#6: ZWISCHEN DÜNKEL UND HALTUNGSLOSIGKEIT

Über die unsolidarische Reaktion einiger Journalisten auf die Inhaftierung Deniz Yücels

07.03.17

Wenn es nicht so gefährlich wäre, könnte man sich über das, was manche deutsche Journalisten unter Journalismus verstehen, amüsieren. Ein Teil der Branche kann es nämlich immer noch nicht fassen, dass das traditionell rechtsradikale Viertel/Fünftel der Bevölkerung den Stammtisch verlassen hat und jetzt auf einmal wählen geht, öffentlich rumpöbelt, auf Demos »Lügenpresse« keift und Reporter verbal und körperlich attackiert. Die erstaunlich weltfremde Überraschung über dieses Phänomen und die Angst vor dem eigenen Bedeutungs- und Statusverlust ist so groß, dass zum Beispiel den Redaktionen der TV-Polit-Talkshows nichts besseres einfällt, als die verharmlosend »Rechtspopulisten« genannten Tweedjacken-Faschisten der AfD flugs und regelmäßig in Fernsehsendungen einzuladen und sich von ihnen die Themen diktieren zu lassen.

 

Hier ein unvollständiger Überblick über die in den letzten Monaten bei Anne Will, Sandra Maischberger, Maybrit Illner und Frank Plasberg diskutierten Fragen: »Angst vor dem Islam – Alles nur Populismus?«, »Mann, Muslim, Macho: Was hat das mit dem Islam zu tun?«, »Bringt Härte gegen Zuwanderer mehr Sicherheit?«, »Mein Leben für Allah - Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?«, »Offene Gesellschaft, offenes Gesicht – Kulturkampf um die Burka?«...

 

Aber nicht nur im Fernsehen, auch im Print treibt diese Politik der Verunsicherung und der randvollen Hosen mitunter kuriose Blüten – wenn zum Beispiel die Ostthüringische Zeitung den Verbal-Amokläufer der AfD Björn Höcke einlädt, einen »Gastbeitrag« zu schreiben. Unkommentiert.

 

Gerne wird dieses Verhalten mit der Neutralitätspflicht der Presse begründet. Und mit einem der für mich verstörendsten und – pardon – naivsten Sätze, die ich je über den Journalismus gehört habe. Dieser Satz ist das Motto des jährlich verliehenen Hanns-Joachim-Friedrich-Preises, wobei nicht ganz klar ist, ob er wirklich in dieser Form von dem 1995 verstorbenen Tagesthemen-Moderator stammt oder später der Griffigkeit halber verkürzt wurde. Er lautet: »Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.«

 

Nur um das klar zu stellen: Hier wird nicht etwa korrekterweise eingefordert, dass ein Journalist die Fakten recherchieren und gegenchecken muss, verschiedene Quellen für eine Information haben und in einem Konflikt beide Seiten zu Wort kommen lassen sollte. Darüber bräuchte man nicht zu diskutieren. Nein, hier geht es um die Forderung, dass ein Journalist keine erkennbare Meinung zu politischen Themen haben darf. Eine Forderung, die allein schon angesichts der – auch von der Branche selbst – stets zu Recht gepriesenen Journalisten-Vorbildern Egon Erwin Kisch, George Orwell, Hans Habe oder Kurt Tucholsky absurd ist. Aber exakt diese gefährlich unpolitische Haltung schlug grade die Süddeutsche Zeitung dem in Istanbul inhaftierten Türkei-Korrespondenten der Welt Deniz Yücel um die Ohren. Der Autor Mike Szymanski formuliert es allerdings noch plumper: »Yücels Journalismus ist immer auch ein ganz großes: »Trööt!« [...] Seitdem die Welt den Dauerraucher 2015 an den Bosporus entsandt hat, arbeitete er sich an Präsident Recep Tayyip Erdoğan und dessen Politik ab. [...] Im aufgeladenen Journalismus der Türkei, der offenbar nur noch Parteinahme für oder Gegnerschaft zu Erdoğan kennt, hat Yücel sich deutlich auf Seiten der Gegner positioniert; der Übergang zum Aktivisten: fast schon fließend.«

 

Abgesehen davon, dass es mich nicht die Bohne interessiert, ob Deniz Yücel »Dauerraucher« ist, so wenig wie es mich interessiert, was er raucht – mit oder ohne Filter, Shisha oder Bong – würde ich gerne nochmal nachfragen: Wie bitte? Was war das? Ein Kollege sitzt in einer Quasi-Diktatur in einer Zelle, einfach nur weil er seinen Job gemacht hat, und die achso seriöse SZ wirft ihm was genau nochmal vor? »Trööt«?

Nur zur Erklärung: Das »Trööt« bezieht sich auf die unterhaltsame, bewusst polemische Kolumnenreihe »Vuvuzela« , die Yücel zur WM 2010 für die taz schrieb – und hat nichts, aber auch gar nichts mit seiner Berichterstattung als Türkei-Korrespondent der Welt zu tun. Aber um ihm Unseriosität zu unterstellen, kann man das als seriöser Journalist ja trotzdem mal aus dem Keller holen...

 

Diese Mischung aus schlechtem Kalauer, verschwurbelten Anspielungen, Neid, Dünkel und Unanständigkeit nötigt einem schon Respekt ab. So tief muss man erst mal sinken. Komisch ist vor allem, dass bei aller Neutralität diese Parteinahme anscheinend erlaubt ist: gegen Kollegen, die für ihre demokratische Haltung sogar ihre Freiheit riskieren.

 

Aber das SZ-Stück war nicht der einzige Ausfall gegen Yücel. Einen Tag vorher hatte Michael Martens in der FAZ die Praxis Deutscher Medienhäuser kritisiert, türkischstämmige Journalisten zur Berichterstattung in die Türkei zu schicken. So wie Springer es mit Yücel gemacht habe. Oder die ZEIT mit Özlem Topçu. Martens argumentierte erstaunlich wirr. So nimmt er paternalistisch die Kollegen gegen einen behaupteten verlegerischen Rassismus in Schutz, in dem er fragt: »Warum reduzieren deutsche Verlage die Kinder oder Enkel türkischer »Gastarbeiter« so oft auf die Rolle von Türkei-Erklärern? Weil sie Türkisch sprechen?« Um den Yücels und Topçus dann mit einem Logik-Twist die Qualifikation als politische Berichterstatter abzusprechen: »...es gibt viele Menschen, die die Sprache eines Landes gut beherrschen und das Land dennoch oder just deshalb fließend missverstehen. Enge emotionale oder gar familiäre Verbundenheit mit einem Land muss kein Vorteil sein, wenn man über das Land berichtet. Topçu schreibt über ihren Freund Yücel, der sei »einer, der die Türkei liebt« [...] aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?«

 

Hier ignorieren wir mal, dass man auch fragen könnte, ob die vielen familiären und emotionalen Bindungen, die deutsche Journalisten ohne Migrationshintergrund zu Deutschland haben, diese daran hindern, korrekt über deutsche Innenpolitik zu berichten – und konzentrieren uns auf das wesentliche: Auch in diesem Artikel wird dem in Flörsheim, Südhessen, geborenen deutschen Journalisten Deniz Yücel wieder mangelnde Distanz vorgeworfen, diesmal nicht zum politischen Geschehen in der Türkei, sondern zum Land an sich. Ziel dieser Argumentation kann nur sein, Yücels Arbeit zu diskreditieren. Und das – man muss es immer wieder erwähnen – während dieser im Gefängnis sitzt und keiner weiß, wie es mit ihm weiter geht. Und während ihm quasi das gleiche in grün – nur noch verschärft – vom türkischen Staat vorgeworfen wird: Er sei nämlich überhaupt kein richtiger Journalist, sondern Partei. Weil aber Martens anscheinend selbst merkt, dass seine »die Zeitungen agieren rassistisch«-Argumentation Käse ist, schließt er seinen Artikel mit: »Natürlich darf das nicht zu dem Extrem führen, jemanden mit türkischen Wurzeln aus Prinzip nicht mehr über die Türkei berichten zu lassen. Das Erfahrungsgepäck, mit dem einer durchs Leben stapft, ist wertvoll.« Und der Leser fragt sich: Was denn nun? Sollen sie jetzt aus der Türkei berichten oder nicht?

 

Die Antwort auf diese Frage ist übrigens ganz einfach: Ja klar, wenn sie es denn wollen. Wie im Fall des ehemaligen Jungle World- und taz-Redakteurs Deniz Yücel, der unter anderem genau deswegen zu Springers Welt wechselte: weil ihm dort sein Traumjob – Türkei-Korrespondent – angeboten wurde.

 

Der Höhepunkt der Nackenschlägerei gegenüber Deniz Yücel kam allerdings von einem ehemaligen taz-Mitredakteur, der jetzt für den Freitag schreibt. Zunächst amüsiert sich Christian Füller in seinem Artikel Grassierende Doppelmoral darüber, dass Yücels Arbeitgeber, der Springer-Verlag, seiner Pflicht nachkommt und sich für ihn einsetzt: »Hätte man dem linksradikalen Deniz Yücel vor ein paar Jahren erzählt, dass der Springer-Chef einmal »Wir sind Deniz« skandiert, er hätte gelacht und geweint. Und sich wahrscheinlich übergeben.«

 

Dann aber wird Füller – ähnlich wie die Kollegen von SZ und FAZ – auf eine kurios umständliche und kryptische Art persönlich: »Denn die Geschichte des nicht selten unbändigen Kollegen ist nicht nur die eines unerschrockenen Rechercheurs. Sie hat auch viel mit Doppelmoral zu tun. Und mit Befangenheit. Strenggenommen dürfte ich zum Beispiel diesen Text nicht schreiben. Denn ich bin ein Kollege von Deniz, und ich habe bei der taz auch noch eng mit ihm zusammengearbeitet. Journalisten sollten nicht über Journalisten schreiben [...]«

 

Warum das so ist, erklärt uns Füller allerdings nicht. Auch nicht, wer diese goldene Journalistenregel aufgestellt hat. Vielleicht ebenfalls Hajo Friedrichs? Rudolf Augstein? Oder Karla Kolumna? Wenn es über einen Journalisten etwas zu berichten gibt – wie im Fall Yücel – wer bitte sollte sonst darüber schreiben, außer andere Journalisten: Bäcker? Automechaniker? Gynäkologen?

 

Aber weiter im Füllerschen Text: »Im Fall von Deniz Yücel aber sind alle Grundregeln der publizistischen Schwerkraft außer Kraft gesetzt. Die moralischen Maßstäbe fliegen immer höher. Mit jedem Text wird der ausgesprochen robuste Deniz immer netter, liebenswerter und Pulitzerpreis-verdächtiger. Angela Merkel setzt sich für ihn ein, und der grandios polemische Autor scheint dabei zu sein, ein Stück Weltgeschichte zu schreiben: Könnte es gar sein, dass wegen Deniz das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei platzt? [...] Vielleicht sollten wir Deniz einfach tiefer hängen. Das würde allen helfen – vor allem dem 43-jährigen Provo-Redakteur.«

 

Nur nochmal fürs Protokoll, mit welchen Begriffen der inhaftierte Yücel von den Kollegen belegt wurde: »Dauerraucher«, »Provo-Redakteur«, »Linksradikaler«, »unbändig«, »ausgesprochen robust«, »grandios polemisch«, »Aktivist«...

 

Statt einfach mal offensichtliche persönliche und politische Animositäten beiseite zu stellen und die Klappe zu halten, beziehungsweise sich zu solidarisieren und die eigenen Möglichkeiten zu nutzen, um Deniz Yücel auf die eine oder andere Art zu unterstützen, versuchen einige Kollegen – zum Glück ist es eher eine Minderheit, aber dafür in einflussreichen Blättern – alte Rechnungen zu begleichen. Und das tun sie noch nicht mal mit offenem Visier, sondern unangenehm hintenrum und schadenfreudig. Letztlich klingt überall durch: Yücel und Springer sind selbst schuld, weil Yücel so ist, wie er ist und weil Springer das ausgenutzt hat.

 

Dass Yücel aber im letzten Jahr als einer der wenigen überhaupt noch direkt vor Ort, in der Türkei, recherchiert hat und dabei hervorragende journalistische Arbeit leistete, liegt eben auch genau daran: dass er ist, wie er ist – hartnäckig, engagiert und relativ angstfrei – und dass er seinen Job ernst nimmt. Und ja: der Springer-Verlag – über den ich noch nie in meinem Leben etwas Positives gesagt habe und wahrscheinlich auch nie wieder sagen werde – hat ihn dabei unterstützt und damit einen wichtigen Beitrag für den Journalismus geleistet. So wie Springer ihn – im Gegensatz zu anderen – auch in der aktuellen schwierigen Lage vor und hinter den Kulissen vorbildhaft unterstützt. Und glauben sie mir, ich finde es durchaus gruselig, eine solche Aussage treffen zu müssen.


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