Weltausstellung X: Der atomare Leviathan

»FIKTIONALISIERUNG UND DIE VERFLACHUNG DER DISKURSE BEGLEITEN HEUTE EINE KULTURELLE DEKADENZ, DIE DURCH DIE SLOGANS ÜBER DAS ENDE DER AUFKLÄRUNG LEGITIMIERT WIRD.«

 

Im Rahmen unseres Theaterspektakels Republik freies Wendland – Reaktiviert im Ballhof sprach Gastgeber Oskar Negt mit dem spanischen Philosophen Eduardo Subirats über die Bedrohung des Menschen durch sich selbst. Anstelle des Gespräches dokumentieren wir hier sieben Thesen Subirats` zum Stand der Dinge im neuen Zeitalter des Anthropozän.

 

 

ENDZEIT UND NEUE KRITIK

Sieben Thesen von Eduardo Subirats

 

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Die industrielle Zerstörung der Artenvielfalt, die durch die Wirtschaftsentwicklung verursachten ökologischen Katastrophen und die Ausweitung des Hungers auf Hunderte Millionen von Menschen zeigen die Grenze der globalen Zivilisation. Weitere Aspekte kennzeichnen unsere historische Situation am Anfang des tertium millenium: Seit dem Holocaust in Hiroshima und Nagasaki hat sich aus der weltweiten Entwicklung und Verbreitung von Nuklearwaffen das herauskristallisiert, was Robert Jungk als Atom-Staat bezeichnet hatte: Die technologischen Bedingungen der Nuklearproduktion sind an administrative Strukturen gebunden, die weitgehend immun sind gegen die Kontrollen des postmodernen demokratischen Spektakels.

 

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Ein zweites Motiv sorgt für die Transformation des Kapitalismus im 21. Jahrhundert: die Implosion der Medien. Die durch die elektronischen Technologien verursachte Entwicklung hat die von der kritischen Theorie des 20. Jahrhunderts unter den Kategorien Bewusstseinsindustrie und Kulturindustrie, totalitäre Propaganda oder Verwaltungskultur analysierten Phänomene noch radikalisiert. Sie wurden radikalisiert im Sinne eines Gesamtkunstwerkes. Das von Guy Debord geprägte Konzept des Spektakels zeigt diese zeitgenössische und radikale Dimension der totalen Formierung der Massen im global village. Das Spektakel beinhaltet drei Punkte: Erstens die elektronisch verwaltete Produktion einer virtuellen Wirklichkeit, die weltweit vermarktet und abgestimmt wird. Zweitens gestaltet das Spektakel semiotisch die menschliche Erfahrung des Wirklichen, legt gesellschaftliche Verhaltensregeln fest und reduziert die menschliche Existenz auf den Zustand des Zuschauers und Verbrauchers. Das Spektakel beinhaltet drittens eine fundamentale Funktion von Verflachung, Verdummung und Sinnentleerung.

 

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Dieses kurz skizzierte Situationsbeschreibung wäre unvollständig, ohne ein letztes Merkmal: Der institutionell versperrte Zustand der intellektuellen Diskurse, ihre Fragmentierung und Fiktionalisierung. Die elektronischen Kommunikationsmedien und die Akademien haben die Welt in Repräsentations-, Kodierungs- und Logosysteme umgewandelt, die in wirtschaftlich überwachte Kommunikationsnetze verpackt sind. Ihre Folge ist das intellektuelle Schweigen gegenüber den dringendsten Problemen unserer Zeit. Wir erleben ohnmächtig einen neuen trahison des clercs, um an die Attacke zu erinnern, die Julien Benda 1927 – im Vorgefühl der europäischen Faschismen – gegen eine europäische Intelligenzija führte. Fiktionalisierung und die Verflachung der Diskurse begleiten heute eine kulturelle Dekadenz, die durch die Slogans über das Ende der Kunst und Philosophie, die Posthistoire oder die Postpolitik legitimiert wird…

 

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Die Erkenntnis einer ökologischen und sozialen Grenze in der Entwicklung der Zivilisation hat eine lange Tradition in den zwei letzten Jahrhunderten. Die Kultur der Dekadenz, die menschliche Entfremdung, die neurotische Persönlichkeit unserer Zeit, das Sein-zum-Tode, die belagerte Existenz und die Angst vor dem Nichts sind wiederholte Themen in Literatur, Kunst und Philosophie. Der von Günther Anders formulierte Begriff einer ›Endzeit‹ war die Konsequenz aus wiederholten Bildern von industriellen Völkermorden durch Kolonial- und Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Der Begriff der ›Endzeit‹ definiert unsere historische und existenzielle Situation gegenüber weltweiter ökologischer und sozialer Regression.

Die akademischen Diskursmaschinen und die Kulturindustrie haben die Bestandteile dieser Zivilisationskrise durch eine Reihe von mots d’ordre ins Triviale gezogen. ›Postmoderne‹ und ›Posthistoire‹ sind zwei der sichtbarsten Ikonen dieser Gegenaufklärung. Die Umwandlung politischer oder militärischer Krisen in Cyber-Events und magisch-realistische Fiktionen versperrt jeder kritischen Reflexion den Weg. Die Konsequenz davon ist eine condition postmoderne: die Introjektion der Angst vor der Zivilisationsgrenze und eine unerschütterliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Spektakel der Selbstzerstörung.

 

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Das moderne Denken steckt in einem Dilemma. Es gibt eine Kluft zwischen der Kritik der industriellen Zivilisation und den Instanzen ihrer wissenschaftlichen und politischen Verwaltung, eine Kluft zwischen Theorie und Praxis. Zunächst ist es notwendig, die institutionelle Unmöglichkeit eines direkt verändernden Handelns seitens der Intellektuellen und die Impotenz der reflexiven Vernunft gegenüber den institutionellen Mächten anzuerkennen. Der hartnäckige Widerstand gegen die Anerkennung des global warming, das absolute Schweigen der Administration über den Gebrauch weltzerstörerischer Waffen, wie uranangereicherter Raketen, die Informationszensur über die globale Geopolitik des Hungers und die rechtliche Immunität bei wiederholten Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind dramatische alltägliche Beispiele. Aber diese Ohnmacht der Reflexion gegenüber der von Medien und Wirtschaft verwalteten Kommunikation, befreien den Intellektuellen nicht von der Aufgabe der Aufklärung und Analyse.

 

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Im Kontext der postmodernen Akademien hat sich der Begriff von ›Aufklärung‹ oder enlightenment mit Panoptiken und Völkermorden, mit der instrumentalen Vernunft und dem Kolonialismus verbunden. Man hat Aufklärung mit Totalitarismus verwechselt. Die Kritik am Totalitarismus und der Kulturindustrie, die Horkheimer und Adorno als Folge eines epistemologisch begrenzten Rationalismus enthüllten, sind mit der Aufklärung gleichgesetzt worden. Diese Gleichsetzung ist das Alibi einer Gegenaufklärung, die in postcolonial studies, in der Literaturkritik und den cultural studies erfolgreich die kritische Theorie durch einen abgebauten Rest ausgetauscht haben. Die postmoderne Gegenaufklärung hatte dabei in den verschiedenen kulturellen Regionen unterschiedlichen Erfolg. Da, wo die aufgeklärt intellektuelle Tradition nicht vollständig beseitigt werden konnte, wie in Deutschland oder in den USA, hat man den avantgardistischen Ästhetizismus neben den entpolitisierten Rhetoriken der human rights und der ›kommunikativen Aktion‹ übernommen. In den vorwiegend katholischen Kulturen Südeuropas oder Lateinamerikas, die historisch keine humanistische und aufgeklärte Reform des Denkens erlebt haben und nie gänzlich eine Unabhängigkeit der Zivilgesellschaft von den Mächten der katholischen Kirche übernommen haben, konnte sich die postmoderne Gegenaufklärung über die Tradition der katholischen Gegenaufklärung legen. Die so genannten Befreiungstheologien und –philosophien sind die gravierendsten Beispiele davon. Das akademische System in den Vereinigten Staaten stellt diesen Prozess des intellektuellen Verstummens am deutlichsten dar: die epistemologische Herabsetzung der Aufklärung auf eine kritische Theorie eines historischen Moments, auf ein linguistisches Prinzip von clarté und distinction entsprechend einer von Descartes bis Husserl formulierten Tradition. Außerdem: die vollständige Unterordnung von Bildung und Forschung unter ein Prinzip der Professionalität, das letztlich einzig der kapitalistischen Wirtschaftsproduktivität entspricht.

 

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Der Ausgangspunkt der kritischen Theorie nach Horkheimer – und das, was sie von der traditionellen Theorie unterscheidet – ist die Reflexion über die institutionellen Hindernisse und Kontrollen des Wissens und der Kommunikation. Es ist der Konflikt zwischen Reflexion und Theorie einerseits, und der Wissensverwaltung andererseits. Dieser Konflikt bringt die Trennung zwischen der formalen Rationalität der Wirtschafts- und Technologie-Entwicklung und dem Bewusstsein ihrer sozialen und ökologischen Irrationalität zum Ausdruck; er ist Ausdruck der Trennung zwischen dem Spektakel der Demokratie und den sozialen Ungleichheiten, die sie verbirgt. Es ist der Konflikt zwischen dem technologischen Fortschritt der Massenvernichtungswaffe und dem weltweiten Rückschritt des Sozialen und Politischen. Vor dieser gespaltenen Wirklichkeit hat die Kritik eine doppelte Funktion. Sie muss die unechte Emanzipation, die der Rationalität der Wirtschafts- und Technologie-Entwicklung inne wohnt, anprangern, und sie muss die konzeptuellen und institutionellen Vermittlungen zwischen der Kritik des historischen Moments, dem Wissen und der alternativen Praxis zur Logik der Katastrophe, die unsere Gegenwart regiert, festlegen.

 

Deutsch von Rosa Velarde

 

Der 1947 in Barcelona geborene Philosoph und Essayist Eduardo Subirats ist Professor für Spanische und Portugiesische Sprache und Literatur an der New York University. Seine Aufmerksamkeit gilt der Theorie der Avantgarde, der Beziehung von Aufklärung und Gegenreformation sowie der Kolonialgeschichte. Seine Thesen kreisen um neuralgische Stellen im spanischen Selbstverständnis und hinterfragen die Identität Spaniens im Spannungsfeld seiner katholischen und arabisch-jüdischen Wurzeln. Er lebt in Paris.