Eine Hommage an Wien

Im Vorfeld zur ersten Ausgabe der Wien-Hommage spielten wir Mäuschen bei der Probe:

 

Ein Hinterhaus in der hannoverschen Nordstadt. In einem 9 m² kleinen Zimmer, das mit Regalmetern voller Noten, einem Klavier und einem Schreibtisch ohnehin schon nicht spärlich ausgestattet ist, treffen sich die Schauspielerin Beatrice Frey und die Musiker Christian Decker, Karoline Steidl und Daniel Stemberg zum Proben. Mit im Gepäck haben sie einen Kontrabass, eine zum Schlagzeug umfunktionierte Teekiste und eine Violine, Karoline Steidl hat am Klavier Platz genommen.

Was als Programm für eine Montagsbar begann, wird hier auf engstem Raum weitergesponnen, ausgebaut, abgewandelt: Wien – sein Sprach von Walzen und Küssdiehandke ist eine charmante musikalisch-literarische Hommage an die österreichische Hauptstadt und ihre Bewohner. Begonnen hat alles damit, dass Frey auf dem Dachboden ihrer Wohnung in Wien einen Koffer ihres Großvaters fand. Darin: Aufzeichnungen, Essays, Kompositionen, Romanentwürfe, (Liebes-)Briefe und Gedichte. Aus den Texten erfahren wir, dass der Großvater Tangotänzer war, Forscher, Archäologe, Gärtner, Schiffskoch, Kellner, in einer Bestattungsfirma, als Musikalienhändler, später auch als Uniprofessor gearbeitet hat, um nur einige seiner Tätigkeiten zu nennen. Er schrieb auf alles, was er finden konnte: Zugfahrkarten, Bierdeckel, Buchseiten, Servietten, herausgerissene Kalenderseiten, flüchtige Zettel von flüchtigen Impressionen, wie: »Ich beginne den missglückten Tag«. Eine wahre Fundgrube für Frey, die begann, daraus einen musikalischen Abend zu bauen.

Mit im Boot war schnell Wolf Bachofner, ein österreichischer Schauspieler, den Bea Frey von ihrer Zeit am Wiener Schauspielhaus kennt. Als Bachofner am Schauspiel Hannover gastierte (u. a. 2014 in The black rider im Ballhof) haben sich die beiden wiedergetroffen und beschlossen, zusammenzuarbeiten. Als nächste kam die Violinistin und Pianistin Karoline Steidl dazu: »Ich habe sie beim »Atlas der abgelegenen Inseln« kennengelernt und wir haben uns sofort miteinander wohlgefühlt, haben gleich angefangen zusammen Programme zu machen«, erklärt Frey. Kontrabassist Christian Decker, der musikalische Leiter am Schauspiel Hannover und Violinist Daniel Stemberg, eine Empfehlung von Karoline Steidl, gesellten sich hinzu.

Danach gefragt, welchen besonderen Reiz Wien auf die Norddeutschen ausübt, kommt Beatrice Frey ins Erzählen: »Im Gegensatz zur Direktheit und Geradlinigkeit, die man hier im Norden trifft, ist Wien viel ungenauer, voller Schatten und dunkler Linien. Es ist eine Ungenauigkeit, die einem wahnsinnig auf die Nerven gehen kann, weil man denkt, die Wiener lavieren herum und sind total unbestimmt, aber das hat eine ganz große Qualität, weil es eben auch das Vage, Träumerische, Verlorene und politisch vollkommen Unkorrekte zulässt.« Das Vage, sich Annähernde spürt man auch an diesem Vormittag in der Nordstadt. Die Musiker suchen sich ihre Stimmen, diskutieren über den richtigen Ausdruck, probieren, verwerfen, probieren erneut. Sollte frei rhythmisiert werden auf ein absurdes Gedicht? Oder sollte die Musik doch eher den Text kommentieren? Sollte man eine früher gehörte Aufnahme mit einbeziehen oder sich besser davon freimachen? Gemeinsam entsteht ein Ausdruck, der versucht, das Abgründige der Wiener Seele einzufangen. Sich dabei selbst nicht zu ernst zu nehmen, ist Beatrice Frey wichtig: »Man muss als Künstler nicht immer nur das Elend der Zeit reflektieren. Hier arbeiten wir nur zum Spaß!« Und so wachsen mit viel Spaß, gemeinsamem Frühstück und guten Gesprächen Texte, Musik, Menschen und Stile zusammen, um die Zuschauer ganz tief hinein in die abgründige Seele Wiens zu entführen, in diese sarkastische, lustvolle, poetische Melancholie einer Stadt und ihrer Bewohner. Und wer sich schon immer gefragt hat, was mit dem Wiener »Schmäh« gemeint ist, hier wird er fündig. »Es ist keine Lüge, aber wahr ist es auch nicht,« meint Beatrice Frey augenzwinkernd dazu.

Ulrike Eberle

 

Wien – sein Sprach von Walzen und Küssdiehandke
Mit Wolf Bachofner und Beatrice Frey
Live-Musik: Christian Decker, Karoline Steidl und Daniel Stemberg
3. Oktober 2018, Cumberland

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