#8 Mein Aluhut, der hat drei Ecken

Über Künstler mit Rechtsdrall

18.05.17

Ich kann mich nicht ganz entscheiden, ob ich das Theater um Xavier Naidoo, die Söhne Mannheims und ihren Song Marionetten albern oder berechtigt finde. Dass Naidoo nicht der Hellste ist, dürfte eigentlich niemanden überraschen. Und dass er weltanschaulich in wirren und ekligen Paralleluniversen abhängt, ist ebenfalls schon länger bekannt. Früher beschränkte er sich allerdings darauf, christlich-fundamentalistisch-apokalyptisch vor sich hin zu orakeln. In Armageddon, einem Lied der Söhne Mannheims aus dem Jahre 2000 singt er zum Beispiel: »Armageddon kommt oder ist im vollen Gange / macht euch große Sorgen / denn jetzt sind wir in der Zange / ich bange um mein Leben / denn ich höre von dem Beben / und nur für 144.000 wird es Rettung geben«.

 

Für manche mag das nur bizarres, cannabis-induziertes Gefasel gewesen sein, für mich bedeutete es damals eine besondere Form vom Amüsement: Von den 144.000 hörte ich nämlich das letzte Mal während meiner Sektenkindheit bei den Zeugen Jehovas. Die Zahl stammt – wie der Begriff »Die große Hure Babylon«, den Naidoo auch gerne benutzt – aus der Offenbarung des Johannes. Wie die Zeugen Jehovas redete Naidoo über Armageddon – die große Endschlacht – ganz naiv, ein zu eins. Nicht als Metapher für irgendetwas, den Atomkrieg vielleicht, die Klimakatastrophe... Nein, Xavier glaubte (oder glaubt immer noch), dass Gott persönlich tabula rasa macht und es im Karton rappeln lässt. Demnächst. Und selbstverständlich fängt er mit Amerika an. 1999 sagte der Mannheimer in einem Interview mit dem Musik Express: »Ich habe ein Lied geschrieben, das Atlantis ist Amerika heißt. Darin will ich erklären, was ich konkret aus der Bibel herauslesen kann: Amerika geht unter. – ME: Amerika ist Babylon? – Naidoo: Nicht nur Amerika. Auch Frankfurt ist Babylon, London und Tokio. Babylon ist überall. Aber Amerika und Tokio sind ganz oben auf der Abschussliste. – ME: Bist Du da ganz sicher? – Naidoo: Ich habe mein Wissen. Ich sehe mich als jemanden, dessen Berufung es ist, solche Dinge zu sagen.«

 

Es lohnt sich übrigens das ganze Interview zu lesen. Wenn Sie allerdings ein empathischer, hilfsbereiter Mensch sind, werden Sie sich dann womöglich genötigt fühlen, noch nachträglich den sozialpsychiatrischen Dienst in Mannheim anzurufen und einen sofortigen Hausbesuch in der Naidoo-Villa zu veranlassen. Es ist die klassische Mischung aus Hybris, Realitätsverlust und religiösem Fanatismus, die einem aus diesem Interview entgegen weht. Augenblicklich muss man an das »Jerusalem-Syndrom« denken, welches eine anerkannte psychische Störung ist und jährlich circa 100 Besucher der Stadt Jerusalem erwischt: Die an dieser Psychose Erkrankten leiden unter religiösen Wahnvorstellungen und halten sich oft für Personal aus der Bibel: Moses, König David, Daniel, Johannes der Täufer... Oder gleich für Jesus. Ich befürchte, Xavier Naidoo war zum Zeitpunkt des Interviews nur noch drei, vier Bongs oder Koks-Lines vom Messias-Sein entfernt.

 

Jetzt aber präsentiert er seit einiger Zeit statt reaktionärem Sektengebrabbel rechte Verschwörungstheorien: Deutschland GmbH, Baron »Totschild«, Politiker-Marionetten, gesteuert von unsichtbaren Mächten...

 

Wie gesagt, überrascht bin ich von der Entwicklung nicht. Dieser Weg war vermutlich ein leichter für Naidoo. Andererseits muss ich zugeben, dass die neuen Positionen eine andere Dimension haben. Das fanatische, schlichte und schriftgläubige Christentum Naidoos wurde von den meisten seiner Fans eher als Schrulle mit in Kauf genommen. Nicht viele werden ihrem Idol darin gefolgt sein und sich einem täglichen – wie es Naidoo nach eigenen Aussagen selbst praktizierte – Bibelstudium hingegeben haben. Schon weil das viel zu anstrengend ist. Ich empfehle mal einen Blick in die Offenbarung zu werfen; eine mit dem Bing-Translator übersetzte Bedienungsanleitung des CERN-Teilchenbeschleunigers ist erheblich einfacher zu verstehen und süffiger zu lesen. An rechte Verschwörungstheorien zu glauben, an die Macht von jüdischen Bankern, an Pizza-Gate, die Bohemian-Grove-Connection oder den Fortbestand des Deutschen Reiches ist da schon unaufwendiger: Naidoo-Song hören, aha, kurz mal googeln, stimmt, da steht es ja auch, dann könnte es ja wahr sein – fertig ist die Paranoia!

 

Anderseits musste ich schon sehr darüber lachen, dass Naidoo und seine Mitsöhne (Geschwister? Brüder?) sich bereitwillig mit dem Mannheimer Oberbürgermeister trafen, weil dieser von der Gruppe Aufklärung über »antistaatliche Aussagen« gefordert hatte. Da scheinen doch beiderseitig einige Missverständnisse vorzuliegen. Erstens wäre es in einer Demokratie eine ungewöhnliche Forderung, dass Kunst/Kultur – in diesem Fall Popmusik — staatstragende Aussagen zu tätigen hätte, und zweitens scheint es mir etwas weicheiig zu sein, erst das ganze System für korrupt, marode und abgrundtief böse zu erklären, dann aber den Segen und die Absolution eines Kommunalpolitikers zu erwarten. Man stelle sich mal vor, Ton Steine Scherben oder die Dead Kennedys hätten sich mit Willy Brandt oder Ronald Reagan getroffen, in der Hoffnung, den Rücken oder etwas anderes gekrault zu bekommen.

 

Wobei ich einen fundamentalen Unterschied zwischen den Reichsbürgerfantasien Naidoos und den Anarcho-Botschaften von Ton Steine Scherben oder mancher Polit-Punkbands sehe. Auch wenn es von Konservativen immer wieder gerne behauptet wird: links ist nicht gleich rechts – und vor allem ist links nicht gleich links. Wenn eine Band in ihren Texten radikale individuelle und gesellschaftliche Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit fordert, jede Form von Hierarchie ablehnt und sich dabei mit allen anlegt (auch mit den Dogmatikern aus dem vermeintlich »eigenen« Lager – nicht umsonst wurden die Songs der Scherben sowohl von der DDR-gläubigen DKP wie von nahezu allen linksradikalen K-Gruppen wegen ideologischer Unklarheit abgelehnt), hat das eine andere Qualität, als wenn man sich an eine autoritäre und die Ungleichheit der Menschen propagierende Bewegung wie die Reichsbürger anflanscht. Auch wenn beides auf den ersten Blick »antistaatlich« ist. Beim Einen geht es aber um Menschenrechte und um die Thematisierung von menschlichen Sehnsüchten – die manchen sicher zu naiv, schlicht oder radikal formuliert wurden –, beim Anderen um antihumanistisches Gedankengut und das Schüren von Angst, Ressentiments und Hass.

 

Letzteres gibt es übrigens nicht nur in der populären Kultur und auf so schlichtem Niveau wie bei Naidoo oder Frei.Wild. Auch in der »höheren« Kultur lappen immer wieder Künstler nach rechts rüber. Ob Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff verliebt in ein Mikrofon seufzt, dass »Sarrazin ihm aus der Seele spreche«, Botho Strauß von einer »Flutung des Landes mit Fremden« warnt oder der miesepetrige französische Kulturpessimist Michel Houellebecq wie üblich maximal provokativ pöbelt: »Die dümmste Religion ist doch der Islam. Eine Religion, die sich nur Kamelficker ausdenken konnten«. Im vorletzten Jahr gab es einen besonders spektakulären Fall im deutschen Theaterbetrieb. Der gefeierte lettische Regisseur Alvis Hermanis kündigte seine Zusammenarbeit mit dem Thalia Theater auf, weil dessen flüchtlingsfreundliche Haltung ihm nicht gefiel. In einem Brief an den Intendanten begründete er die Absage einer bereits vereinbarten Inszenierung unter anderem damit, dass zwar nicht alle Flüchtlinge Terroristen seien, aber alle Terroristen wären nun mal Flüchtlinge gewesen. Oder Kinder von Flüchtlingen. Man befände sich in einem Krieg und müsse sich entscheiden, auf welcher Seite man stehe. Das Thalia und er stünden offensichtlich auf entgegengesetzten Seiten.

 

Natürlich gibt es rechte Künstler und Künstlerinnen. Oder Künstler, die rechte Positionen reizvoll finden. Das ist nichts Neues. Sich darüber zu wundern und darüber zu jammern, wäre naiv. Warum sollten Künstler besser oder klüger als andere Menschen sein? Aber wie geht man mit diesem Phänomen um? Letztlich so, wie man überhaupt mit der Neuen Rechten, mit der AfD und Pegida, mit der »Jungen Freiheit« und rechtsgewendeten 68ern umgehen muss: Indem man ihnen argumentativ und auf allen Ebenen – als Künstler vor allem mit Kunst – widerspricht, frontal und immer wieder. Wir müssen offensiv dagegen halten. Nicht mit »staatstragender« Kultur, wie es manche Politiker jetzt wohl gern hätten, sondern mit Kritik, Witz, Ironie, Leidenschaft und gezielten künstlerischen Tritten ins Gemächt der Rechten. Das Gute ist: Rechte Kunst ist in der Regel öde und deswegen nur bedingt attraktiv. Bis auf wenige, vielleicht um so gefährlichere Ausnahmen ist sie – egal ob in der Hochkultur oder im Pop – mythisches Geschwurbel, verbitterte Hate-Speech, humorloser Pathos, sich windendes ideologisches Raunen. Oder auf tausend andere Arten peinlich...

 

Apropos: Zum Schluss noch eine letzte Peinlichkeit aus dem Œuvre Xavier Naidoos. Der Song Ruth Maude aus dem Jahr 2009, in dem es irgendwie um Angela Merkel, Helmut Schmidt und andere Politiker geht. Und darum dass er, Naidoo, endlich die Wahrheit über sie sagen will. Oder so ähnlich. Nehmen Sie dieses kleine Zitat doch einfach mit in Ihren Alltag. Auch als ästhetische Warnung vor dem offensichtlich schlichtgekifften Apokalyptiker aus Mannheim. Aber denken Sie nicht zu lange darüber nach, weder formal noch inhaltlich. Man bekommt Kopfschmerzen davon: »Ruth Maude / Zwei Englische Vornamen / Ähnlich wie Rufmord / Genau das, was wir hiermit vorhaben.« Und nein, man muss das nicht aus dem Zusammenhang reißen, damit es irre klingt. Ich schwöre.

 

Ihr Hartmut El Kurdi

 

PS: Ein bisschen erinnert mich Ruth Maude formal an die Gangsta-Rap-Parodie des deutschen Comedian Abdelkarim: »Ich geh in den Wald mit meiner Beretta. Ich schieß' auf Jäger, ich bin der Bär-Retter.« Da kann man sich gar nicht entscheiden, was lustiger ist.


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