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El Kurdis Kolumne

Ab sofort erscheint an dieser Stelle monatlich El Kurdis Theaterkolumne. Der Autor Hartmut El Kurdi, bekannt als satirischer Kolumnist bei taz, Stadtkind und ZEIT Leo, Theater- und Kinderbuchautor, ist dem Schauspiel Hannover als (ehemaliger) Dramaturg und nach wie vor als Gastgeber der Reihe Teilzeit-Flaneure verbunden. Nach Kiyaks Theater Kolumne am Maxim Gorki Theater Berlin ist El Kurdis Kolumne nun die zweite Theaterkolumne Deutschlands.

 

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16.04.18

#12 Paradoxe Propaganda

#12 Paradoxe Propaganda

 

Ich bin so alt, dass ich noch Menschen kenne, die von ihren in NS-Rassenkunde geschulten und dann meist im Vorbeigehen entnazifizierten Eltern oder Großeltern quasi täglich die gebellte Anweisung bekamen, sie sollten doch gefälligst die »Hottentottenmusik« ausmachen. Auf dem Plattenteller lagen dann ironischerweise meist die Beatles, die Rolling Stones oder Elvis. Also weiße Künstler.

 

Ich selbst habe das allerdings nicht mehr erlebt. In meiner Generation wurde Popmusik nur noch selten mit rassistischen Argumenten abqualifiziert. Was natürlich nicht hieß, dass es in den 70ern und 80ern keinen Rassismus gab. Aber der richtete sich eher gegen die realen Gastarbeiter  und Besatzungskinder von nebenan als gegen die medial vermittelten schwarzen oder südeuropäischen Unterhaltungskünstler. Selbst die Elterngeneration hörte Harry Belafonte und war stolz auf Roberto Blanco, solange keiner von beiden versuchte, die eigene Tochter zu schwängern...


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25.01.18

#11 Endzeit-Dyskalkulie oder: Die maximale moralische Katastrophe

#11 Endzeit-Dyskalkulie oder: Die maximale moralische Katastrophe

 

Meine Kindheit wurde durch zwei Katastrophen geprägt. Die eine war real und hatte bereits stattgefunden, die andere war nur eine komplett irreale Drohung.

 

Die reale Katastrophe war das Schlimmste, was Deutschland je erlebt und angerichtet hatte. Wobei diese Ambivalenz nur von den wenigsten gesehen wurde. Zumindest in der Generation meiner Mutter und der ihrer Eltern. In diesen Kreisen schien nur ein Aspekt dieser Katastrophe eine Rolle zu spielen: der Krieg. Wenn ich den Gesprächen der Erwachsenen über »den Krieg« lauschte – und es wurde ständig über den Krieg geredet – , hatte ich stets das Gefühl, es ginge dabei um eine singuläres, für sich stehendes Ereignis. Ohne Anlass, ohne Gründe, ohne Zusammenhang...


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03.11.17

#10 Eins von diesen Dingen ist nicht wie das andere

Suchbilder im familiären Schnappschuss-Bereich

#10 Eins von diesen Dingen ist nicht wie das andere

So, jetzt weile ich wieder unter den Kolumnierenden. Ich war ja ein bisschen raus – das lag daran, dass ich kurzfristig mein Kolumnisten-Schreibkabuff im Keller des Schauspielhauses verlassen und meinen Aufenthaltsort auf die Probebühne in Bornum verlagert hatte. Ende Oktober fand nämlich die Premiere meines Stückes »HOME.RUN« in Cumberland statt, und da ich an diesem Theaterabend selbst auf der Bühne stehe und agiere (gemeinsam mit der Musikerin Maria Rothfuchs), musste ich vorher auch proben. Acht Wochen lang. Da kommt man ja nebenher zu gar nichts mehr. Und eine zeitaufwändige Tätigkeit wie das Kolumnieren – die bekanntlich mit viel Recherche, Nachdenken und Konfekt essen verbunden ist – kann man da gleich vergessen.


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13.06.17

#9 Blau-Gelb vor Neid

Endlich wieder auf dem Spielplan: Die FDP und ihr Lieblingsstück

#9 Blau-Gelb vor Neid

Selten passiert es mir, dass mich etwas zu Tode langweilt und gleichzeitig einen maßlosen Furor in mir auslöst. Das seit Jahrzehnten rituell wiederholte, dadurch aber nicht weniger abstoßend gewordene Reden der FDP über den angeblichen Neid in unserer Gesellschaft ist eines dieser Phänomene. 

 

Wann immer jemand in den letzten 30 Jahren kritisierte, dass die Reichen in Deutschland immer reicher und die Armen immer ärmer werden oder dass bestimmte Milieus einen schlechteren Zugang zu Bildung und Kultur und fast keine Aufstiegschancen mehr haben und dass man dies ändern müsse, stand jemand aus der FDP auf, holte den Sozialneid-Hammer aus dem Sack und zog ihn den Gerechtigkeitsfanatikern über den Schädel: Die, die so redeten, planten eine wirtschaftsfeindliche Umverteilung und wollten – statt selbst durch eigene Arbeit zum Wohlstand beizutragen – den zu Recht Erfolgreichen, den Leistungsträgern, etwas wegnehmen, etwas, was diese sich redlich verdient hätten...


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18.05.17

#8 Mein Aluhut, der hat drei Ecken

Über Künstler mit Rechtsdrall

#8 Mein Aluhut, der hat drei Ecken

Ich kann mich nicht ganz entscheiden, ob ich das Theater um Xavier Naidoo, die Söhne Mannheims und ihren Song Marionetten albern oder berechtigt finde. Dass Naidoo nicht der Hellste ist, dürfte eigentlich niemanden überraschen. Und dass er weltanschaulich in wirren und ekligen Paralleluniversen abhängt, ist ebenfalls schon länger bekannt. Früher beschränkte er sich allerdings darauf, christlich-fundamentalistisch-apokalyptisch vor sich hin zu orakeln. In Armageddon, einem Lied der Söhne Mannheims aus dem Jahre 2000 singt er zum Beispiel: »Armageddon kommt oder ist im vollen Gange / macht euch große Sorgen / denn jetzt sind wir in der Zange / ich bange um mein Leben / denn ich höre von dem Beben / und nur für 144.000 wird es Rettung geben«...


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06.04.17

#7 Der Schulz-Infekt

Über die rätselhafte neue Placebo-Krankheit der SPD

#7 Der Schulz-Infekt

Soviel Begeisterung, Aufbruchsstimmung und Heldenverehrung gab es in der SPD seit Willy Brandt nicht mehr. Die Älteren werden sich erinnern: Egal ob Arbeiter, Intellektuelle oder der nicht linksradikalisierte Teil der Studentenschaft – Brandt bekam Zuspruch aus vielen Milieus und Generationen. Alle trugen die prilblumenähnlichen Buttons mit »Willy wählen«, einem Slogan, der ebenso sozialdemokratisch-kumpelig wie hippie-duzend daherkam, also Arbeiter-Tradition und popkulturellen Fortschritt vereinte, 60er/70er-Jahre eben...


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07.03.17

#6: ZWISCHEN DÜNKEL UND HALTUNGSLOSIGKEIT

Über die unsolidarische Reaktion einiger Journalisten auf die Inhaftierung Deniz Yücels

#6: ZWISCHEN  DÜNKEL UND HALTUNGSLOSIGKEIT

Wenn es nicht so gefährlich wäre, könnte man sich über das, was manche deutsche Journalisten unter Journalismus verstehen, amüsieren. Ein Teil der Branche kann es nämlich immer noch nicht fassen, dass das traditionell rechtsradikale Viertel/Fünftel der Bevölkerung den Stammtisch verlassen hat und jetzt auf einmal wählen geht, öffentlich rumpöbelt, auf Demos »Lügenpresse« keift und Reporter verbal und körperlich attackiert.


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20.01.17

#5: Wo Rechts zu Doppelplus-Unrechts wird, wird Widerstand zur Pflicht

Über Neusprech, Doppeldenk und die AfD im postfaktischen Zeitalter

#5: Wo Rechts zu Doppelplus-Unrechts wird, wird Widerstand zur Pflicht

Die Zeugen Jehovas sagten für das Jahr 1975 Harmagedon voraus - das jüngste Gericht, die Endschlacht zwischen Gut und Böse, die Apokalypse. Als am 1. Januar 1976 die Welt noch stand beziehungsweise sich immer noch drehte und auch die Erdbevölkerung morgens wieder relativ geschlossen zum Appell antrat –  mit dem üblichen natürlichen Schwund – gab es eine Austrittswelle. Viele Sektenmitglieder wandten sich enttäuscht ab...


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19.12.16

#4: A Night at the Opera

oder: Witze mit Barth

#4: A Night at the Opera

Das Staatstheater Hannover hatte kürzlich Besuch. Nicht wir vom Schauspiel, sondern die Kollegen von der Oper. Mario Barth schaute mit versteckter RTL-Kamera vorbei und prangerte Steuerverschwendung an. Schwer investigativ. Es ging dabei allerdings weder um goldene Wasserhähne im Intendantenklo noch um karamellisierte Pavian-Hoden in der Kantine oder um Koks, Nutten und Stricher für Starregisseure. Es ging um die Oper an sich. Barth findet es skandalös, dass die Musiktheater-Inszenierungen vom Steuerzahler bezahlt werden, während Kindergärten das Geld fehlt. Das war – im Groben – der Zusammenhang beziehungsweise der Antagonismus, den er konstruierte...


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14.11.16

#3: Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität

#3: Alles, was uns fehlt, ist die Solidarität

Es hat alles nichts genutzt: Die vielen durchaus gelungenen Witze über das Meerschweinchen das Donald Trump auf seinem Kopf spazieren trägt und die Frage, wie er es schafft, dass es so lange still hält; die Verachtung, die dem geschmacklosen protzreichen Blattgoldliebhaber von der amerikanischen Kulturelite entgegen gebracht wurde; das Benennen der Trumpschen Lügen und das Anprangern seiner rassistischen und sexistischen Weltsicht ... Alles für die Katz!


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