflanze passiert, nicht viel mit. Sie ist sehr langsam, sie ist sehr leise, sie braucht sehr lange für ihre Prozesse. Und dann gibt es den botanischen Forscher, der schaut hinein, der guckt was für Prozesse in der Pflanze ablaufen. Und wenn man dann untersucht, wie die Pflanze auf diesem Niveau reagiert, dann bekommt man ein anderes Bild. Wenn sie zum Beispiel durch einen Parasiten angegriffen wird – und wer Rosen hat, kennt das – wenn also, zum Beispiel, ein Pilz das Pflanzenblatt besiedelt, dann reagiert die Pflanze. Sie will also etwas. In der Botanik sagt man: Sie hat eine Strategie damit umzugehen. Und ob sie diese Strategie hat oder nicht, das liegt natürlich in ihrem genetischen Programm. Da ist sie nicht frei. Aber Abrufen kann sie das Programm. Sie bekämpft den Pilz mit allen ihr möglichen Mitteln. Eine Pflanze kann ihn einkapseln – man sieht dann diese Mikrosen, diese braunen Flecken auf dem Blatt. Sie kann Antibiotika produzieren und den Pilz abtöten. Und all das passiert als Strategie, um diesen vermeintlichen Feind / Schädling unschädlich zu machen. Das ist ein aktives Reagieren. Im Konzept des ›Gedeihens‹ gedacht, passieren all so Dinge, damit die Pflanze ihren Lebenszyklus fortsetzen kann, damit sie weiter bei ihrem Großprogramm bleibt. Das kann man verstehen lernen, wenn man in die botanische Forschung hineinschaut. Da gibt es inzwischen sehr gute Methoden – nicht nur eine Analyse des Genoms, sondern auch genaue Untersuchungen der biochemischen Prozesse: Wie reagiert die Pflanze systemisch unter verschiedenen Bedingungen?

 

Tobias Rausch: Gibt es denn überhaupt eine Situation, in der das Gedeihen optimal realisiert ist oder ist nicht jede Situation, in die eine Pflanze kommt, schon von begrenzenden Faktoren definiert?

 

Dr. Angela Kallhoff: Genau das ist das Tückische. Pflanzen, sagt man, sind offene Organismen. Das bedeutet, sie haben eine riesige Oberfläche. Sie sind ständig mit unglaublich vielen Umweltfaktoren konfrontiert. Und insofern stehen sie ständig unter Stress oder unter potentiellem Stress. Man kann Stress als einen Faktor definieren, der tatsächlich eine potentielle Schädigung ist. Es sind aber nicht alle Umweltfaktoren, die nicht direkt zur Pflanze passen, Stressoren. Aber es ist völlig richtig, zu fragen, wo ich die Grenze ziehe. Die Botaniker sagen auch, eine gewisse Form von Stress – zum Beispiel, ein Wind, der immer wieder drübergeht – stärkt die Pflanze. Sie reagiert darauf, versucht eine Strategie zu entwickeln, damit umzugehen und bekommt einen starken Stamm. Man muss deshalb ein Kriterium finden, um zwischen dem Umweltfaktor, der zum Programm der Pflanze passt, und dem der nicht passt, der sie tatsächlich schädigt, auf den sie nicht reagieren kann, zu unterscheiden. Natürlicherweise unterscheidet die Pflanze selbst. Pflanzen wachsen an Standorten, an die sie angepasst sind. Wenn wir eine Eiche auf einem Berggipfel pflanzen, wird sie nicht existieren können, weil zu viele Faktoren da sind, mit denen sie in dieser Form nicht umgehen kann: Starker Wind oder zu wenig Mineralien im Erdreich und so weiter.

 

Tobias Rausch: Sie haben jetzt gerade gesagt, Stress sei potentielle Schädigung. Wo ist denn genau die Grenze zu ziehen zwischen Stress und Schädigung? Also wann geht Stress in Schädigung über?

 

Dr. Angela Kallhoff: Die Frage ist tatsächlich, ob die Pflanze reagieren kann. Ob sie den Stress handhaben und ihre Ressourcen umstellen kann,  um, zum Beispiel, einen Pilz zu bekämpfen. Dann wächst sie eben nicht so viel, sondern reagiert darauf. Oder sie kann unter Hitzestress ihre Atmung einschränken, ihre Atmungsorgane schließen und vorübergehend darauf verzichten, sich weiterzuentwickeln. Auf Stress, der schädigend ist, kann sie nicht mehr in adäquater Weise reagieren und der führt dann zu einer Pflanzenkrankheit. Oder, im Extremfall, zum Absterben.

 

Tobias Rausch: Man muss also, das klingt hier schon sehr deutlich an, botanisch sehr informiert sein, wenn man über Ethik der Pflanze schreibt.

Ist das Vorrausetzung, dass man sich wissenschaftlich erst auf den Sachstand bringt, bevor man dann philosophieren kann?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ich würde sagen Ja. Ich würde sagen, dass die Vernachlässigung der Pflanzenethik in der Ethik allgemein auch daher rührt, dass uns Pflanzen relativ fremd sind. Was in der Tierethik möglich ist – mit Intuition arbeiten, mit Ideen von Schmerzempfinden und so weiter – da kommt man bei Pflanzen nicht wirklich voran. Man muss erst einmal verstehen, wie Pflanzen funktionieren und erst dann – und darüber haben wir noch gar nicht gesprochen – stellt sich die Frage, wie ich in die moralischen Kategorien komme.

 

Tobias Rausch: Was ich sehr interessant finde am Konzept des ›Gedeihens‹ ist, dass das sehr aktiv klingt. Die Pflanze tut etwas, sie reagiert auf Stressoren, sie schafft sich eigentlich eine Umwelt selbst. Könnte man das so sagen oder ist das zu stark formuliert?

 

Dr. Angela Kallhoff: Man sagt bei Pflanzen, dass sie sich anpassen.  Aber sie haben eben eine beschränkte Anpassungsfähigkeit und die ist schon festgelegt. Also, sie haben ein genetisches Programm und das erlaubt Strategien abzurufen. Insofern ist da schon eine große Diskrepanz zwischen dem, was eine Pflanze macht und dem, was zum Beispiel auch ein Tier macht. Intentionale Prozesse, also in Ausrichtung auf etwas, auf ein Ziel, das sie erreichen will, hat die Pflanze in der Form nicht. Sondern sie moduliert ihr Verhalten so, dass sie für sich die Möglichkeit zu Gedeihen optimiert.

 

Tobias Rausch: Traditionell beschreiben wir Pflanzen als passive Wesen, die etwas erleiden, die keine Entscheidungen treffen können. Aber wie Sie jetzt ›Gedeihen‹ beschreiben, klingt das doch aktiv. Gibt es da einen Wandel in der Wahrnehmung von Pflanzen?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ich glaube, die botanische Forschung hat das schon länger so erkannt. Pflanzenforschung ist natürlich ein Spezialgebiet und ist, vernünftigerweise, sehr stark besetzt von menschlichen Interessen. Wenn man sich die Pflanzenforschung anschaut, dann ist das vor allem Forschung an höheren Landpflanzen, wie Gerste, Weizen, Apfelbäume – all die Pflanzen, die wir als Nutzpflanzen bezeichnen. Das vornehmliche Interesse in diesem Spezialgebiet war es, Pflanzenkrankheiten zu erkennen und auszumerzen. Und die Perspektive, die wir uns heute erlauben, ist zwar einerseits auch noch am Nutzen orientiert, andererseits erkennen wir jetzt aber, dass Pflanzen ein ganz wichtiges Element unseres Lebens auf dem Globus sind. Und ohne sie zu verstehen, können wir auch die großen Probleme wie den Klimawandel oder den Schutz großer Waldgebiete nicht angehen. Insofern würde ich sagen Ja, es gibt einen Wandel in der Wahrnehmung. Aber ich bin mir nicht sicher, inwieweit das ins öffentliche Bewusstsein dringt oder ob das nur so eine Spezialperspektive ist.

 

Tobias Rausch: Wer gedeiht denn überhaupt? Sprechen wir hier über Individuen? Sprechen wir über die einzelne Tomatenpflanze oder sprechen wir über die Art? Ich denke jetzt an einjährige Pflanzen, die nach einem Jahr schon wieder weg sind, gestorben, und dann geht’s eigentlich nur um die Nachkommen.

 

Dr. Angela Kallhoff: Wir sprechen eindeutig über Individuen. Das macht es erstmal ein bisschen kontraintuitiv und man sagt, bei der Schutzidee muss man doch eigentlich über Arten reden oder über ökologische Systeme. Aber wenn man sich genau anschaut, was das Gedeihen des Individuums eigentlich heißt, dann kommt man natürlich auch sehr schnell auf diese größeren Zusammenhänge. Der Vorteil, beim Gedeihen des Individuums anzugreifen, ist, dass man sehr präzise Kategorien bekommt. Sie können dann je nach Pflanzenart, nach Standort festlegen, was tatsächlich eine Schädigung ist, was die Pflanze nicht verträgt. Es gibt zum Beispiel Versuche, Pflanzen zu düngen, die zu Vergiftungserscheinungen führen und dann stirbt die Pflanze ab. Das ist der Vorteil, dass man ein sehr klar umrissenes Objekt hat, dass man einen sehr klar umrissenen Kriterienkatalog hat. Und Arten sind überhaupt Kategorien, die sehr in der Diskussion stehen: Ist das eine willkürliche Einteilung? Es gibt bei Pflanzenarten ausfransende Ränder, es gibt sehr viele Hybridformen. Man kann also gar nicht so ganz klar sagen, was eine Art ist. Und die andere Kategorie, das ökologische System hat ganz stark mit Populationen zu tun. Und auch da haben Sie sehr viel Offenheit, sehr viele Kriterien, die Sie berücksichtigen müssen. Zum Beispiel der Satz, eine besonders hohe Artendichte führe zu besonders hoher Stabilität des Systems. Das stimmt so nicht. Die Ökologen lehren uns, dass gerade in Regionen, wo es eine sehr hohe Artendichte gibt, zum Beispiel in den Tropen, es auch eine hohe Konkurrenz um Ressourcen gibt und damit sehr fragile Ökosysteme. Insofern ist die individuelle Pflanze ein guter Ansatzpunkt, der sich auch gut mit anderen Kategorien verknüpfen lässt. Also, langer Rede kurzer Sinn: Die einzelne Pflanze gedeiht.

 

Tobias Rausch: Inwiefern, glauben Sie, ist unsere Wahrnehmung der Pflanzen schon immer durch diese anthropozentrische Weltsicht bestimmt? Wir teilen die Pflanzen ein, in die schönen, die uns gefallen, die Zierpflanzen; in die nützlichen, die wir verzehren können, oder aus denen wir Rohstoffe gewinnen können. Vielleicht sollten wir als dritte Kategorie noch das Unkraut benennen, also der ganze große Rest, der uns nichts nützt. Inwiefern nehmen wir die Pflanzen immer in diesem Raster wahr?

 

Dr. Angela Kallhoff: In gewisser Weise, sagt die Philosophie, geht das gar nicht anders. Wir unterscheiden ja einen epistemischen und einen moralischen Anthropozentrismus – epistemisch von der Erkenntnislehre herkommend – und eine Erkenntnis gerade in der Beschäftigung der angewandten Ethik ist, dass Menschen immer aus ihrer Perspektive an die Dinge heran gehen, dass sie ihre Begriffe verwenden, ihre Fragen aufwerfen und eben auch ihre Einteilungen vornehmen. Bernard Williams, das ist ein sehr bekannter englischer Philosoph, der bis vor einigen Jahren wichtige Bücher geschrieben hat, hat mal gesagt, es spiele keine Rolle, wessen Fragen das sind, sondern Menschen fragen, weil Menschen moralische Orientierung suchen. Entscheidend sei, gerade in der angewandten Ethik, wessen Interessen in den Antworten eine Rolle spielen. Der Interessen-Begriff ist da zwar etwas problematisch, aber die Unterscheidung, die man einführen kann, ist die, ob in der Beantwortung der Frage, was wir tun dürfen oder wie wir die Welt einteilen dürfen, wirklich n u runsere Interessen eine Rolle spielen, oder ob da nicht auch Kriterien des guten Lebens anderer Lebensformen eine Rolle spielen sollten. Und dann kann man, um das weiterzudenken, so eine Skala aufmachen: Auf der einen Seite dieser Skala steht dann nicht mehr ein Anthropozentrismus sondern eine reine Nutzperspektive, eine ressourcenorientierte Perspektive, und von da aus können wir uns auf der Skala in einer Pflanzenethik sukzessive wegbewegen. Und der erste Schritt, davon wegzukommen, wäre zu fragen, ob wir nicht ästhetische Kategorien haben, die es uns ermöglichen, Pflanzen in einem ganz anderen Panorama zu sehen. Weg von der Nutzperspektive. Genießen wir nicht den Wald? Und es gibt sehr viele Ethiker, die Ästhetiken geschrieben haben, weil sie gefragt haben: was ist das besondere an diesem ästhetischem Genuss? Und dann können wir noch einen Schritt weitergehen und fragen: Ist es denn nicht so, dass moralisch relevant auch ist, dass die Pflanze in ihrem Leben etwas intendiert? Und dann kann ich zum Beispiel ein Biozentriker sein, der sagt, dass Menschen Leben wollen und in ihrem Leben so was wie ihr eigenes Wohl verfolgen, was eine moralische Bedeutung hat. Das erlaubt nicht den Schluss, zu sagen, wir dürften mit Pflanzen bestimmte Dinge nicht machen, sondern wir sind dann auf der Ebene der Frage: Was ist überhaupt etwas, was wir in die moralische Perspektive hineinholen können? Und da gibt es eben verschiedene Grade.

 

Tobias Rausch: Vielleicht können Sie nochmal erläutern: biozentrische Perspektive. Was ist denn das Biozentrische daran?

 

Dr. Angela Kallhoff: Der Biozentriker sagt, dass wir in einer Moral, die sehr auf Menschen konzentriert ist, die Perspektive auf das Leben – bios: das Leben – aus dem Blick verloren haben. Und was uns moralisch interessieren sollte, sind weniger (konfligierende) Interessen zwischen Menschen oder Moralität, im Sinne von allgemeinen Geboten dessen, was wir für Rücksichten einander schulden; sondern was eigentlich zählt, ist, dass es Wesen gibt, die Leben haben. Und in diesem Leben versuchen sie ihr Lebensziel zu verwirklichen: ihr gutes Leben. Und das tut jede Seinsweise auf ihre Art und Weise. Und Pflanzen gehören eben auch darein. Ein wichtiger Vorfahre dieser Sicht ist Albert Schweitzer. In seiner Kulturphilosophie hat er in gewisser Weise eine biozentrische Position vertreten und hat gesagt: ein moralischer Mensch kann nicht hergehen und einfach ein Blatt von einem Baum reißen. Sondern er weiß, dass es diesem Wesen um sein Leben geht, und er weiß das zu respektieren. Das Problem mit biozentrischen Positionen ist einmal, dass man sie runterschrauben muss, umrechnen muss und sehr viele andere Kategorien mit ins Spiel bringen muss, um daraus eine vernünftige Ethik zu bauen. Und das andere ist tatsächlich, dass die Frage »Ist es nur das Leben?« auch von Ethikern gestellt wird. Also sind es nicht vielmehr auch ursprüngliche Formationen, die uns interessieren müssten? Also Formationen der Landschaft sind auch etwas Einzigartiges. An diesem Beispiel erkennt man, dass sehr viele sehr unterschiedliche Kategorien ins Spiel kommen. Wenn man einmal den Anker gefunden hat, an dem man eine Ethik aufhängt, zum Beispiel eben das Leben, dann gibt es noch einen ganz weiten Weg, bis man zu einer praktikablen und auch vernünftigen Form der Menschen-Ethik kommt.

 

Tobias Rausch: Also spielen tatsächlich ästhetische Kriterien eine Rolle? Ganz naiv gefragt: ist der schöne Rosenstrauch schützenswerter als die Brennnessel am Gullideckel?

 

Dr. Angela Kallhoff: Was man in der Ethik versucht, ist, die Vielzahl der unterschiedlichen Kriterien zu bedenken. Und ästhetische Kriterien können wichtig sein, und zwar nicht nur im Sinne von »der Mensch empfindet das als schön«. Ethiker haben versucht, das weiterzudenken. Eine bestimmte Landschaft, in der auch schöne Wesen vorkommen, ist Teil der Heimat des Menschen. Und auch Heimat ist eine Kategorie, die uns ethisch interessieren sollte. Oder ein anderes Argument: Das, was wir gerade bei Pflanzen als schön erleben, ist, dass sie selbst tätig sind, dass sie sich spontan entfalten. Und das entlastet uns davon, unsere gesamte Umwelt selbst zu gestalten. All diese Argumente sind wichtig. Zu schauen, für welche Art von Bewertung welche Kategorie relevant ist, ist die Aufgabe der Pflanzenethik.

 

Tobias Rausch: Im Garten meiner Eltern steht eine ganz alte Buche. Und es gibt noch einen anderen Baum – ich weiß gar nicht, wie der botanisch korrekt heißt; wir haben ihn immer Essigbaum genannt. Der entwickelt jedes Jahr ganz viele neue Triebe, die kommen da aus dem Boden hochgeschossen. Und das muss dann immer wieder entfernt werden, weil sonst ganz schnell der Garten zuwachsen würde. Und wenn man jetzt die Entscheidung fällen soll, welchen Baum von beiden wollen wir fällen, würde man, glaube ich, immer sagen, dieser Essigbaum und nicht die alte Buche. Warum?

 

Dr. Angela Kallhoff: Das hat auch damit zu tun, in welcher Art Landschaft Sie sich befinden. Also, wenn Sie in einer anderen Region unterwegs wären, zum Beispiel in einem Nationalpark in den USA, und da würden diese beiden Bäume stehen und wären natürliches Vorkommnis, dann wäre es vermutlich so, dass man die Pflanzen in ihrem Konkurrenzkampf belassen würde. In Ihrem Garten ist es anders.

Die Pflanzenethik kann auch helfen, grundlegende Unterscheidungen von Bereichen der Natur einzuführen. Das ist zwar schwer zu legitimieren, aber ich habe das versucht. Also einmal die ›Nutznatur‹, dann die ›kultivierte Natur‹ – da gehört Ihr Garten dazu, viele Kulturlandschaften, Parks gehören dazu, Nationalparks eben nicht, würde ich sagen – und die ›wilde Natur‹. Die Kategorien sind nicht selbst-rechtfertigend, aber man kann sie dazu nutzen, Kriterien der Pflanzenethik auf bestimmte Problembereiche zuzuschneiden. Und wenn Sie jetzt von Ihrem Garten sprechen, würde ich sagen, dann schauen wir doch erst einmal, was in der ›kultivierten Natur‹ angemessen und geboten ist. Da würde man sagen: Ja, das ist eine Region, in der Menschen Natur zu Gunsten ihrer ästhetischen Interessen zurichten. Dürfen sie das zum Beispiel auch unter der Verletzung des Gedeihens einzelner Individuen? Dann würde ich sagen: Ja, Ihr Wertesystem ist da so beschaffen. Wenn Sie aber sagen: Nein, das ästhetische Interesse darf nicht so ein Gewicht haben, dann müssten Sie eigentlich Ihren Essigbaum machen lassen und bewegen sich mit Ihrem Garten in Richtung ›wilde Natur‹.

 

Tobias Rausch: Gibt es denn – das höre ich gerade so ein bisschen raus, korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – gibt es denn Pflanzen, die gewissermaßen ein angestammteres Recht haben, in einer bestimmten Region mehr zu wachsen als andere? Sie haben jetzt Nordamerika erwähnt. Gibt es Eindringlinge, die da nicht hingehören?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ja, es gibt überhaupt erstmal dieses Problem, dass Pflanzen sehr stark standortgebunden leben. Pflanzen können ja nicht weg. Und Pflanzen sind sehr stark angepasst. Und wenn man bestimmte Lebensräume jetzt für etwas anderes nutzt, dann kann es passieren, dass man sehr viele Pflanzenarten ausrottet, weil die immer sehr stark angepasst sind. Und deshalb würde ich sagen Ja, es gibt das Recht der Pflanze auf einen angestammten Lebensraum. Und wenn wir anfangen, das in einem Maße zu beschneiden, dass zum Beispiel Arten aussterben, dann müssen wir darüber ethisch diskutieren, ob das gerechtfertigt ist.

 

Tobias Rausch: Wir haben ja heute morgen auch Gärtner oder ehemalige Gärtner hier im Publikum. Hat denn der Mensch für Pflanzen, die er selbst gezüchtet hat, eine höhere Verantwortung, als für Wildpflanzen? Also man kann ja sagen, die Wildpflanzen wachsen schon irgendwie von selbst, und wir haben jetzt aber die gezüchtet oder hier wachsen lassen, da habe ich auch eine Verantwortung, die weiter geht?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ja, es gibt diese These, dass man sagt »in der ›wilden Natur‹ tun wir uns am Besten mit einer Nichteingriffsregel«. Je nachdem, wie die ›wilde Natur‹ beschaffen ist; es ist klar: alles ist schon anthropozentrisch überformt und über die Klimaströme und so weiter sind Menschen längst eingedrungen in den Lebensraum von Pflanzen. Trotzdem: »Besser nicht eingreifen« heißt hier das ethische Gebot. Wenn ich gezielt Pflanzen kultiviere, dann mache ich das sicher nach ästhetischen Maßgaben. Aber auch da kann man darauf achten, das Gedeihen der Pflanze nicht willentlich zu verletzen. Also, es gibt Zuchtformen, zum Beispiel Zuckerrüben, die werden so gezüchtet, dass sie nur noch dafür da sind, ein möglichst großes Maß an Zucker zu produzieren. Auch da ist es so: Die leidet nicht, die Zuckerrübe. Aber es ist auch nicht das, was ihrem Gedeihen entspricht. Wenn ich es mit Zuckerrüben schaffe, den Welthunger zu bekämpfen, dann spielt natürlich wieder ein anderes ethisches Kriterium hinein; wir haben es immer mit sehr komplizierten Sachverhalten zu tun. Aber grundsätzlich: Ja, ich habe auch im Bereich der ›kultivierten Natur‹ die Verantwortung, mich nach den Gedeihensmaßstäben der Pflanze zu richten.

 

Tobias Rausch: Sie haben auch zum ›Terminator-Gen‹ gearbeitet. Können Sie erklären, was das ist? Ich glaube, das passt in den Zusammenhang.

 

Dr. Angela Kallhoff: Es ist schwierig, das genau zu beschreiben. Im Grunde geht es darum: Wir haben inzwischen sehr viel gentechnisch verändertes Saatgut und dieses Saatgut könnte sich selber fortpflanzen, normalerweise. Und nun hat ein großer amerikanischer Konzern erkannt: »Das können wir ja verhindern, indem wir der Pflanze ein Gen einbauen, das bewirkt, dass der Samen sich beim Auskeimen selber vernichtet.« Also eine bewusste Form von Produktion von Giften, die selbsttötend sind. Das ist das ›Terminator-Gen‹. In der Wirklichkeit ist das alles etwas komplizierter. Man muss das Saatgut mit Antibiotika selbst wieder behandeln, damit das Gen überhaupt anspringt und so weiter. Die Idee ist, die Generationenfolge von Pflanzen, die gentechnisch verändert sind, systematisch zu beenden oder abzuschließen. Und das Interesse des Konzerns hinter dieser Praxis ist klar: Er kann das gentechnisch veränderte Saatgut jeweils neu verkaufen und damit die Bauern zwingen, die Patente und Lizenzen einzukaufen. Das kann man ethisch aus ganz unterschiedlicher Perspektive bewerten: Man kann das einerseits aus dem Gerechtigkeitsproblem heraus bewerten, man kann es andererseits aus der Perspektive des Nutzens gentechnisch veränderter Wesen in der Landwirtschaft bewerten. Und dann gibt es aber auch noch die Ethik des Gedeihens der Pflanze. Wenn man diese Ethik zur Hand hat, kann man sich sehr viele Umwege der Argumentation sparen. Dann kann man einfach sagen, dass so etwas nicht gerechtfertigt ist, da es das ist ein so extrinsischer Eingriff in den Lebenszyklus der Pflanze ist; ein Eingriff, der ihr Gedeihen verhindert – und allein deshalb ist das ethisch verwerflich.

 

Tobias Rausch: Sie haben ja gesagt, die Pflanze muss die Möglichkeit haben, ihren Lebenszyklus zu vollziehen. Wenn ich den Begriff des ›Gedeihens‹ richtig verstehe – was ist dann mit Rasenmähen? Die Gräser blühen nie und werden auch nie Früchte bilden...

 

 

Dr. Angela Kallhoff: Ja, wenn Sie das Kriterium des Gedeihens anlegen, ist das eine Schädigung. Aber auch da würde ich empfehlen, es in den größeren Kontext zu stellen. Was sind die Kriterien der Bewertung? Sie haben vorhin ästhetische Kategorien, Kategorien der Besonderheit eingeführt und so weiter; und da kann man gerechtfertigterweise Unterscheidungen einziehen. Also, man kann unterscheiden zwischen dem, was Sie mit einem Nutzrasen machen dürfen, und dem, was Sie zum Beispiel mit Ihrer Buche machen. Da sind durchaus Unterscheidungen möglich.

 

Tobias Rausch: Sie haben vorhin schon athropozentrische Strategien und geozentrische Strategien unterschieden – gibt es weitere Strategien, mit denen man begründen kann, dass Pflanzen ein moralischer Status zuzuordnen ist?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ja, als ein weiteres wichtiges Programm gibt es den Physiozentrismus, auch ›Holismus‹ genannt. Das ist eine Sparte in der ökologischen Ethik vor allem, die sagt, dass alles, was ursprünglich geworden und nicht menschengemacht ist, also in so einem Sinne ›natürlich‹ ist, einen moralischen Status hat. Und wir begegnen im Grunde als Menschen einer Welt, die nicht nur schon Strukturen mit auf den Weg bekommen hat, natürliche Strukturen – sondern diese Strukturen sind auch wertvoll. Bei der Position ist es sehr schwierig, Unterscheidungen festzulegen. Also wenn Sie sagen, alles hat irgendwie einen Wert, dann kommen Sie schnell da an, dass nichts wirklich von Wert ist. Deshalb ist das für die Pflanzenethik sehr problematisch. Den Biozentrikern ist auch immer wieder ein ganz einfaches Argument entgegengehalten worden: Menschen leben von Pflanzen. Und anders als von Tieren sind Menschen auf den Verzehr von Pflanzen tatsächlich angewiesen, weil Pflanzen notwendiges Element der Nahrungskette sind. Also, ohne dass Sie pflanzliche Stoffe zu sich nehmen, können Sie nicht existieren. Das ist das Problem beim Biozentrismus. Ich habe das Konzept des Gedeihens vorgeschlagen, weil man damit klar sagen kann: Das schädigt eine Pflanze und das ist ihr förderlich. Das lässt sich auch auf größere ökologische Zusammenhänge oder auf die Artenfolgen weiterdenken. Und wenn man akzeptiert, dass es etwas gibt, das erlaubt, moralische Unterscheidungen einzuführen, dann kann man eben sehen, was das in der konkreten Ethik bedeutet. Das Konzept des Gedeihens ist eine Perspektive, die man in allen möglichen Diskursen mit berücksichtigen sollte. Sie ist aber kein moralisches Totschlag-Argument, sondern findet auf einer Ebene der Diskussion statt: Gibt es etwas, das ich da moralisch berücksichtigen sollte oder kann? Und wenn ich das geklärt habe, kann ich konkrete ethische Fragen diskutieren. Und auch da gibt es natürlich Unterschiede. Es gibt Generalisten in der Ethik – die werden sie immer wieder finden –, die sagen, ich habe eine Kategorie, mit der marschiere ich durch das moralische Universum! In gewisser Weise ist in der zwischenmenschlichen Moral die Idee der Pflicht etwas, mit der man das machen kann. Und dann gibt es die angewandte Ethik, in der wir gelernt haben, so eine Art Patchwork zu benutzen. Da gibt es nicht die eine Kategorie und mit der trete ich an den Fall heran. Sondern umgekehrt: Ich schaue mir erstmal den konkreten Fall an und frage von da aus, welche Kategorien hier überhaupt greifen können. Da müssen wir jeweils fallbezogen ein neues Szenario aufmachen. Und für Pflanzenethik hilft das Konzept des Gedeihens, dieses fallspezifische Szenario abzurunden. Also auch in Betracht zu ziehen, wie Pflanzen sind und was sie in ihrem Leben entwickeln wollen.

Tobias Rausch: »Fallbewertungsszenario entwickeln«, das klingt alles schon sehr komplex. Aber wie ist das im Alltag? Ich könnte ja sagen, eine moralische Verpflichtung zu meinem Gegenüber empfinde ich vielleicht einfach direkt. Wie ist das gegenüber der Pflanze? Also, wie komme ich zu moralischen Bewertungen als ganz normaler Bürger? Muss ich mich sozusagen philosophisch informieren und darüber nachdenken? Oder gibt es einen direkten Zugriff, was mir erlaubt ist und was nicht?

 

Dr. Angela Kallhoff: Einen direkten Zugriff gibt es, glaube ich, nicht. Es bedarf dieser ethischen Arbeit. Das muss ich natürlich auch sagen als Ethikerin, sonst wäre ich ja überflüssig. Was geleistet werden kann, ist  anzuknüpfen an die ethischen Intuitionen, die noch da sind. Und auch da ist meiner Meinung nach das Gedeihen der Pflanze ein guter Ansatzpunkt.

Wenn Sie Pflanzen aus Ihrem Garten, aus der ›schönen Natur‹ vor Augen haben, Ihre Buche zum Beispiel, dann wirkt da vermutlich schon so etwas wie eine moralische Intuition. Sie würden dieser Pflanze nicht einfach etwas antun. Wir hegen und pflegen diese Pflanzen. Und wenn wir uns in kultivierter Weise mit Pflanzen beschäftigen, dann können wir diese ursprünglichen Intuitionen, die es gibt, wieder heben, lebendig sein lassen und möglicherweise auf andere Bereiche der Natur übertragen.

 

Tobias Rausch: Für wen gelten denn diese ethischen Verpflichtungen? Also natürlich für Menschen, aber kann ein Tier sich auch unmoralisch einer Pflanze gegenüber verhalten? Oder ist das absurd?

 

Dr. Angela Kallhoff: Das ist absurd.

 

Tobias Rausch: Gut. Aber wo sind die moralischen Grenzen? Sie haben Albert Schweitzer angeführt. Aber jede Ameise, die auf dem Boden ist und auf die ich zufälligerweise trete – das kann ich natürlich nicht alles berücksichtigen, das würde mich ja überfordern. Wo kann man da eine Grenze ziehen? Gibt es da eine grundsätzliche Grenze?

 

Dr. Angela Kallhoff: Eine grundsätzliche Grenze gibt es, glaube ich, nicht, weil wir eben immer mit Abwägprozessen in Gesamtkonstellationen zu tun haben. Ich glaube, was geleistet werden kann, ist eine Kultivierung ethischer Gefühle gegenüber Pflanzen und der entsprechenden Regeln des Umgangs. Eine Kultivierung des Respekts gegenüber Pflanzen ganz allgemein, lebensweltlich gesprochen. Und dann natürlich die Spezialdiskurse. Über Gen-Ethik, beispielsweise. Eine Ethik des Gedeihens versucht erst einmal eine Schneise zu schlagen. Da muss ich noch sehr viel drum herum lagern. Die Suche nach allgemeinen Regeln ist zwar ehrenwert, aber ich glaube, das funktioniert in der Pflanzenethik nicht.

 

Tobias Rausch: Wie universell sind Ihre Fragen? Ist das kulturinvariant, gilt das für andere Kulturen anders, als für uns? Ist das historisch geprägt? Was würden Sie sagen?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ich habe ja den Weg über die botanische Forschung gewählt und die ist selbstverständlich international. Die ist mit bestimmten Methoden ausgestattet, und ich bin der Überzeugung, dass diese Methoden auch zu nachprüfbaren Ergebnissen führen. Ähnlich wie die Physik es tut, ähnlich wie es die Medizin auch kann. Insofern würde ich sagen, dass ich da mit einem Erkenntnisschatz arbeiten kann, der international vermittelbar ist. Was dann die kulturelle Umsetzung angeht und den Umgang mit Pflanzen – da gibt es wahnsinnige Unterschiede. Dem nähere ich mich auch gerade erst an. Da stehen wir Westler sehr auf der Seite der Lernenden. Wenn man sich in den fernöstlichen Kulturkreisen und Lebenskreisen umschaut, gibt es da ganz andere Herangehensweisen und Kulturen der Pflege. Ein Beispiel, was vielleicht konterintuitiv wirkt, ist die Kultur der Bonsais in Japan. Ich bin immer wieder gefragt worden: Ist das nicht Pflanzenquälerei? Ich glaube, ich habe vermittelt, dass man da mit anderen Maßstäben arbeiten muss. Natürlich quält es die Pflanze nicht. Und dennoch gibt es sehr unterschiedliche Kulturen des Umgangs mit Pflanzen. Und da, würde ich sagen, gibt es für uns noch sehr viel Nachholbedarf.

 

Tobias Rausch: Sie haben auch katholische Theologie studiert. Inwiefern spielen denn religiöse Vorstellungen über Pflanzen eine Rolle in einer Ethik über Pflanzen?

 

Dr. Angela Kallhoff: Das Religiöse interessiert mich heute nicht mehr so sehr. Was mich interessiert, ist die philosophische Perspektive, die sich gewandelt hat. Es gibt eine sehr schöne Studie von Herrn Ingensiep. Der hat versucht zu zeigen, dass das, was wir heute als Erklärungsform für pflanzliches Leben haben, sehr reduziert ist. Wie Sie sagten, sie werden als passiv dargestellt. Es gibt aber inzwischen Interpretationen der Pflanzenseele, die sehr verschieden sind von dem, was wir heute an rein technischem Verständnis haben – und durchaus nicht irgendwie verquer oder metaphysisch. Und da finde ich diese aristotelische Einsicht, die sich durch die Jahrtausende auch immer wieder tradiert hat, sehr einschlägig: nämlich zu sagen Ja, jedes Individuum hat ein Artprogramm, hat so etwas wie ein inneres tellos. Die Individuen wollen gedeihen. Und für eine Ethik des gedeihlichen Umgangs miteinander oder des Gedeihens, ist so eine Idealvorstellung eigentlich die der größtmöglichen Kohärenz dieser Gedeihensmöglichkeiten. Und wenn man sich dem so annähert und es nicht gleich um Pflichten geht oder Konfliktpotential, dann stellt man fest: Gerade in der Pflanzenethik gibt es ganz viele Überlappungen. Wenn die Pflanze gedeiht, dann profitieren die Menschen. Wir pflücken Äpfel oder können Korn ernten. Insofern ist dieses philosophische Weltbild der überlappenden Gedeihensformen, die in größtmöglicher Kohärenz zusammenpassen, etwas, womit wir auch bei aktuellen Problemen weiterkommen. Es geht nicht immer nur um Nutzungsinteressen gegen passive Pflanzen, sondern um die Vision einer Welt, in der die unterschiedlichen Lebensformen möglichst profitabel gemacht werden. Natürlich stimmt es, dass es Konkurrenz gibt, natürlich stimmt es, dass es schwerwiegende Konflikte gibt; aber die Frage in der Ethik ist oft: was ist der Rahmen, von dem aus ich denke?

 

Tobias Rausch: Hat sich denn Ihr eigenes Verhältnis zu Pflanzen durch diese Arbeit verändert? Gehen Sie heute anders mit Pflanzen um, als das noch vor Jahren war?

 

Dr. Angela Kallhoff: Ja. Aber da muss ich sagen, weniger durch die Ethik, als durch die Botanik. Die Leute unter Ihnen, die mit Pflanzen zu tun haben, werden das bestätigen können. Wenn Sie Pflanzen beobachten, auch wissenschaftlich, dann verlieren die dieses stille und langsame und werden auf einmal agile und interessante Zeitgenossen.

 

 

Tobias Rausch hat Philosophie und Biologie studiert. Seit 2001 arbeitet er als freier Autor, Regisseur und Performer mit dem von ihm gegründeten Theaterkollektiv lunatiks produktion. Für seine Arbeit erhielt er verschiedene Preise und Auszeichnungen. Für das Schauspiel Hannover konzipierte und inszeniert er das botanische Langzeittheater Die Welt ohne uns, um in 14 Akten über fünf Jahre das Leben nach dem Menschen aufzuzeigen.

Dr. Angela Kallhoff hat Philosophie, katholische Theologie, Mathematik und Erziehungswissenschaften studiert. Sie promovierte an der Universität Münster, war 2003-2005 Stipendiatin der Alexander-von-Humboldt-Stiftung an der University of Chicago, hat 2008 ihre Habilitation zum ethischen Naturalismus bei Aristoteles fertig gestellt und seit 2009 Lehrstuhlvertretungen an der Universität Münster und der Universität Köln am Lehrstuhl für praktische Philosophie und Ethik innegehabt. Frau Kallhoff ist Verfasserin zahlreicher Aufsätze zur Ethik der Pflanzen und Autorin des Buches Prinzipen der Pflanzenethik.