Die Edda

neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason

ZUM STÜCK

Nachdem der gähnende Abgrund im Norden eine kalte Nebelwelt und im Süden eine Feuerregion hervorgebracht und die Hitze des Südens auf die von Norden herabströmenden Eisflüsse gewirkt hatte, wurde ein heftiges Gift ausgesondert. Aus diesem Gift wurde ein Nieselregen, der zu Reif gerann. Der Reif schmolz und tröpfelte, und daraus wurde Leben in Gestalt einer unbeholfenen, gigantischen, hermaphroditischen Figur, die Ymir heißt. Der Riese schlief, und im Schlaf schwitzte er. Einer seiner Füße zeugte mit dem anderen einen Sohn, während unter seiner linken Hand ein Mann und ein Weib entstanden. Der Reif schmolz und rann immer weiter, und es verdichtete sich aus ihm eine Kuh, Audumla. Aus ihrem Euter flossen vier Milchströme, von denen Ymir sich nährte, während die Kuh, um sich zu ernähren, die salzigen Eisblöcke leckte und dadurch einen Mann freilegte. Sein Name war Buri. Er hatte einen Sohn namens Borr, der eine Riesentochter der von Ymir gezeugten Geschöpfe heiratete. Sie gebar die Dreiheit Odin, Vili und Ve, und diese erschlugen den schlafmützigen Ymir, zerstückelten den Körper und zimmerten aus ihm die Welt. So wird in der Edda, der großen nordischen Sagensammlung, der Anfang aller Dinge erzählt. Und das Ende: In Jotunheim, dem Land der Riesen, soll ein hellroter Hahn krähen, in Walhall der Hahn Güldenkamm, ein braunroter Hahn in der Unterwelt. Der Höllenhund Garm am Eingang der Klippenhöhle, soll ein riesiges Maul auftun und gellend heulen, die Erde erbeben, Felsen und Bäume zersplittern, das Land überflutet werden. Die Fesseln der Ungeheuer, die zu Anfang gebändigt worden waren, sollen zerreißen: Der Feriswolf soll losbrechen, den Unterkiefer aufgesperrt bis zur Erde, den Oberkiefer bis zum Himmel (»er würde ihn noch weiter aufreißen, wenn Platz wäre«), Feuer speiend aus Nüstern und Augen. Die weltumspannende Schlange, der kosmische Ozean, soll sich in gigantischem Zorn erheben und mit dem Wolf das Land verwüsten, während ihr giftiger Hauch Luft und Wasser durchsetzt. Naglfar, das aus den Nägeln der Toten erbaute Schiff, soll losgemacht werden und die Riesen heranführen, ein anderes die Bewohner der Unterwelt, und von Süden sollen die Feuersöhne anrücken. Wenn dann der Wächter der Götter ins gellende Horn stößt, werden die Kriegersöhne Odins sich zur letzten Schlacht sammeln. Aus allen Richtungen werden die Götter, Riesen, Dämonen, Zwerge und Elfen zum Schlachtfeld streben. Die Weltesche Yggdrasil wird erzittern, und nichts auf Erden und im Himmel wird sich der Furcht entziehen können. Odin soll den Wolf angreifen, Thor die Schlange, Tyr den Hund – das schlimmste Untier – und Freyr den Surt, den Mann des Feuers. Thor soll die Schlange zerschmettern, noch zehn Schritte tun können und dann, dem Gifthauch erlegen, tot zur Erde fallen. Odin soll vom Wolf verschlungen werden und dieser dann von Widar besiegt werden, dem es gelingt, den Fuß auf den Unterkiefer zu setzen, mit der Hand den Oberkiefer zu packen und das Maul zu zerreißen. Loki und Heimdall sollen sich gegenseitig erschlagen, und schließlich soll Surt Feuer über die Erde werfen und die Welt verbrennen. Dazwischen: Götter- und Heldengeschichten. Grundlegende Wahrheiten in symbolischer Verhüllung. Mit Edda werden zwei unterschiedliche Textsammlungen des 13. Jahrhunderts bezeichnet: Die Lieder-Edda, deren Stoffe (wie der vom Nibelungenuntergang) bis in die Völkerwanderung zurückreichen, sowie die so genannte Prosa-Edda des isländischen Dichters und Politikers Snorri Sturluson (1178 – 1241), der ein gelehrtes Werk über die Dichtkunst, die Technik und den Wert des Erzählens verfasst hat und darin nebenbei Göttergeschichten der nordischen Mythologie überliefert hat. In den folgenden Jahrhunderten wurden sie ständig weitererzählt, umgedichtet, politisch in Anspruch genommen, missbraucht.


THORLEIFUR ÖRN ARNARSSON (geb. 1978) wird sich gemeinsam mit dem Autor MIKAEL TORFASON (geb. 1974) in den Stoff der Edda begeben, ihn neu lesen, überschreiben und versuchen, in die Tiefe eines gegenwärtigen Gefühls, in das Unbewusste unserer Gesellschaft vorzudringen, das sich aus den alten Geschichten speist, die sich in den verschiedensten Kulturkreisen aufs Verblüffendste ähneln. Bereits 2015 widmeten sie sich der isländischen Saga Njala. Der am Borgarleikhus Reykjavík entstandene Abend erhielt den höchsten isländischen Theaterpreis in zwölf Kategorien.

REGIETEAM

Regie Thorleifur Örn Arnarsson + Bühne Wolfgang Menardi + Kostüme Karen Briem + Musikalische Leitung Gabriel Cazes + Dramaturgie Judith Gerstenberg / Johannes Kirsten

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