#9 Blau-Gelb vor Neid

Endlich wieder auf dem Spielplan: Die FDP und ihr Lieblingsstück

13.06.17

Selten passiert es mir, dass mich etwas zu Tode langweilt und gleichzeitig einen maßlosen Furor in mir auslöst. Das seit Jahrzehnten rituell wiederholte, dadurch aber nicht weniger abstoßend gewordene Reden der FDP über den angeblichen Neid in unserer Gesellschaft ist eines dieser Phänomene. 

 

Wann immer jemand in den letzten 30 Jahren kritisierte, dass die Reichen in Deutschland immer reicher und die Armen immer ärmer werden oder dass bestimmte Milieus einen schlechteren Zugang zu Bildung und Kultur und fast keine Aufstiegschancen mehr haben und dass man dies ändern müsse, stand jemand aus der FDP auf, holte den Sozialneid-Hammer aus dem Sack und zog ihn den Gerechtigkeitsfanatikern über den Schädel: Die, die so redeten, planten eine wirtschaftsfeindliche Umverteilung und wollten – statt selbst durch eigene Arbeit zum Wohlstand beizutragen – den zu Recht Erfolgreichen, den Leistungsträgern, etwas wegnehmen, etwas, was diese sich redlich verdient hätten...

 

Und dann war die FDP plötzlich weg vom Fenster. Und es herrschte kurz mal Ruhe. Hin und wieder versuchte es jemand aus dem Unternehmer-Flügel der CDU mit der gleichen Argumentation. Aber eher lustlos, sich dabei verwirrt umschauend: Na, wo sind sie denn die FDPler, das machen doch sonst die, och nöö, alleine ist das nur der halbe Spaß ... Nicht, dass sich dadurch an der Politik etwas änderte, aber manchmal ist man ja schon froh, wenn die unangenehme Realität nicht auch noch durch eine scheinheilige Argumentation legitimiert wird. Außerdem hatte man gehofft, jetzt endlich mal über den wirklichen Neid in dieser Gesellschaft  reden zu können. Und über die, die ihn schüren.

 

Aber dann kamen die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und NRW und die Partei der Besserverdiener erhob sich aus dem Grab. Und alles war beim alten. Christian Lindner – der neue Messias, der Guru, der Bhagwan Shree Rajneesh des wiedererstarkten parlamentarischen Arms des Neoliberalismus – betrat die Bühne und sang das gute alte Liberalen-Mantra: Den materiell Schwachen und Benachteiligten und auch dem darbenden Mittelstand sei nicht geholfen, wenn man den Millionären und Milliardären etwas wegnähme, solche Forderungen bedienten nur den niedersten Instinkt im Menschen: den Neid.

 

Wenn Lindner und andere Wirtschaftsliberale von Neid sprechen, meinen sie die Missgunst. Der Neid hat ja durchaus noch andere Facetten, aber wir wollen hier nicht klugscheißern oder wortpingeln. Der missgünstige Neider gönnt dem anderen seinen Besitz nicht, will ihm diesen wegnehmen und den Besitzer so schädigen. Statt sich selbst arbeitend um eine Verbesserung der eigenen Lage zu bemühen.

 

Nur mal zu den Fakten: In Deutschland verdienen Manager oder Firmenchefs im Durchschnitt das 147-fache ihrer Angestellten. Das bedeutet konkret: 4,7 Millionen Euro im Jahr für den Chef gegenüber 32.000 Euro für den Angestellten. Bei VW bekommt der Chef auch gerne mal das 300-fache des Arbeiterlohns (2011 zum Beispiel verdiente  der damalige Vorstandvorsitzende Martin Winterkorn 17,4 Millionen). Das finden die meisten Menschen ungerecht und unverhältnismäßig. Aber wenn wir uns anschauen, was diese faulen, von Neid zerfressenen Werktätigen-Zombies ihren Chefs tatsächlich gönnen würden, ist man von ihrer Großzügigkeit überrascht. Eine Studie befragte Menschen in 40 Ländern nach dem wünschenswerten und als gerecht empfundenen Verhältnis zwischen Chef- und Angestelltenlohn. In Deutschland antworteten die Befragten, sie würden den Firmenchefs das sechs bis siebenfache Jahresgehalt zugestehen. Also irgendetwas um 200.000 Euro. Eigentlich ein recht anständiges Einkommen. Die Bundeskanzlerin zum Beispiel verdient so viel. Um mit Rainald Grebe zu reimen: Klaus, Neid sieht anders aus.

 

Und vermutlich würde auch niemand meckern, wenn die CEOs  eine halbe oder ganze Million verdienen würden. Oder wenn die Kanzlerin dies verdiente – denn warum die Chefin von Deutschland ein niedrigeres Einkommen hat als der Chef von BASF oder BMW ist nicht wirklich einzusehen. 1965 waren die Einkommen der Manager übrigens noch auf einem solchen Stand. Damals lag deren Durchschnittsverdienst ungefähr beim 20fachen des Verdienstes ihrer Angestellten. Eine Begrenzung auf dieses Niveau – oder eine spürbar höhere Besteuerung der Top-Einkommen  – wäre ein Versuch, den sozialen Frieden zu wahren. Denn selbst Kapitalismusbefürworter können kein Interesse daran haben, dass alles komplett aus dem Ruder läuft. Je ungerechter das System sich präsentiert, desto lustloser arbeiten die Menschen mit.

 

Doch statt die Gesellschaft zu befrieden, lässt man zu, dass die wachsende Ungleichheit von interessierten Kreisen benutzt und die Unzufriedenheit umgelenkt wird. Auf ein anderes Objekt. So produziert man tatsächlich Missgunst: Man redet den Menschen ein, dass andere Menschen, denen es genauso schlecht oder in der Regel noch schlechter geht, Schuld an ihrer Misere sind. Im Moment geraten so die Flüchtlinge ins Visier. Wir kennen alle die Sätze, die davon handeln, dass »die« alles vorne und hinten reingesteckt bekommen,  aber für die deutschen Rentner und Familien wäre nichts da... Oder das Lamento über die  berühmten Smartphones, die sich die Flüchtlinge leisten können...  Oder die Internet-Hoaxes von den deutschen Mietern, die für Asylbewerber aus ihren Wohnungen geschmissen werden...

 

Komisch, dass man von Christian Lindner und der FDP zu dieser Form des Neids nichts hört. Aber was soll man von einer Partei erwarten, deren Mitglieder und Wähler im Schnitt sehr gut verdienen, die aber seit Jahren Sozialhilfe- und Hartz-IV-Empfängern unterstellt, sie würden sich in der sozialen Hängematte ausruhen. Das ist die absurdeste Form des Neids: Gutverdiener neiden den Armen das Existenzminimum.

 

Wie so oft liegt auch bei diesem Thema die Wahrheit wahrscheinlich zwischen den Polen. In diesem Fall irgendwo zwischen dem rheinischen Credo »Mer muss och jünne künne« (Man muss auch gönnen können) und Georg Büchners »Friede den Hütten! Krieg den Palästen«.

 

In diesem Sinne wünsche ich ihnen eine neidfreie und gerechte Sommerzeit

 

Ihr leistungsfeindlicher Umverteilungsbeauftragter

 

Hartmut El Kurdi.

 

PS: Ich möchte ja nicht persönlich werden, aber es ist schon komisch, dass  ausgerechnet Christian Lindner ständig betont, die Menschen seien nun mal unterschiedlich und würden von der Natur jeweils mit bestimmten Vor- und Nachteilen ausgestattet. Und dass man das akzeptieren müsse. Alles andere sei »Gleichmacherei«. Angesichts der Tatsache, dass die Natur Lindner mit einer nach hinten wandernden Stirnglatze bedacht hat, er aber anderen Menschen das volle Haupthaar so neidet, dass er sich Haare transplantieren ließ, scheint mir seine Fähigkeit, die Ungleichheit der Menschen zu akzeptieren auch nicht grade stark entwickelt zu sein. Aber was soll ich sagen: Ich gönne ihm die Matte aus vollem Herzen!


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