#10 Eins von diesen Dingen ist nicht wie das andere

Suchbilder im familiären Schnappschuss-Bereich

03.11.17

So, jetzt weile ich wieder unter den Kolumnierenden. Ich war ja ein bisschen raus – das lag daran, dass ich kurzfristig mein Kolumnisten-Schreibkabuff im Keller des Schauspielhauses verlassen und meinen Aufenthaltsort auf die Probebühne in Bornum verlagert hatte. Ende Oktober fand nämlich die Premiere meines Stückes »HOME.RUN« in Cumberland statt, und da ich an diesem Theaterabend selbst auf der Bühne stehe und agiere (gemeinsam mit der Musikerin Maria Rothfuchs), musste ich vorher auch proben. Acht Wochen lang. Da kommt man ja nebenher zu gar nichts mehr. Und eine zeitaufwändige Tätigkeit wie das Kolumnieren – die bekanntlich mit viel Recherche, Nachdenken und Konfekt essen verbunden ist – kann man da gleich vergessen.

 

Überhaupt: In der Endproben-Verwahrlosungsphase sah meine Wohnung aus wie bei RTL-2 unterm Sofa, meine Tochter bettelte bei den Nachbarn um Aufmerksamkeit und Brotkanten und meine Freundin warf mir vor, sie bekäme mich gar nicht mehr zu Gesicht. »Pardon«, sagte ich, »du bist die Regisseurin des Stücks! Wie sehen uns jeden Tag auf der Probe!« Sie antwortete: »Das ist doch wurscht. Erstens weißt du: Ich trenne Berufliches und Privates strikt. Und zweitens: Wenn Du morgen Deinen Text nicht kannst, wird umbesetzt! Henning Hartmann hat schon Interesse geäußert.«

Kurz überlegte ich, ob ich die Umbesetzung vielleicht weiter provozieren sollte. Schließlich spiele und erzähle ich in dem Stück – als ich selbst – die Migrationsgeschichte meiner weitläufigen Familie. Und was soll ich sagen: Henning Hartmann als »Hartmut El Kurdi« zu sehen, würde mir schon sehr gefallen. Zumal er tatsächlich partiell den gleichen Migrationshintergrund hat wie ich. Auch er ist ein Hesse in Niedersachsen. Aber dann ging ich doch noch mal büffeln.

 

Aufmerksame Leser und Leserinnen werden aber bemerkt habe, dass meine Kolumnenpause länger gedauert hat als acht Wochen, aber vor Probenbeginn musste ich natürlich noch den Stücktext schreiben - und vor allem recherchieren. Zum Teil, in dem ich meine Verwandtschaft im In- und Ausland befragte, zum Teil, in dem ich in den Familienarchiven wühlte. Diese »Archive« bestehen größtenteils aus dicken abgegrabbelten Fotoalben. Und um diese Fotos soll es hier gehen.

So! Kolumnen-Einleitung beendet. Zu lange? Ich sag doch, ich bin aus der Übung.

 

Also: Die Fotos in den Alben stammen unter anderem aus Deutschland, es gibt welche aus England und den USA, ziemlich viele wurden in Jordanien aufgenommen. Man sieht meine deutsche Mutter unter Arabern, meinen arabischen Vater unter Deutschen, beide unter Engländern und Amerikanern. Auch uns eher dunkel aussehende Kinder gibt es in diversen Settings. Mit blonder Familie drumherum, mit schwarzhaariger Familie drumherum, frei in der Landschaft stehend. Früher habe ich mich nicht über diese Fotos gewundert. Es war meine Familie. So sahen wir eben aus. Manche der Fotos wirkten heiterer, manche trauriger. Ich hätte nicht sagen können, warum.

 

Wenn ich die Bilder heute betrachte, denke ich oft: 1. Was für `ne bunte Tüte!? Und 2. glaube ich zu sehen, dass sich immer jemand auf den Fotos deplatziert fühlt.

Es gibt zum Beispiel dieses Foto aus dem Jahr 1965, kurz bevor meine Eltern und wir drei Kinder von Jordanien nach England zogen. Es muss bei einer Familienfeier aufgenommen worden sein, einer Garten-Party, vielleicht unserer Abschiedsfeier? Dazu existiert übrigens auch ein Super-8-Film, den ich in diesem Sommer zum ersten Mal gesehen habe. Wie auf dem Foto sieht man im Film eine lebendige orientalische Groß-Familie. Viele Kinder, Geschwister, Cousins und Cousinen, die miteinander spielen, arabische Frauen mit hochmodischen Sixties-Frisuren, Beehives und hochtoupierten »Big Hair«-Köpfen, schnurrbärtige Männer, entweder in perfekt geschnittenen Anzügen oder in einer Art legerer Safari-Freizeitkleidung. Und dazwischen meine Mutter, mir das Fläschchen gebend - mit ihrer weißen Haut, ihren schmalen Lippen, ihren dünnen, etwas fusseligen blonden Haaren. Sie wirkt wie ein Alien. Auf dem Foto schwächt einzig meine rechts neben ihr sitzende Tante Nuszha diesen Eindruck leicht ab. Was dran liegt, dass Nuszha eine Tscherkessin ist. Die Tscherkessen sind ein Volksstamm, der seit dem 19. Jahrhundert im Nahen Osten lebt, aber eigentlich aus dem Kaukasus stammt – und daher auch mal dunkelblonde, eher osteuropäisch als orientalisch aussehende Menschen hervorbringt.

Es gibt ein anderes Foto, aufgenommen in Crainfeld, dem 500-Seelen-Dorf im hessischen Vogelsberg, aus dem meine Mutter stammt. Offensichtlich als meine Familie – ich war noch nicht geboren – dort zu Besuch war. Darauf zu sehen sind meine Mutter Luzie, meine deutsche Großmutter Elise, mein Vater Mahmoud und meine Schwester Mona. 

Dieses Foto ist ein schönes Beispiel für den bekannten Fakt, dass Kodak und andere Hersteller die Licht-Empfindlichkeit ihrer Filme an Menschen mit weißer Hautfarbe orientierten – und daher Leute mit auch nur etwas braunerer Haut früher auf Fotos unverhältnismäßig dunkel erschienen. Schwarze sind auf alten Aufnahmen deswegen oft kaum zu erkennen. Mein so zusätzlich nachgedunkelter Vater und meine ebenso farbintensivierte Schwester wirken auf diesem Bild ebenso hineinmontiert wie meine weiße Mutter in das jordanische Familienfoto. Und das obwohl in diesem Fall das optische Orientalen-Deutschen-Verhältnis 50:50 ist. Vielleicht verschiebt die weiße Puppe meiner Schwester die Relation, vielleicht ist es der erkennbar hessische Holzschindel-Hintergrund, der meinen Vater und meine Schwester auf diesem eigentlich paritätisch besetzen Foto als die Fremden erscheinen lässt. In der gleichen Fotosession wurde übrigens noch ein Bild aufgenommen, auf dem meine Schwester ohne meinen Vater in einer noch größeren Gruppen der hessischen Familie steht. Es ist eins dieser Familienfotos, zu denen mir immer als erstes das Sesamstraßen-Lied »Eins von diesen Dingen ist nicht wie das andere« einfällt.

 

Vielleicht habe ich diese Assoziation, weil ich mich an Situationen erinnere, in denen ich mich selbst irgendwo als nicht-dazu-gehörend empfunden habe, mir also vorkam, wie die Menschen auf den Fotos wirken; egal ob wir von der deutschen oder jordanischen Variante dieser Fehlersuchbilder sprechen. Vielleicht habe ich auch nur – wie alle – einen gewissen Alltags-Rassismus internalisiert. Keine Ahnung.

 

Es gibt aber eine ganze Serie von Familienfotos, bei denen es mir nicht so geht. Auf denen ich nicht das Gefühl habe, dass irgendwer fremd ist, dazu gestellt oder reinmontiert wurde. Diese Serie wurde auf der Hochzeit meiner Schwester im Jahr 1978 aufgenommen. Und obwohl es sich um die typischen inszenierten, steifen Hochzeitsgruppenfotos auf der Kirchentreppe handelt – meine mehr oder weniger muslimisch erzogene Schwester heiratete einen katholischen, halbsinghalesischen Iraker – faszinieren diese Fotos durch ihr ethnisches Chaos. Durch eine nicht mehr kategorisierbare Diversität. Auf diesen Fotos sind zu sehen: Deutsche, Kurden, Engländer, Iraker, Australier, Waliser, Jordanier, Syrer, Inder, Tscherkessen ... in allen erdenklichen Varianten und Mix-Verhältnissen.

 

Bei diesen Fotos muss ich nicht mehr an das Sesamstraße-Lied denken.

Dafür an ein Sesamstraßen-Gruppenfoto.

Und was soll ich sagen? Das gefällt mir sehr.


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