#7 Der Schulz-Infekt

Über die rätselhafte neue Placebo-Krankheit der SPD

06.04.17

Soviel Begeisterung, Aufbruchsstimmung und Heldenverehrung gab es in der SPD seit Willy Brandt nicht mehr. Die Älteren werden sich erinnern: Egal ob Arbeiter, Intellektuelle oder der nicht linksradikalisierte Teil der Studentenschaft  – Brandt bekam Zuspruch aus vielen Milieus und Generationen. Alle trugen die prilblumenähnliche Buttons mit »Willy wählen«, einem Slogan, der ebenso sozialdemokratisch-kumpelig wie hippie-duzend daherkam, also Arbeiter-Tradition und popkulturellen Fortschritt vereinte, 60er/70er-Jahre eben.

 

Nun war Brandt aber auch, trotz seiner etwas drögen norddeutschen Art, das perfekte Politik-Popidol. Streetcredibility hatte er wie kein anderer: Als Herbert Ernst Karl Frahm unehelich geboren, frühe Mitgliedschaft in sozialdemokratischen Jugendorganisationen, Anfang der 30er aus der SPD aus- und in die linkere SAP, die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, eingetreten, dann während der Nazi-Zeit Untergrundarbeit unter dem Decknamen »Willy Brandt«, Exil in Norwegen, Berichterstatter aus dem spanischen Bürgerkrieg... Und schließlich der Suff, die Frauengeschichten und die Depressionen, die ihm nachgesagt wurden, nicht zu vergessen der Kniefall von Warschau: Politische Glaubwürdigkeit, Ernsthaftigkeit, das Übernehmen von Verantwortung gemischt mit Rock’n’Roll-Lifestyle und großen Gesten. Davon abgesehen war Brandts Credo »Mehr Demokratie wagen« einer der inhaltlich attraktivsten Politslogans, die je in diesem Land propagiert wurden. Auch wenn der gewählte Kanzler ihn mit seinem Radikalenerlass dann wieder peinlich relativierte.

 

Konsequent übrigens auch sein Absturz: Nicht durch eine Korruptionsaffäre gefällt oder gar öde demokratisch abgewählt. Nein, es musste schon ein DDR-Topspion sein, der ihn aus dem Amt kegelte. Auch wenn dieser zugegebenermaßen nicht wie ein James-Bond-Schurke aussah, sondern eher wie eine leicht mopsige Büro-Eule. Immerhin hatte er keinen piefigen deutschen Bürokratennamen, sondern klang zumindest hinten nach großer, weiter Agentenwelt, Champagner und durchsichtigen Dessous: Guillaume. Okay, vorne hieß er Günther, aber gut, man kann nicht alles haben.

 

Und jetzt: Schulz! Ein Mann mit der Aura eines fermentierten Milchproduktes. Und trotzdem flippt die »alte Tante SPD« (ein Begriff, der laut deutscher Presseordnung mindestens einmal in jedem SPD-Text vorkommen muss. Hier isser...) komplett aus. Die fiebrige Ekstase nach dem Schulz-Infekt wirkt wie ein enthemmter Rave im Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt. Einerseits hat die hilflose Begeisterung in ihrer vergangenheitsvergessenen Naivität ja etwas rührend Sympathisches, wenn da nicht diese unangenehm aufgesetzte, pseudohippe Kampagne dahinter stünde. Man schießt völlig unkoordiniert aus allen emotionalen Werberohren, Hauptsache es wirkt locker, amerikanisch und großstadtoid-jung. Wie man dabei allerdings auf kreuzbrave Anstecker mit Schulz-Kopf und dem chloroformartigen Spruch »Zeit für Martin« kommen kann, ist rätselhaft. »Willy wählen« zielt auf die sozialdemokratische Arbeiter-Zwölf; »Zeit für Martin« hängt soundmäßig irgendwo zwischen einem nach Selbstverwirklichung suchenden, paartherapeutischen »Ich muss mal wieder mehr Zeit für mich haben« und Diether Krebs’ Blödel-Hit »Ich bin der Martin«. Wer diese Anklänge nicht im Ohr hat, sollte vielleicht lieber nicht in einer Werbeagentur tätig sein.

 

Vom Konzept her schlüssiger, aber nicht weniger peinlich sind die Plakate und Internet-Memes – teilweise von den Jusos lanciert –, die sich auf den US-Wahlkampf beziehen. Zum Beispiel jenes, das dem berühmten red-white-and-blue-Obama-Poster nachempfunden ist, auf dem allerdings statt »HOPE« oder »CHANGE« die Unterzeile »MEGA« steht: »Make Europe Great Again«, also eine ironische Trump-Referenz. Leider ist dies aber keine der satirischen »Chulz«-Parodien – die es natürlich auch gibt – sondern in der Stoßrichtung bitter ernst gemeint. Vieles in der Schulz-Kampagne wirkt auf diese Art tollpatschig und unbeholfen, wo es doch so gerne augenzwinkernd und souverän wäre. Bei Schulz’ Auftritten halten Fans Schilder in die Höhe, die vermutlich alle in der Parteizentrale laminiert wurden und lustig gemeinte, aber in Wahrheit sehr traurige Sprüche tragen wie »Martin, ich will eine Regierung von Dir«, »Schulz, geiler geht’s nicht«, »Nazis wegschulzen« oder »Zeit für Gerechtigkeit. Jetzt ist Schulz! «. Erinnert alles stark an die Schlumpf-Sprache: »Wenn der Schulz den Schulz schulzt, dann schulzt es aber was!« Andere Spaßvögel verschulzen den Hip-Hop-Titel von NWA (»Niggaz Wit Attitudes«) »Straight outta Compton« zu »Straight outta Würselen«, um damit Schulzens kleinbürgerliche Herkunft aus NRW-Provinz-Verhältnissen zu einer proletarischen Ghetto-Story zu pimpen. Und bei seinem Nominierungs-Parteitag läuft »Einer von 80 Millionen« von Max Giesinger. Ja, er ist einer von uns. Das wollen uns die Genossen damit sagen.

 

Das Problem daran ist: Es stimmt alles nicht. Weder hat Schulz Popstar-Appeal, noch ist er einer von uns und schon gar nicht der linke Gerechtigkeitsheld, der der Agenda 2010 den Garaus machen wird. Das wäre alles nicht sonderlich schlimm, Schulz könnte vermutlich trotzdem im Rahmen der Umstände ein unauffälliger Kanzler sein, also innerhalb des Systems korrekt funktionieren – so wie Frau Merkel zum Beispiel. Bloß so einen Kanzler braucht niemand. Frau Merkel gibt es ja schon. Und nach ihr könnte Frau von der Leyen das Amt übernehmen. Die übt ja schon.

 

Leider ist der SPD-Plan nur allzu durchsichtig, ebenso wie die Umstände seiner Entstehung: Beim Blick aufs Ausland, vor allem auf England und Amerika, stellte man wohl fest, dass dort in den letzten Jahren relativ linke alte Männer überraschenderweise viele junge Menschen begeistern konnten und zu einem nie dagewesenen Engagement motivierten: Bernie Sanders in den USA und Jeremy Corbyn in Großbritannien. Beide besitzen eine seltsame Form von Charisma. Nicht wie Obama oder Trudeau: Charme, Witz, Coolness und Sexappeal. Eher wie Willy Brandt: eine knorzige ernsthafte Ausstrahlung, die biographisch unterfüttert ist. Sanders und Corbyn waren immer schon links und kämpften fast ihr ganzes Leben lang gegen einen rechteren und wirtschaftsliberalen Mainstream, auch und vor allem im eigenen Lager.

 

Da die SPD aber keine linken alten Männer mehr hat, zumindest nicht in der Führungsetage, begaben sich die Partei-Strategen wohl auf die Suche nach einem, der zumindest alt aussieht und nun ein bisschen links tun kann, weil er nicht direkt mit Hartz IV etc. in Verbindung gebracht wird. Nicht dass er damals dagegen gewesen wäre – nein, er war einfach zufälligerweise bundespolitisch nicht anwesend, als sich die SPD unter Schröder die Agenda ausdachte und ihren sozialpolitischen Turn vollführte. Weil er, Schulz, nämlich seit 1994 im Europaparlament saß. Dass er aber eher dem Seeheimer Kreis – dem konservativen Flügel der SPD – zuzurechnen ist, bis zu seiner Nominierung die Agenda nicht kritisierte und auch ansonsten nie durch sonderlich linkes Gedankengut auffiel, scheint wurscht zu sein. Man baut ihn trotzdem zum Gerechtigkeitsschulz auf - und aus dem hochrangigen Verwalter des europäischen Bürokratismus macht man dann eben positiv den »überzeugten Europäer«. Das einzige, womit er wirklich punkten kann, ist seine Biographie. Denn Schulz war mal Trinker, kurz vorm Komplett-Absturz, hat kein Abitur und sich dann aus eigener Kraft hochgearbeitet. Das verdient durchaus Respekt, ist aber alles schon lange her. Bei jemandem, der seit über 20 Jahren höchstbezahlt und – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – entrückt in Brüssel agiert, wirkt die »One of us«-Nummer tatsächlich mäßig glaubwürdig.

 

Wobei es schon bezeichnend ist, dass einige politische Gegner gerade auf Schulz' Alkoholismus und seinem fehlenden Abi herumreiten. Das ist selbstverständlich nichts anderes als bürgerlicher Snobismus, nicht ganz so schäbig wie damals, als die CDU Willy Brandt wegen seiner unehelichen Geburt (und der Tatsache, dass er im Dritten Reich ins Exil gegangen ist), angriff - aber doch nah dran. Wer mit Schulz’ Voraussetzungen eine solche Karriere hinlegt, hat alles, was man zum Kanzlersein braucht: Durchsetzungskraft, Ehrgeiz, den nötigen Grad an Opportunismus und taktischer Raffinesse. Anders als so mancher geburtselitäre Schnösel aus den sogenannten bürgerlichen Parteien dürfte Schulz selbst lange nicht geglaubt haben, dass er so weit kommt. Und was den Alkoholismus betrifft: Schulz ist immerhin seit 1980 trocken. Und damit nüchtern. Das kann man von einem Großteil der Alkis im Bundestag nicht sagen, wenn man Insiderberichten glauben darf. Und hier sprechen wir noch nicht vom Gebrauch anderer, zum Teil illegaler Stimulanzien. Man wünschte übrigens, das wäre nur eine billige Pointe, aber Alkohol- und Drogenmissbrauch ist aus verständlichen Gründen im Stress-Milieu Politik ein sehr häufiges Problem. Im Gegensatz zu Schulz sprechen die meisten nur nicht darüber.

 

Und dennoch: Schulz ist nicht das, als was er verkauft wird. Und vor allem ist er nicht das, was die Demokratie hier wirklich braucht: Eine echte Alternative zum lustlosen Sozialdemokratismus von Angela Merkel und zur rassistischen Bedrohung von Rechtsaußen. Das Wahlergebnis im Saarland war da schon mal ein kleiner Hinweis. Auch wenn man dieses Winzbundesland, das weniger Einwohner hat als die Stadt Köln, nicht zu ernst nehmen darf, sollte man sich bei der SPD über Folgendes im Klaren sein: Wenn man es auf CDU-Seite mit einem PolitikerInnentypus zu tun hat, der – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – erfolgreich das Image »modern, halbwegs liberal und sozial nicht ganz eiskalt« verbreitet, braucht man keine schlechte SPD-Kopie dieses Konzepts. Da müsste man schon mit einem richtigen Gegenentwurf aufwarten.

 

Warum die SPD sich trotzdem immer noch halbohnmächtig jubelt? Man kann es eigentlich nur mit Verzweiflung erklären. Oder mit Galgenhumor.


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