#11 Endzeit-Dyskalkulie oder: Die maximale moralische Katastrophe

25.01.18

Meine Kindheit wurde durch zwei Katastrophen geprägt. Die eine war real und hatte bereits stattgefunden, die andere war nur eine komplett irreale Drohung.

 

Die reale Katastrophe war das Schlimmste, was Deutschland je erlebt und angerichtet hatte. Wobei diese Ambivalenz nur von den wenigsten gesehen wurde. Zumindest in der Generation meiner Mutter und der ihrer Eltern. In diesen Kreisen schien nur ein Aspekt dieser Katastrophe eine Rolle zu spielen: der Krieg. Wenn ich den Gesprächen der Erwachsenen über »den Krieg« lauschte – und es wurde ständig über den Krieg geredet – , hatte ich stets das Gefühl, es ginge dabei um eine singuläres, für sich stehendes Ereignis. Ohne Anlass, ohne Gründe, ohne Zusammenhang. Was da alles ausgelassen wurde, wusste ich in diesem Moment natürlich noch nicht. Es wurde ja ausgelassen. Später verstand ich, vom Krieg zu sprechen, bedeutete für diese Generation vom Nationalsozialismus zu schweigen. Selten wurde Hitler erwähnt, der Holocaust war genauso wenig Thema wie die Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Man erzählte vom deutschen Elend, vom Hunger, von Kälte, von gefallenen Bekannten und Verwandten, von Vertreibung, Kriegswaisen und -witwen. Man sprach von einer Katastrophe, für die man scheinbar nichts konnte, die einfach passiert war. Wenn überhaupt, waren die Amis und die Engländer auf eine gewisse Art schuldig oder zumindest verantwortlich für großes Leid, denn sie hatten ja unsere Städte ohne Not in Schutt und Asche gelegt. Noch schlimmer waren aber die Russen. Die hatten die Ostgebiete annektiert, unschuldige Menschen vertrieben, getötet und deutsche Frauen vergewaltigt.

 

Irgendwann erfuhr ich dann aber in der Schule ­ – oder zuerst durchs Fernsehen? – die ganze Wahrheit: Dass diese Katastrophe noch viel umfassender und schrecklicher gewesen war, als mir mein familiäres Umfeld mitgeteilt hatte. Vor allem erfuhr ich, dass die Menschen in Deutschland nicht nur Opfer, sondern zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf die eine oder andere Art auch Täter gewesen waren. Mir wurde klar, dass dies alles quasi gerade erst stattgefunden hatte und zwar überall in Deutschland, auch in Kassel, der Stadt, in der ich wohnte. Und dass viele der Täter noch lebten. Nicht im Gefängnis, sondern mitten unter uns. Sie waren Lehrer, Ärzte, Handwerker, Arbeiter, Professoren, Theaterintendanten, Politiker. Schon als Kind und erst recht als Jugendlicher fand ich das schockierend, beschämend und verstörend. Dieses Gefühl hat mich nie wieder verlassen.  

 

Dass eine zweite Katastrophe in meinem Leben eine nicht unbedeutende Rolle spielte, resultierte aus dem Umstand, dass meine Mutter Anfang der 70er Jahre den Zeugen Jehovas beitrat. In einer anderen Kolumne erwähnte ich bereits einmal, dass ich das gesamte Jahr 1975 auf den Weltuntergang wartete. Auf das jüngste Gericht, auf »Harmagedon«. Die Zeugen Jehovas hatten nämlich mithilfe einer komplizierten und durch und durch irren Berechnungsformel herausgefunden, dass im Jahre 1975 das »Ende des Systems der Dinge« – so lautete das große tabula rasa im absurd religiös-bürokratischen Zeugen-Sprech – gekommen sei. Am 1. Januar 1976, der zu meiner Überraschung dann doch stattfand, begann mein langsamer mentaler Ausstieg aus dieser Religionsgemeinschaft, den ich dreieinhalb Jahre später, mit vierzehn, durch die Verweigerung weiterer Besuche der Zeugen-Zusammenkünfte auch formal vollzog.

 

Sicher: Sowohl die von Nazi-Deutschland angerichtete Katastrophe wie auch der Weltuntergang waren glücklicherweise nichts, was ich buchstäblich am eigenen Leib hatte erleben müssen: Harmagedon war einfach ausgefallen und das Dritte Reich vor meiner Geburt untergegangen. Und trotzdem prägten sie meine Haltung  zu anderen echten, vermeintlichen oder angekündigten Katastrophen. Zumindest bis vor einigen Jahren. Ich konnte lange, anders als viele Menschen um mich herum, wegen solcher Desaster-Szenarien nicht in Panik geraten. Egal aus welcher Ecke sie kamen. Ob es der drohende Überfall des Iwans auf den freien Westen war, die Gefahr des Terrorismus, der atomare GAU, der Abschuss von nuklearen Mittelstreckenraketen mit anschließendem Weltkrieg – oder die Zerstörung aller Waldbestände durch den sauren Regen... Manches hielte ich für herbeifantasiert oder gelogen, manches für übertrieben, manches durchaus für eine realistische Bedrohung, weswegen ich zum Beispiel Anfang der 80er mehrmals im Bonner Hofgarten gegen die Nachrüstung protestierte oder bei diversen Gelegenheiten an verschiedenen Orten gegen Atomkraftwerke. So ernst ich diesen Protest meinte, dachte ich dabei gleichzeitig und abwechselnd: »Wird schon schief gehen.« Und: »Wenn es denn so kommt, muss es wohl so kommen«. Ich war einfach nicht bereit, mich ins Bockshorn jagen zu lassen. Zumindest die größeren politischen Zusammenhänge betreffend. Privat sah das übrigens anders aus.

 

Was den Einfluss der Harmagedon-Drohung auf diese panikvermeidende Haltung angeht, muss ich vermutlich nicht viel erklären – wobei: ganz so einfach war und ist es auch wieder nicht. Ja, man hatte mich angelogen; dass diese Erfahrung eine gewisse Skepsis gegenüber Endzeit-Prophezeiungen begünstigt, leuchtet ein. Aber: So sicher, dass die Zeugen nicht die Wahrheit gesagt hatten, war ich mir gar nicht. Zumindest nicht sofort. Ich war elf Jahre alt. Klar, es war Neujahr 1976, die Welt stand immer noch, ich lebte – und auch sonst war alles beim alten. Damit war der Zweifel zwar gesät, ich traute mich jedoch lange Zeit nicht, ihn zu formulieren. Nicht in meinem Kopf  und schon gar nicht gegenüber anderen. Ich wagte auch nicht auszusprechen, dass ich das Gefühl hatte, jemand wolle mich verarschen, einschüchtern und kontrollieren. Trotz allem glaubte ich nämlich, dass das Glaubensgebäude der Zeugen Jehovas doch stimmen könnte. Ich hielt es durchaus für wahrscheinlich, dass sie sich bezüglich des Datums einfach nur verrechnet hatten. Vielleicht hatte ein »Bruder« mit Dyskalkulie in der Zentrale in Brooklyn irgendwo subtrahiert, wo er hätte addieren sollen. Sowas kommt ja vor. Ich kannte das.

 

Als ich dann einige Jahre später wirklich so weit war auszusteigen, tat ich es nicht, weil die Zeugen Jehovas mich angelogen hatten, sondern weil ich dachte: Wenn Gott wirklich auf Seiten dieser manipulativen, dummen, inhuman agierenden Angstmacher-Pfeifen steht, dann will ich nichts mit ihm zu tun haben und gehe lieber bei Harmagedon drauf. Ich rechnete nämlich selbst zu diesem Zeitpunkt tief im Innersten immer noch mit der Katastrophe. Nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht in fünf, zehn oder zwanzig Jahren.  

Es dauerte tatsächlich noch einmal einige Zeit, bis ich nicht mehr davon ausging, dass Jehova mich und alle anderen Ungläubigen demnächst vom Spielfeld räumen würde.

 

Ich hatte aus diesem Fiasko offensichtlich zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Schlüsse gezogen: dass manche Katastrophen unvermeidbar sind und man sie akzeptieren muss, dass manche Katastrophen aber auch gar nicht stattfinden. So oder so: Bange machen gilt nicht!

 

Die zweite, die deutsche Katastrophe, erzeugte in mir vor allem das Gefühl: Das Schlimmste ist schon passiert. Was sollte da noch kommen? Tatsächlich wäre ein atomarer Krieg mit 100 Millionen Toten und einer auf Jahrhunderte hin verseuchten Erde objektiv gesehen eine größere Katastrophe als der zweite Weltkrieg und alle Naziverbrechen zusammen. Wenn man in solchen vergleichenden, aufrechnenden Kategorien überhaupt denken mag. Trotzdem erschien mir immer das Dritte Reich als die größte vorstellbare moralische Katastrophe: Ein System, das nicht, wie manch anderes grausame Regime Millionen Tote in Kauf nimmt, kollateral oder als Mittel zum Zweck, aus Hab- oder Machtgier, sondern ein System, in dem der Hass, das Töten, die Verachtung menschlichen Lebens elementarer Bestandteil der Ideologie, des Denkens und des Handelns war. Vielleicht schlägt da doch meine religiöse Erziehung durch: Die Nazis waren für mich immer das Böse an sich. Der Gott-sei-bei-uns. Dagegen verblasste in meinem Empfinden jede andere Bedrohung.

 

 

Und plötzlich stelle ich fest – ich weiß nicht wann zum ersten Mal, vielleicht vor zehn Jahren –, dass mich meine halb fatalistische, halb optimistische Grundhaltung, die mich stets vor Panik bewahrt hatte, immer öfter verließ. Nach wie vor ist es so, dass mich nicht der Klimawandel, das Insektensterben oder die Vermüllung der Weltmeere wirklich ängstigen, obwohl dies alles – objektiv gesehen – Gründe wären, durchzudrehen. Weil es bei diesen Themen tatsächlich ums Überleben geht. Wenn nicht für uns, dann für die nächsten Generationen. Aber hier funktionieren meine alten Mechanismen, siehe oben. Ich muss wohl auch nicht erwähnen, dass mich die rechten Katastrophenszenarien –  Untergang des Abendlandes, Sieg des Islam und »Flüchtlingskatastrophe« – nicht ängstigen. Die »Flüchtlingskatastrophe« ist tatsächlich eine Katastrophe – für die Flüchtenden, nicht für uns. Wir müssen in diesem Zusammenhang vor allem logistische Probleme lösen, mit Pragmatismus und Herz. Was die Bedrohung des Abendlandes durch den Islam betrifft: Da halte ich selbst heute noch Harmagedon für wahrscheinlicher.

 

Im Gegensatz zu ihren Katastrophenszenarien aber machen mir die Rechten selber auf eine Art Angst, wie ich es nicht von mir kenne. Wo und in welcher Variante sie auch auftauchen, ob scheinbar moderat oder hardcore: AfD, Identitäre,  Pegida, FPÖ, Front National, White Supremacy, Schweden-Demokraten und wie sie alle heißen. Weil mit ihnen die maximale moralische Katastrophe, die nur einen einzigen positiven Aspekt hat, nämlich in der Vergangenheit zu liegen, plötzlich wieder für die Zukunft denkbar ist. Noch werden keine Lager gebaut, oder industriell Menschen ermordet, aber schon die Tatsache, dass Teile dieser überall schnell wachsenden Bewegung die Naziverbrechen leugnet, bagatellisiert und gleichzeitig hinter vorgehaltener Hand verherrlicht, zeigt die Richtung, in die es geht.

 

Ich weiß, diese Haltung würde auf einem evangelischen Kirchentag als zynisch gewertet, aber ich kann’s halt nicht ändern, so denkt es nun mal in mir: Ginge die Welt aus Ignoranz, Dummheit oder Habgier der Menschen hops, würde ich es bedauern. Ich hielte es aber angesichts der Menschheitsgeschichte für durchaus schlüssig, fast zwingend. Um nicht missverstanden zu werden: Weder würde ich eine solche Einstellung propagieren wollen, noch bin ich der Meinung, dass man nicht trotzdem versuchen muss, diese Katastrophe zu verhindern.

 

Was ich aber für vollkommen inakzeptabel hielte, wäre, das Ende der Welt, den Faschisten, den Nazis, den Rassisten – zu überlassen. Also vor dem Bösen zu kapitulieren. Da versagt selbst mein Fatalismus.


zurück zur Beitragsübersicht