Lesung mit Lars Eidinger

»Ich liebe dich kann man / auf dreierlei Weise betonen. / Wie spricht man den Satz ohne Betonung?«


Liebe ist für Thomas Brasch eine Haltung, die sich jeder Festlegung verweigert. Eine Haltung, die ihre Träume fürchtend und sehnend der Wirklichkeit aussetzt und das Mögliche stets in den Horizont des Unmöglichen stellt. Seine dichterische Leidenschaft hofft und verzweifelt, vertraut und betrügt, preist und vernichtet.
Lars Eidinger und sein Schauspieler- und Musikerkollege George Kranz bringen diese Gefühlsgewalt in ihrer musikalischen Lesung auf die Bühne des Schauspiel Hannover.

Lars Eidinger liest die Gedichte ernst und einfühlsam. Er erschafft eine melancholische Atmosphäre im Raum, die offen dafür ist, gefühlt, angezweifelt, umgedeutet zu werden. Und George Kranz schmettert die Verse ins Becken, zerreist die meditative Stille oder transformiert die pulsierende Energie in tiefes Grollen.

Das Publikum erwartet eine innige Auseinandersetzung mit dem bitteren Geschmack, den Thomas Brasch der Liebe andichtet in einer konzentrierten, fast meditativen Interpretation.

 

Lars Eidinger studierte Schauspiel an der Ernst Busch in Berlin, wo er neben Nina Hoss, Fritzi Haberland und Mark Waschke Teil der legendären Schauspielklasse war, die schon früh Aufsehen erregte. Seit 1999 ist er festes Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne und hat sich mit seinen intensiven Rolleninterpretationen von z. B. Richard III. zu einem der wichtigsten deutschen Theaterschauspieler etabliert. Dem Fernsehpublikum ist er aus Produktionen wie Tatort oder Terror – Ihr Urteil bekannt, wo er sich vor dem Bundesgerichtshof mit Martina Gedeck um das Recht eines Bundeswehrpiloten streitet. Auch internationale Filmerfolge kann Eidinger verbuchen: An  der Seite von Kristen Steward und Juliette Binoche drehte er z.B. 2014 Die Wolken von Sils Maria.

 

George Kranz hat als Drummer der Band Zeitgeist in den frühen 1980ern erste Erfolge gefeiert und mit seinen Solo-Singles Din Daa Daa und Trommeltanz den internationalen Durchbruch geschafft. Es folgen einige Soloalben, wie Move it! Und Sticky Druisin und viele Musikproduktionen für Film und Fernsehen. Kranz etabliert sich auch in der Theaterszene als Musiker und schreibt Texte, komponiert und produziert zuerst vor allem für Produktionen am Grips-Theater. Auch als freier Schauspieler ist Kranz tätig, z.B. unter der Regie von Thomas Brasch in Der Passagier – Welcome to Germany (1988). Er arbeitet u.a. mit Third World, The Roots, Ying Yang Twins und Phenix Horns zusammen.

 

Thomas Brasch ist nach seiner Geburt 1945 in der DDR aufgewachsen. Nachdem er 1964 wegen Systemkritik aus der Uni Leipzig, wo er Journalismus studierte, exmatrikuliert wurde, arbeitete Brasch als Kellner und Straßenkehrer und sammelte schließlich seine ersten Theatererfahrungen an der Volksbühne Berlin. Diese brachten ihn zu dem Entschluss Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg zu studieren. Nach seinem Abschluss entstanden seine ersten Hörspiele und Theaterstücke, die wegen ihrer systemkritischen und experimentellen Charakter aber selten aufgeführt und immer schnell abgesetzt wurden. Seine öffentlichen Aktionen gegen das DDR-Regime brachten ihm 1966 eine kurze Gefängnisstrafe und eine erzwungene Anstellung (Erziehungsmaßnahme) als Fräser im Berliner Transformatorenwerk Oberschöneweide ein. 1976 wagte Brasch die Aussiedlung in den Westen und konnte dort endlich sein Prosaband Vor den Vätern sterben die Söhne veröffentlichen, welcher ihm großen Erfolg brachte. Er blieb als Schriftsteller und Regisseur tätig und erhielt für seine Arbeiten mehrere Preise (z.B. den Kleist-Preis für sein Hörspiel Robert, ich, Fastnacht und die anderen oder den Kritikerpreis der Berliner Zeitung in 1992). Nach dem Mauerfall verstummte Brasch – erst 1999 meldete er sich mit einem neuen Prosaband Mädchenmörder Brunke zurück. Noch im selben Jahr folgten gleich zwei Uraufführungen: Stiefel muß sterben und Die Trachinierinnen des Sophokles oder Macht Liebe Tod. Und schon ein Jahr später folgte das Stück Frauenkrieg. Drei Übermalungen. Sein letztes Stück Eine Märchenkomödie aus Berlin musste unvollendet bleiben, da Brasch im November 2001 in Berlin verstarb.